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Reviews

Tokyo Blade

Night Of The Blade


Info

Musikrichtung: New Wave Of British Heavy Metal

VÖ: 20.11.2019 (1984)

(Classic Metal / Voice Music)

Gesamtspielzeit: 66:46

Internet:

http://www.classicmetal.com.br
http://www.voicemusic.com.br

1983 war ein sehr ereignisreiches Jahr für Tokyo Blade (siehe Review des selbstbetitelten Debütalbums), 1984 sollte indes ähnlich ereignisreich werden. Zunächst gab es einen Wechsel am Baß – Andy Wrighton, ein alter Kumpan von Gitarrist John Wiggins aus Zeiten der Band Deep Machine, übernahm den Job von Andy Robbins, der Jahre später mit Jagged Edge und dann speziell mit Skin nochmals zu gewisser Bekanntheit gelangen sollte. Dieses zu 20% neue Quintett ging ins Studio, um den Zweitling Night Of The Blade aufzunehmen – als das geschehen war und eine Frankreich-Tour mit Mama’s Boys ins Haus stand, verließ Sänger Alan Marsh die Band allerdings, da ihn der zunehmende Erfolgsdruck zermürbte und es Differenzen mit dem Label Powerstation Records gab (über die sich in einem 1987er Interview dann auch Bandkopf Andy Boulton beklagte). Der Ersatz am Mikrofon hörte auf den Namen Vic Wright und sang die fertig aufgenommene Platte noch einmal komplett neu ein, zumindest die Leadvocals – Marshs Backings hingegen sollen, so sagt die Encyclopedia Metallum, von der ersten Session übernommen worden sein, ohne dass der alte Sänger aber auf der Platte erwähnt wird. Die Ur-Version von Night Of The Blade, also mit Marshs Leadvocals, erblickte viele Jahre später doch noch das Licht der Welt, und so kann der Besitzer beider Versionen jetzt konkret vergleichen, wie es um die Backings tatsächlich steht.
Was jetzt hier aus Brasilien als Re-Release vorliegt, ist die „handelsübliche“ Version, also mit Wrights Leadvocals. Der Neue macht seine Sache ähnlich gut wie Marsh – auch er zählt nicht zu den ganz Großen der Szene, aber liefert eine solide Leistung ab, was schon mal mehr ist, als man erwarten konnte, denn schließlich waren die Songs noch auf Marshs Stimme zugeschnitten: Am Songwriting konnte sich Wright nicht mehr beteiligen, das hatten Boulton und Marsh, in einigen Songs noch unterstützt durch Wiggins, erledigt. Somit kann man den Neuen auch nicht dafür verantwortlich machen, dass die „Kommerzialisierung“, wie man damals zu sagen pflegte, bei genauem Hinhören schon hier einsetzte (oder, wie im Review zum Debütalbum analysiert, sogar schon dort eingesetzt hatte): Tokyo Blade hatten das Tempo weiter herausgenommen und unter den acht Songs lediglich eine ganze und zwei halbe Speednummern versteckt, was also nochmal deutlich weniger war als auf dem Debüt. „Unleash The Beast“ als die ganze eröffnet die B-Seite der Original-LP, und dort schlägt an Position 3 das mal stampfende, mal halbakustisch entrückte „Dead Of The Night“ im Mittelteil plötzlich in einen ausgedehnten ekstatischen Hochgeschwindigkeits-Soloteil um, in dem Boulton und Wiggins an ihren Gitarren wieder mal zaubern und eindrucksvoll unterstreichen, dass sie zu den wahren Könnern an ihrem Instrument gehören. Der andere halbe Speedsong hat schon auf der A-Seite gestanden und ist gewissermaßen reziprok strukturiert, denn hier rahmt ein Speedgerüst einen entrückten Mittelteil – es handelt sich um den Titeltrack, einen der allerbesten Songs im Kontext dieser Band, dessen Refrain so einprägsam ausfällt, dass ihn der Rezensent auch nach mindestens 20 Jahren Abstinenz noch auswendig mitformulieren konnte, als er in Form des Re-Releases erstmals wieder aus den Boxen drang. Die anderen fünf Songs der LP bewegen sich allesamt im Midtempobereich, wobei „Warrior Of The Rising Sun“ strukturell nochmal aus dem Rahmen fällt, das Asien-Thema fortsetzt, mit seiner episch-abwechslungsreichen Struktur gleichfalls hoch zu punkten weiß und somit zu Recht Namensgeber der im Folgejahr erschienenen Compilation-Doppel-LP wurde. Der Rest des Materials läßt qualitativ natürlich auch nichts Grundlegendes zu wünschen übrig und fällt lediglich im Mitreiß-Faktor ein wenig ab – und da kam eben noch der Verdachtsmoment der Speedfreaks dazu, auch Tokyo Blade würden dem Geruch des Geldes folgen und „kommerzieller“ werden (das warf man weiland übrigens auch Metallica vor, die auf dem im gleichen Jahr erschienenen Ride The Lightning deutlich kontrollierter musizierten als noch auf Kill ‘Em All).
