Keine Handvoll Regen trotz Alex Skolnick: Jane Getter Premonition im Jenaer Kulturbahnhof




Info
Künstler: Jane Getter Premonition

Zeit: 04.11.2022

Ort: Jena, Kulturbahnhof

Internet:
http://www.janegetter.com

Neun Konzerte (und einen Workshop) in Deutschland, Österreich und den Niederlanden umfaßt die aktuelle Europatour von Jane Getter und ihrer Premonition geheißenen Solotruppe – Berlin, wo ja viele internationale Acts Station machen, bleibt allerdings außen vor, und so machen sich doch tatsächlich etliche Anhänger der Chefin auf den weiten Weg in den nächstgelegenen Konzertort, was in diesem Falle das 250 km entfernte, per Bahn allerdings gut erreichbare Jena ist. Aber auch dieser Fanatismus bleibt ein Tropfen auf einen zumindest warmen Stein – der Füllstand des Kulturbahnhofs läßt noch einige Luft nach oben, wobei die Anwesenden, das sei vorweggenommen, immerhin mit einem der stärksten Konzerte des Jahres 2022 belohnt werden.

Gut, die Erwartungshaltung ist natürlich auch nicht gerade klein, sieht man, was für Könner die Chefin verpflichtet hat. Drummer Matthias Bossi, den mancher von der einprägsam Sleepytime Gorilla Museum betitelten Band kennen könnte, ist neu an Bord und ersetzt Bassist/Sänger Paul Frazier als „Bandküken“, wobei die Rhythmusgruppe aber bestens harmoniert. Keyboarder Adam Holzman hat sowohl Miles Davis als auch Steven Wilson auf seiner Kollaborationsliste – und dann wäre da noch Alex Skolnick an der Gitarre. Richtig, der Mann, der bis in die frühen Neunziger mit Testament im Thrash Metal arbeitete, dieses ihm zu eng werdende Korsett aber bald abstreifte, im Metal aber noch für etwas anderes bekannt wurde: Er half tatkräftig mit, Savatage nach dem Tod von Criss Oliva am Leben zu erhalten, spielte auf dem Handful Of Rain-Album und dem anschließenden Japan-Live-Album – und erzählt dem Rezensenten, der ihn nach dem Gig darauf anspricht, dass das an diesem Tag schon mal Thema gewesen sei. Fast 30 Jahre liegt das nun zurück, und seither hat sich Skolnick auch in vielen anderen Genres einen Namen gemacht, wobei die Vielseitigkeit dem Material der Jane Getter Premonition durchaus entgegenkommt. Zwar legt die Chefin ihre Songs irgendwo im jazzigen Progrock (oder meinetwegen im proggigen Jazzrock) an, aber sie gönnt sich und ihren Mitstreitern von dort aus immer wieder Ausflüge in benachbarte Genres und webt vielerlei Einflüsse in den Quintett-Sound ein, ohne dass dabei aber etwa beliebig klingende Soße entstünde – ganz im Gegenteil: Zwar fühlt man sich hier und da durchaus mal an andere Acts erinnert, aber in der Gesamtbetrachtung sind Jane Getter Premonition nur sie selbst, mal ganz zu schweigen von einer eigenen Methode zur Erschaffung von Skalen und Arpeggios, die die Chefin erfunden hat und die auch den des Gitarrenspiels nicht mächtigen Hörer an der einen oder anderen Stelle überrascht aufhorchen läßt, da sich die hier gefundenen Lösungen dann in der Tat von anderen Saitenschwingern unterscheiden, wobei Skolnick diesen Weg natürlich gern mitgeht – die beiden duellieren sich in bester metallischer Tradition bisweilen minutenlang, indem sie sich gegenseitig mit Themen zuwerfen und diese mal adaptieren, mal aber auch nicht, und klassische, aber eben genau nicht nach den großen Vorbildern Iron Maiden oder Wishbone Ash klingende zweistimmige Passagen sind auch mit am Start. Dazu treten allerdings noch Holzmans Keyboards, die von spacerockigem Gepfeife über alles, was der Siebziger-Keyboarder so aufzufahren pflegte, bis hin zu einigen neuzeitlicheren Effekten reichen. Bossi wiederum hat ein recht großes Arsenal vor sich stehen und nutzt das auch, im psychedelischen Intro auch diverse kleine Gongs und andere Utensilien. Frazier spielt einen Fünfsaiterbaß und teilt sich mit Getter in die Vocals, wenn es denn welche gibt – der dem besagten Intro folgende Opener „Kryptone“ etwa kommt instrumental daher, und auch sonst schweigen die beiden Vokalisten recht oft. Wenn sie aber agieren, stellt man schnell fest, dass sich ihre eher weichen Stimmen prima ergänzen, wobei Getter bisweilen ein wenig schnoddrig agiert, während Frazier auf klarere Melodielinien erpicht ist, die allerdings in der Gesamtbetrachtung sowieso dominieren, ohne dass freilich größere Eingängigkeit erzielt wird: Selbst ein eher Singer-Songwriter-Territorium streifender Song wie „Alien Refugee“ verzichtet auf ganz große einprägsame Refrains, was in diesem Fall ein wenig schade ist, denn diese auch lyrisch sehr engagierte Nummer (es geht um ein Flüchtlingsschicksal) hätte definitiv eine größere Verbreitung verdient und könnte mit ihrer relativen Zugänglichkeit einen Türöffner für das Quintett darstellen, auf dass Können und Zuspruch mal nicht in einem so eklatanten Mißverhältnis stehen.

Aber egal wie: Mit diesem Song endet ein Block aus vier Nummern, die in dieser Reihenfolge auch auf dem aktuellen, 2021 erschienenen und die Ordnungszahl 6 tragenden Album Anomalia am Anfang stehen, bevor es die erste Abweichung gibt, und zwar mit einer von zwei Fremdkompositionen des Abends: „In The Court Of The Crimson King“ aus dem Hause Fripp & Co., das allerdings mit dem Eigenwerk „Inversion Layer“ zu einem großen dynamischen Ganzen zusammengeschmiedet wird. Auch im Rest des Sets kommt noch Anomalia-Material vor, aber das Quintett nutzt die Gelegenheit auch, einen neuen, noch unkonservierten Song zu testen, der sich prima in den Set einpaßt, und spielt, damit die Altfans nicht ganz leer ausgehen, auch noch einige Nummern von den zuvor erschienenen fünf Longplayern. Die markanteste steht dabei ganz am Setende: „Train Man“, eine reale Begegnung Getters in der New Yorker U-Bahn behandelnd, gebärdet sich zunächst eher zurückhaltend, nimmt aber im Mittelteil Fahrt auf und gibt den Instrumentalisten viel Raum, ihrer Spielfreude freien Lauf zu lassen, dabei dann auch mal am Metal kratzend und die Grenze zu diesem bisweilen auch überschreitend, was auch zuvor schon gelegentlich der Fall gewesen war, wenn Skolnick oder Getter mal geradlinige Riffs eingeworfen hatten, unter die Bossi dann allerdings recht komplexe Rhythmen legte, das Tanzbeinschwingen oder Headbangen damit zu einer nicht leichten, aber reizvollen Aufgabe machend. „Train Man“ erreicht in dieser Hinsicht Gipfelpunkte, bevor es dann wieder zum Ausgangsthema zusammenfällt und neben dem King-Crimson-Cover den stärksten Applaus des Abends einfährt. Eine Zugabe darf folglich nicht fehlen – mit „Dance Of Maya“ gibt es hier zunächst ein instrumentales Traditional, das dann in „The Loop“ übergeht, während das auch noch auf der Setlist verzeichnete „Good Luck With Your Music“ an diesem Abend nicht erklingt und als Zusatzoption notiert wurde, wie Holzman einem wißbegierigen Anhänger hinterher erläutert. Allerdings bleibt so die Gesamtspielzeit etwas kurz und erreicht nur knapp die 90-Minuten-Marke – das einzige Manko eines sehr starken Konzertes, das zudem mit einem sauberen Sound in angenehmer Lautstärke Punkte sammeln kann. In einer gerechten Welt müßten Jane Getter und ihre Spießgesellen auf Stadionbühnen stehen, wenn man ihr Können zugrundelegt. Besser gefüllte Clubs wären als erster Schritt beim nächsten Mal aber auch schon ganz schön. Ach ja, und wenn der Rezensent fürs nächste Mal einen Wunsch für die Coverversionenwahl äußern dürfte – wie wär’s mit Savatages „Alone You Breathe“?


Roland Ludwig



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