Jüngst wurden beim Holland-Festival im Amsterdamer Westerpark in einem alten Gasometer an drei Tagen rund 15 Stunden aus Karlheinz Stockhausens Opernzyklus Licht. Die sieben Tage der Woche aufgeführt, etwa die Hälfte der Musik. Aus Licht erwies sich dabei als ein beispielloses und zugleich exemplarisches, ja zeichenhaftes Unternehmen.

Beispiellos sind die fast vier Jahre Vorbereitungszeit (inklusive Masterstudiengang für Studierende des Den Haager Konservatoriums), die 480 Mitwirkenden aus über 50 Ländern im Alter von 10 bis 67 Jahren, der logistische Aufwand mit insgesamt 450 Proben, das Budget von 3,6 Millionen Euro. Man setzte buchstäblich alles auf die Stockhausen-Karte und wollte zunächst sogar den gesamten Zyklus produzieren, was sich aber angesichts des noch einmal exponentiell gesteigerten Aufwands als nicht realistisch erwies.

Exemplarisch ist der Mut der Initiatoren, die erfolgreiche Zusammenarbeit verschiedener Kulturorganisationen, der Stockhausen-Stiftung, der Amsterdamer Oper und diverser Sponsoren, die alle zusammen das Wagnis eingegangen sind und es sogar möglich machten, das berühmte "Helikopter-Streichquartett" auf die Bühne bzw. in den Himmel über Amsterdam zu schicken. Dieses musikalisch-logistische Universum im Kleinen machte buchstäblich hörbar, was das Projekt im Ganzen auszeichnete: den Geist von Kommunikation und Zusammenarbeit, den Mut zum Risiko, den Sprung ins Unbekannte. Noch kurz vor der Premiere wurden über Crowdfunding 30 000 Euro für eine weitere Probe für dieses Stück gesammelt.

Exemplarisch war schließlich auch die fröhlich-entspannte Atmosphäre im und um den Gashouder der Westergasfabriek, die Offenheit und Neugierde des sehr zahlreichen Publikums, das sich von der Musik ebenso wie von der Inszenierung Pierre Audis, den atmosphärischen LED-Lichtspielen Urs Schönebaums, sowie den Videokünsten von Chris Kondek und Robi Voigt berühren ließ. Sie und alle Übrigen schufen mit den oft noch jungen, motivierten Musikern und Sängern, darunter zahlreichen Kindern, ein Gesamtkunstwerk-Opern-Erlebnis, das Staunen machte, ergriff, verzauberte, amüsierte und oft im besten Sinne überwältigte.

Exemplarisch erkennbar wurde, was an kreativen Potentialen, an Hingabe, Inspiration und Schönheit erweckt und vermittelt werden kann, wenn viele verschiedene Menschen mit ihren unterschiedlichen und einzigartigen Begabungen zusammenkommen und miteinander kooperieren. Es ist genau das, was künstlerische Großereignisse wie dieses zu einem Zeichen werden lässt: Zu einem Zeichen für das Schöpferische, Aufbauende und Gemeinsinnige, das Friedliche, Optimistische und Fröhliche im Menschen - in Zeiten, in denen die egozentrischen, destruktiven und nihilistischen Kräfte unterschiedlichster Couleur Ängste, Aggressionen und Spaltung befördern. Da wünscht man sich auch für Deutschland mal ein solches musikalisches Sommermärchen (im Kleinen findet es immerhin Ende Juli bei den Stockhausen-Kursen in Kürten statt).

Musikansich versteht sich als Plattform für alle Sparten und Spielarten der Musik. Und bringt zusammen, was in Genrenischen an Verborgenem blüht bzw. tönt. So darf die geschätzte Leserschaft sich auch in diesem Monat wieder über zahlreiche Berichte, Interviews und Rezensionen freuen, die das ganze Spektrum von U bis E und von zart bis hart abdecken.

Stefan Graßl berichtet über das vielleicht letzte Konzert der Eagles in München, während Roland Ludwig die Leipziger Station der Orchestermetaltour von Accept mit kritischen Ohren begleitet. Jubilarisch kommt mit der 100. Folge Norbert von Franseckys Kolumne Mein Leben mit der CD daher, zugleich ein spannender Einblick in die Geschichte der Familie von Fransecky.

Beste Grüße

Georg