Südamerika im Leipziger Werk II, Teil 2: Che Sudaka




Info
Künstler: Che Sudaka

Zeit: 04.03.2020

Ort: Leipzig, Werk II

Internet:
http://www.chesudaka.com

Acht Tage zuvor hatten Doctor Krapula in der Halle D des Werkes II in Leipzig gastiert und einen mitreißenden Gig gespielt, sich aber mit einer überschaubaren Publikumskopfzahl begnügen müssen (siehe Review auf diesen Seiten). Nun steht ein Auftritt von deren Brüdern im Geiste, nämlich Che Sudaka, an – wie wird die strukturelle Lage diesmal aussehen? Zumindest bezüglich des Publikumszuspruchs ist die Frage schnell beantwortet, denn vor der Halle steht eine lange Menschenschlange, und die Lokalität ist zwar nicht komplett ausverkauft, aber doch ziemlich dicht gefüllt. Im hinteren Bereich zwischen Mischpult und Bar bleibt jedoch genügend Platz, um bei entsprechender Neigung das Tanzbein auch etwas intensiver zu schwingen, was weiter vorn an diesem Abend etwas schwieriger zu realisieren ist, will man nicht dauernd mit seinem Nachbarn kollidieren, und das ist im Zeitalter des auch in Mitteleuropa längst angekommenen Coronavirus eine noch schlechtere Strategie als sonst. Der Rezensent nimmt zunächst eine Position direkt vor dem Mischpult ein, fühlt sich dort aber irgendwie nicht wohl und verschwindet nach vielleicht einer Viertelstunde daher auf eine Position direkt hinter dem Mischpult, wo mehr Platz und zudem weitgehend freie Sicht nach vorn herrscht.
Die Ankündigung liest sich spannend: „Mit ihren optimistisch-rebellischen Texten, ihrer unendlich positiven Attitüde und Energie auf der Bühne und ihrem höchst wiedererkennbaren Sound-Mix aus lateinamerikanischer Folklore, Ska, Reggae, Punk und elektronischen Elementen ist Che Sudaka eine der meistgeliebten Bands in der alternativen Latino-Szene geworden. Vier Brüder, die mit Akkordeon, akustischen und elektrischen Gitarren, Samplern und Drum-Maschine die Zeit anhalten.“ Das mit den Brüdern ist symbolisch zu betrachten – es handelt sich nicht biologisch um solche, sondern im Sinne dessen, was man früher als Klassenbewußtsein bezeichnet hätte: einstmalige illegale Immigranten von Südamerika nach Barcelona, mittlerweile aber längst respektierte Musiker und selbstverständliche Bestandteile der europäischen Kulturszene. In diesem Kontext sind auch ihre zahllosen Kooperationen mit anderen Künstlern zu betrachten, von denen einige im jüngsten Projekt Conectando! zusammengefaßt sind. Wer allerdings vermutet hat, dass der eine oder andere Gast mit auf Tour sein könnte, sieht sich getäuscht: Zumindest an diesem Abend in Leipzig ist ausschließlich das Che-Sudaka-Stammquartett aktiv, Gastmusiker gibt es keine und eine Vorband auch nicht, was bei anderen Gigs der Tour möglicherweise anders gewesen ist – so war im März u.a. auch ein gemeinsamer Gig mit den eingangs erwähnten Doctor Krapula geplant, aber der Rezensent weiß nicht, ob der noch stattgefunden hat oder bereits der Corona-Epidemie zum Opfer gefallen ist.
Wen bekommen wir in Leipzig also zu hören? Kurz zusammengefaßt: einen Akustikgitarristen, einen E-Gitarristen, einen zweiten Akustikgitarristen, der aber oft auch ans Akkordeon wechselt – alle diese drei sind auch sängerisch aktiv, und als Vierter im Bunde tritt noch ein hauptamtlicher, kein Instrument spielender Sänger hinzu. Die beiden Akustikgitarristen steuern oft rhythmusgitarrenartige Parts bei, der E-Gitarrist tut Ähnliches – die markantesten Rhythmuselemente aber werden aus der Konserve hinzugefügt. Das muß per se kein Problem sein, denn schließlich gilt immer noch der alte Spruch von Ministrys Al Jourgensen, dass es auf die Wirkung und nicht unbedingt auf die Mittel ankomme: „Das ist wie im Krieg: Egal ob du einen Panzer oder ein U-Boot benutzt, Hauptsache, der Feind ist tot.