Genährt wurde der Verdacht durch eine Erscheinung, die man in ähnlicher Form schon vom Debütalbum her kannte und die sich auf dem vorliegenden Re-Release im Bonusteil nachvollziehen läßt: Tokyo Blade hatten das Gros der Speednummern auf die Singles „ausgelagert“. Die beiden enorm zügigen „Fever“ und „Attack Attack“ bildeten die B-Seiten der Lightning Strikes-Maxi-Auskopplung, und der Blitz schlägt da eben deutlich langsamer ein als die beiden B-Seiten-Nummern. „Madame Guillotine“, in dessen Strophen Wright ungewöhnlich tief agiert, fand gleich gar keinen Platz auf dem Album, sondern wurde nur als Single verbraten, mit „Break Out“ als B-Seite – und auch hier schwingt die Band wieder zweimal die Speedkeule. Diese vier Nummern stammten auch alle noch vom Songwritinggespann Boulton/Marsh – Wright dagegen griff erst in den Kreativprozeß ein, als es an neues Material ging. Vier mit ihm komponierte Songs wurden gleichfalls noch 1984 bei Andy Allen in den Cave-Studios eingespielt, also dort, wo auch die Genghis-Khan-Singles aufs Band gebannt worden waren – das Resultat nannte sich The Cave Sessions, wurde damals allerdings nur in Frankreich veröffentlicht und zudem mit dem Subtitel Official Bootleg versehen. Das Klanggewand ist in der Tat ein wenig dumpfer als das der regulären Aufnahmen und vor allem gitarrenseitig einen Deut zu drucklos, aber durchaus gut anhörbar. Auch diese vier Nummern werden allerdings von einer im Speedtempo eröffnet – in „Monkeys Blood“ tritt Steve Pierce die Doublebass gleich zu Beginn ordentlich durch. Mit „School House Is Burnin’“ versucht sich die Band dann allerdings an einem Hit im Sinne von Alice Coopers „School’s Out“, und das muß schiefgehen, auch wenn der Song strenggenommen durchaus nicht schlecht ist und vor allem der Soloteil mal wieder richtig Hörspaß bereitet. „Shadows Of Insanity“ hebt mit einem interessanten Akustikteil an, der verdeutlicht, dass Wright auch ruhigere Passagen interessant gestalten kann, bis der Hauptteil im treibenden Midtempo vorwärtsgeht, angefeuert von einem klassischen Kreischgeräusch des Vokalisten, das nachbetrachtend verdeutlicht, wieso er nach seiner Tokyo-Blade-Zeit bei den AC/DC-Soundalikes Johnny Crash landete. Das gute, aber nicht weiter auffallende „Jezzabell“ verbleibt abschließend gleichfalls in Midtempogefilden. So haben wir sozusagen ein Tokyo-Blade-Übergangsalbum vor uns, allerdings ein über weite Strecken richtig gutes und nicht selten sogar enorm starkes, das wie das Debüt in jede vernünftige NWoBHM-Sammlung gehört. Die vorliegende brasilianische Pressung entspricht songseitig wiederum der von High Vaultage aus dem Jahre 1997, aus der wohl auch die Liner Notes (diesmal die komplette Bandgeschichte bis 1997 erzählend) übernommen wurden. Im Booklet finden sich außerdem die kompletten Lyrics, diverse historische Fotos mit modischen Sündenfällen und die Ankündigung eines Gigs in Paris mit Helix, bei dem RTL (!) als Präsentionspartner mit von der Partie gewesen zu sein scheint. Those were the days ...



Roland Ludwig

Trackliste

1Someone To Love3:38
2Night Of The Blade4:00
3Rock Me To The Limit4:52
4Warrior Of The Rising Sun5:23
5Unleash The Beast4:30
6Love Struck3:45
7Dead Of The Night3:55
8Lightning Strikes (Straight Through The Heart)4:29
9Fever3:27
10Attack Attack3:36
11Madame Guillotine4:42
12Break Out3:44
13Monkeys Blood3:42
14School House Is Burnin’3:58
15Shadows Of Insanity3:00
16Jezzabell3:19

Besetzung

Vic Wright (Voc)
Andy Boulton (Git)
John Wiggins (Git)
Andy Wrighton (B)
Steve Pierce (Dr)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger