Musik an sich


Reviews
Lully, J.-B. (Dumestre – Lazar)

Cadmus & Hermione


Info
Musikrichtung: Barock Oper

VÖ: 01.11.2008

(Alpha / Note 1 / DVD live 2007 / Best. Nr. Alpha 701)

Gesamtspielzeit: 123:00



EXOTISCH

Gäbe es sie nicht schon, für die Opern Jean-Baptiste Lullys müsste die DVD erfunden werden. Denn die musikalischen Tragödien, die der Hofkomponist Ludwig XIV. zusammen mit seinem bevorzugten Librettisten Philippe Quinault ersann, waren immer auch für eine pompös-theatralische Inszenierung konzipiert, bei der die dramatische und visuelle Komponente bruchlos mit der musikalischen Inszenierung verschmolz.
Die aktuelle Lully-Renaissance auf Platte, die von Frankreich ausgehend inzwischen sogar die USA erreicht hat (das Boston Early Music Festival servierte Thesée und Psyché (CPO), die Opera Lafayette Armide (Naxos)), konzentriert sich fast ausnahmslos auf die musikalische Seite. Einzige Ausnahme war bislang eine stark gekürzte Fassung des Persée (EuroArts). Allerdings bemühte man schon bei dieser Produktion jene Mittel, die auch bei der jüngsten Ausgrabung für ein Fest der Sinne sorgen: Historische Aufführungspraxis nicht nur im Orchestergraben, sondern auch auf der Bühne.

Nachdem der Bourgeois Gentilhomme vor zwei Jahren für Aufsehen gesorgt hat, haben sich Vincent Dumestre und Benjamin Lazar dieses Mal für die kaum bekannte erste Tragedie lyrique Lullys entschieden. Cadmus & Hermione aus dem Jahr 1672 sind mit zwei Stunden Dauer eine recht kurzweilige Angelegenheit. Dabei enthält die Oper schon alles, was die späteren Bühenwerke Lully/Quinaults auszeichnet: Eine meist mythologische Handlung um Heroen und Heroinnen, Götterwalten und Zaubererintrigen, Fabelwesen und Monster. Also eine Art ‚Harry Potter‘ des 17. Jahrhunderts.
Kulissenverwandlungen auf offener Bühne, pyrotechnische Effekte, Flugmaschinen und Drachenauftritte wurden für die Produktion in der Opera Comique nach zeitgenössischen Vorbildern rekonstruiert. Dazu kommen opulente Kostüme, die Motive aus Tausendundeinenacht mit der höfischen Mode des 17. Jahrhunderts verschmelzen. Zusammen mit dem meist üppigen Kopfputz sorgt die Ausstattung fast wie von selbst dafür, dass auch Gestik und Mimik gemessen und stilisiert daherkommen. Und damit man auch in der letzten Reihe genügend sieht und hört, blicken die Figuren immer in Richtung Publikum, selbst dann, wenn sie etwas miteinander verhandeln. Lediglich bei den Tanzeinlagen hat man eine etwas verunglückte, da unentschlossene moderne Choreographie gewählt.

Das Ganze hat also mehr mit der Pekingoper als mit unserer modernen Vorstellung von Musiktheater zu tun. Für Faszination und Irritation ist also reichlich gesorgt. Der etwas verworrenen, märchenhaften Handlung und fantasievollen Musik passt dieser farbenprächtige Anzug allerdings sehr gut. Le Poème Harmonique wissen ganz genau, wie man die oft spartanisch wirkenden Partituren Lullys kolorieren muss, damit es funkelt und blitzt. Zum Einsatz kommen dabei nicht genauer verzeichnete Spezialinstrumente wie Einhandtrommel & Flöte (die sogenannte Galoubet) oder Musetten (eine virtuose Form des Dudelsacks). Außerdem gibt es noch Verzierungen der Gesangspartie. Hier demonstriert vor allem die Hauptdarstellerin Claire Lefilliâtre große Kunst. Überhaupt erweist sich die Sänger/innen-Riege ebenso wie das teilweise auf der Bühne agierende Orchester stilistisch und technisch mit der Musik nicht weniger vertraut als das Regieteam. So konnte ein verspieltes barockes Gesamtkunstwerk entstehen, das auch den modernen Zuschauer verzaubert.

Das Auge der Kamera kommt dem Geschehen für meinen Geschmack allerdings etwas zu oft zu nahe. Diese Art von Barocktheater funktioniert am Besten in einer Totale mit gemessenem Abstand, gewissermaßen aus der „königlichen Perspektive“. Leider ist die Untertitelfunktion gestört. Da es kein Libretto und nicht mal eine Trackliste im Beiheft gibt, macht sich das auch beim Navigieren störend bemerkbar.



Georg Henkel



Trackliste
Keine Extras
Besetzung

André Morsch: Cadmus
Claire Lefilliâtre: Hermione
Arnaud Mazorati: Arbas / Pan
Jean-François Lombard: La Nourrice / Dieu champêtre
Isabell Druet: Charite / Melisse
u. a.

Chor und Orchester “Le Poème Harmonique”

Vincent Dumestre: Leitung

Benjamin Lazar: Regie
Gudrun Skamletz: Choreographie


 << 
Zurück zur Review-Übersicht
 >>