“ Und gelungene Mixturen aus „natürlichen“ und elektronischen Instrumenten stellen durchaus keine Hexerei dar – an diesem Abend aber tun sie es leider: Der Synthie-Baß kommt so verwaschen aus den Boxen, dass er seine verbindende Funktion zwischen Gitarren bzw. Akkordeon und den Drum-Samples nicht ausfüllen kann, und man ahnt seine Linien mehr, als dass man sie wirklich hört. Dadurch geraten aber die Drums zum klanglichen Fremdkörper und sind zudem so laut abgemischt, dass man sie auch nicht einfach ausblenden kann, um sich nur auf die live gespielten Instrumente zu konzentrieren. Auf letztgenanntem Sektor sind Che Sudaka nämlich wirklich fit, spielen einfallsreich und vielfältig, und hätte man die gelegentlichen melodischen Soli des E-Gitarristen im Soundgewand noch ein wenig deutlicher hervorgehoben, so wäre ein weiteres Highlight des Bandschaffens deutlich geworden. Dass sich die Band gekonnt kreuz und quer durch das eingangs genannte Stilspektrum manövrieren würde, war zu erwarten – manchen Hörer wird freilich überrascht haben, dass im Gegensatz zur untenstehenden Tracklist keineswegs 24 abgrenzbare Nummern gespielt, sondern im Gegenteil häufig mehrere medleyartig zusammengefaßt werden, was den Vorteil hat, dass es weniger Pausen gibt, die mit Ansagen gefüllt werden müssen. So lobenswert das soziokulturelle Engagement der Musiker auch ist, so interessant mancher Songhintergrund auch ausfällt – das Gros der Ansagen ist deutlich zu ausschweifend und mindert daher ungewollt seine Wirkung. Dass die Musiker die Ideale von Liebe, Frieden und Füreinander-Einstehen hochhalten, hat das Publikum spätestens nach der zweiten Erwähnung dieses Faktes begriffen (das Gros der Anwesenden dürfte die Band sowieso schon vorher gekannt und damit auch gewußt haben, welcher Wertekanon hier vertreten wird) und hätte keiner Wiederholung in nahezu jeder Ansage bedurft. Wohltuende Ausnahme ist die Szene, als Akkordeonist Cheko zum Mikrofon greift und eine Ansage auf Deutsch macht, weil er es für wichtig hält, dass man als Künstler die gleiche Sprache spricht wie sein Publikum, wenn man diesem etwas nahebringen möchte, woran man selbst mit dem Herzen hängt. Dass er die Ansage überwiegend von einem Zettel abliest – geschenkt: Hier zählt die Geste, und es zählt zudem der Inhalt, nämlich eine knappe Vorstellung der nächsten beiden Songs „Cuando Sera“ und „El Libro De Los Abrazos“, beide auf kolumbianischen Volksweisen beruhend. Da stimmt die Balance zwischen Education und Entertainment, da hört man den Songs nochmal mit ganz anderem Ohr zu. Leider ist das Mischungsverhältnis über weite Strecken des Gigs nicht so ausgewogen – aber kurioserweise stört sich das Publikum, jedenfalls das Gros desselben, daran ebensowenig wie an der erwähnten schwierigen klanglichen Einbindung der Rhythmuskonserve: Die Band wird abgefeiert, als gäbe es kein Morgen (was im konzertanten Sinne ja dann wenige Tage später auch tatsächlich eintrifft, wenngleich das an diesem Abend noch niemand wahrhaben will), die Tanzbeine vieler Anwesender zucken so intensiv, wie das bei den beschriebenen räumlichen Verhältnissen eben möglich ist, man singt, sofern man des Spanischen mächtig ist, auch fleißig mit (oder formuliert in den Coverversionen gedanklich den Originaltext, wobei der Rezensent vermutlich der einzige Anwesende ist, dem da bei einer gewissen Sting-Vorlage statt „Englishman In New York“ die Otto-Variante „Friesenjung“ durch den Kopf spukt), und ohne einen Packen Zugaben, gleichfalls wieder partiell medleyartig, kommt das Quartett logischerweise auch nicht davon. Der Rezensent wiederum ist hin- und hergerissen: Spielfreude und Energie der Band überzeugen auch ihn, aber in den beschriebenen Komponenten kommt ihm bisweilen der Ausspruch „Weniger ist mehr“ in den Sinn, und in seiner persönlichen Wertung tragen die basischeren und klanghomogeneren Doctor Krapula im Direktvergleich daher die imaginäre Trophäe davon, was indes niemanden vom Antesten aller beider Formationen abhalten soll, sobald das Konzertleben eines Tages wieder seinen normalen Gang gehen wird.

Setlist Che Sudaka:
Alumbra Tu Alma
La Guerra Es Por Dentro
Al Sistema (No Le Conviene)
Mirando El Mundo Al Revez
Seras Feliz
Todo Vuelve
Viendo Tu Vida Al Pasar
Love Is Strong
Silence Raval
Plegaria
Cuando Sera
El Libro De Los Abrazos
La Ley Del Miedo
Almas Rebeldes
Mentira Politika
La Risa Bonita
Yo Quiero Mas
Los Objetivos
10
Arma Dispuesta
Que Ironia
Amores (El Trenecillo)
Come Una Bomba
Per La Strada


Roland Ludwig



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