Delalande, M. R. (Daucé, S.)

Grand Motets


Info
Musikrichtung: Barock Geistliche Musik

VÖ: 04.02.2022

(Harmonia Mundi / Harmonia Mundi / CD / DDD / 2020 / Best. Nr. HMM 902625)

Gesamtspielzeit: 80:20



LEUCHTENDE RESONANZEN

Gleich drei neue Einspielungen mit Grand Motets, der liturgischen Hauptgattung im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts, sind zeitnah beim Versailler Label und Harmonia Mundi erschienen und demonstrieren das weite interpretatorische Spektrum, das, auf hohem und höchsten technischen Niveau, dann doch ganz unterschiedlich überzeugende Ergebnisse zeitigt.

Stéphane Fuget und Les Épopées haben die zweite Folge ihrer Reihe mit Lully-Motetten herausgebracht. Und leider gelingt es ihnen nicht, beim berühmten „Miserere“ und zwei weiteren Motetten an die erhabene Wucht ihrer ersten Einspielung anzuschließen. Lullys musikalische Architektur wird durch die diesmal im Übermaß angebrachte Verzierungen, mikrotonale Intonationen, extreme Rubati und einen auf maximale Heterogenität angelegten Ensembleklang geradezu überwuchert. Selbst die Einsätze erscheinen oft verwackelt: Versailles, komplett unter üppigem Efeu. Man erahnt die Formen, aber irgendwie verschwimmen alle Konturen. Der Klang wirkt aufgrund der interpretatorischen Extreme und der dominanten Versailler Schlosskapellen-Akustik übersteuert. Trotz einiger eindrücklicher Momente: Hier dominiert das interpretatiorische Konzept über die musikalische Form.

Da überzeugen Gaetan Jarry und sein Ensemble Marguerite Louise beim selben Label mit den vier Grand Motet Jean-Philippe Rameaus gleich viel mehr, weil trotz aller farbigen Dramatik (von der vor allem das facettenreiche „Deus noster refugium“ profitiert) der Ausdruck und die Form klar definiert bleiben. Allenfalls die auch hier hallige Kirchen-Akustik bringt die an J. S. Bach gemahnende Kontrapunktik Rameaus in den Chören etwas zum Schäumen.
Doch nicht zuletzt wegen des Solist:innen-Ensembles ist dies eine sehr einnehmende Alternative zu den vorhandenen Aufnahmen, auch wenn die inzwischen fast dreißig Jahre alten Referenz von William Christie und „Les Arts Florissants“ als goldene Mitte das Maß bleibt.
Jarrys Aufnahme hat den Vorzug, dass die sehr kurze fünfstimmige „Übungsmotette“ „Laboravi“ aus Rameaus Harmonie-Traktat auch enthalten ist. Der Einzelsatz, als eine Art Demonstrationsobjekt für Harmonie und Kontrapunkt gedacht, ist eine lohnende Ergänzung.

Als dritter im Bunde legt Sébastien Daucé mit dem Ensembles Correspondances eine geschliffen schöne Interpretation dreier Motetten von Michel-Richard Delalande vor, dem unbestrittenen klassischen Meister der Gattung.
Schon vor über dreißig Jahren hatte Philippe Herreweghe mit „La Chapelle Royale“ bereits das „Dies Irae“ und das „Miserere“ beim gleichen Label eingespielt. Doch wie sehr unterscheidet sich der Zugriff inzwischen! Die breiter phrasierende bzw. artikulierende Rhetorik der älteren Aufnahme ist zugunsten eines flüssigeren, sanglicheren und trotzdem pointierten Angangs aufgegeben. Unüberhörbar sind die Entwicklungen im souveränen Instrumentalspiel. Delalandes ausgezeichnetes Gespür für Kontraste und lebhafte Architekturen, die schönen Proportionen seiner immer auch emotional bewegenden Musik finden in „Les Correspondances“ einen passgenauen Resonanzraum. Da sitzt jedes klangfarbliche, dynamische und artikulatorische Detail.
Daucés Ensemble überzeugt in den vokalen Soli durch expressive Delikatesse. Die gegenüber den beiden anderen Aufnahmen mit Werken Lullys und Rameaus ohne Frage schlankeren, aber keineswegs schmalbrüstigen Stimmen sind der Musik sehr dienlich und stehen hörbar (und erfreulicherweise) in der Tradition der älteren Aufnahmen von Herreweghe und Christie. Die Chöre haben Substanz und können regelrecht Funken schlagen, insbesondere im Hymnus „Veni Creator Spiritus“, dessen finales „Gloria Patri“ mit rauschhaftem Schwung und Tempo dahinfliegt.

Als kleine Zugabe wurde noch ein rund zweiminütiges Quartett vom 3. Caprice der „Symphonies pour les Soupers du Roi“ eingeschoben. Diese Miniatur wirkt in dem Kontext etwas unentschlossen; tatsächlich umfasst die Online-Version des Albums noch das umfangreiche „Grande Pièce royale“ aus derselben Sammlung. Leider fand es auf der schon randvollen CD keinen Platz mehr. Vielleicht werden es ja bei späteren Aufnahmen noch mehr Stücke? In jedem Fall klingen die Beispiele sehr verheißungsvoll und man wünscht sich eine eigene Correspondances-Platte mit weiteren dieser lukullischen Kompositionen.



Georg Henkel



Trackliste
Miserere
Dies irae
Veni Creator

Quatuor aus Caprice Nr. 3 des Symphonies pour les Soupers du Roi
Besetzung

Ensemble Correspondances

Sébastien Daucé, Leitung



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