Bach, J. S. (Helmchen, M.)

Sechs Partiten BWV 825-830


Info
Musikrichtung: Barock / Tasteninstrumente

VÖ: 10.05.2024

(Alpha / Naxos / 2 CD / DDD / 2023 / Alpha 994)

Gesamtspielzeit: 144:00



IN HÖRWEITE

Die Evolution des Klaviers ist voller Seitenpfade, auf denen man auf ausgestorbene „Übergangsmodelle“ stößt. Darunter findet sich der sogenannte „Tangentenflügel“, der um die Wende zum 19. Jahrhundert eine kurze Blütezeit erlebte. Er vereint in sich die Prinzipien von Cembalo, Clavichord und frühem Hammerklavier. Tatsächlich klingt er auch so: obertönig und zugleich klar und pointiert, dazu mit der Möglichkeit, stufenlose dynamische Übergänge zu realisieren, überhaupt „laut“ und „leise“ zu spielen. Im Angebot hat er aber auch noch Spezialregister wie der Lautenzug, den man noch vom Cembalo kennt. Ein Instrument, das offenbar das Beste der verschiedenen Tasten-Welten vereint.
Dass es sich nicht durchgesetzt hat, liegt sicherlich auch an der relativ archaisch summenden, dabei vergleichsweise trockenen Klangtextur, der die „Empfindsamkeit“, die damals en vogue war, eher abgeht. Man denkt auch an Zither und Hackbrett.
Der renommierte Pianist Martin Helmchen hat sich aber gerade in diesen eigentümlichen Klang verliebt und J. S. Bachs „Sechs Partiten“ auf einem originalen Tangentenflügel von Späth und Schmahl aus dem Jahr 1790 eingespielt. Da war der große Bach zwar schon 40 Jahre tot, aber der Sound des Instruments war gleichsam noch in Hörweite. Und wer sagt, dass seine Werke für das „Clavier“ nicht auch auf einem solchen Instrument gespielt wurden, sie waren ja anders als seine Vokalkompositionen zumindest in Teilen noch präsent? So ein doppelter Historismus hat also durchaus seine spekulativen Reize.

Helchmens Spiel ist ohne jeden Tadel, lebendig und eloquent, frei in den zugleich sehr organisch eingeflochtenen Verzierungen. Gerade letztere hört man hier in einer Klarheit, die auf einem modernen Konzertflügel, wenn überhaupt, nur schwer zu verwirklichen ist.
Auf längere Dauer klingt die Musik aber auch etwas spröde und spitzig. Eine gewisse Aufgeregtheit und Kurzatmigkeit liegen einfach in der Natur des Instruments. Dem zarteren Cembalo ist eine gewisse rauschende Grandeur zu eigen, das Fortepiano singt lyrischer, mit größerer Emphase. Beides kann man hier dann doch vermissen.

Dennoch ist dieses Experiment zumindest interessant. Die sechs Partiten gehören noch mal zu den besonders herausragenden Zyklen Bachs, es ist reiche, schöne Musik, der Höhepunkt dieses Genres. Ihre komplexe konstruktive Architektur kommt hier noch einmal besonders zur Geltung.



Georg Henkel



Trackliste
Sechs Partiten BWV 825-830
Besetzung

Martin Helmchen, Tangentenflügel (1790)


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