Rampart

WWII: Memories For The Future


Info
Musikrichtung: Melodic Metal

VÖ: 02.07.2021

(Sleaszy Rider Records)

Gesamtspielzeit: 48:33

Internet:

http://www.sleaszyrider.com


Anno 2012 hatten Rampart schon mal ein Konzeptalbum mit kriegerischem Hintergrund fabriziert, dessen Story von einem Menschen mit dem zu vermutenden Pseudonym Rock Thrashler erdacht wurde, welchselbiger allerdings nicht zur regulären Bandbesetzung gehört. Ein knappes Jahrzehnt später kooperierte er abermals mit der Truppe, diesmal als eine Art Fachberater zur Thematik des Zweiten Weltkrieges, mit dem sich alle elf Songs von WWII: Memories For The Future beschäftigen, allerdings nicht in dem Sinne, dass eine durchgängige Geschichte erzählt wird – statt dessen finden wir hier einzelne Geschehnisse beleuchtet, auch solche, die eher weniger im Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen, etwa gleich im Opener „June 22nd“ die Geschehnisse an der Südostfront, wo die Rote Armee 1941 nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa noch einen Gegenangriff in Richtung Rumänien startete und sogar Bulgarien bombardierte, ehe sie durch die Wehrmacht zurückgedrängt wurde. Bei einigen Themen wäre man dann auch an den Quellen interessiert. Zwar finden sich im Booklet zu jedem der Songs einige einleitende Hintergrundinformationen, aber konkrete Quellenangaben bleiben letztlich aus, weil das zu umfangreich geworden wäre, sagt die Impressumsseite im Booklet.
Musikalisch ist die Lage weit klarer. Die Besetzung von Rampart hat sich zwischen dem 2013er Album Sewera und dem vorliegenden Werk (die 2016er Scheibe Codex Metalum besitzt der Rezensent nicht) zwar mal wieder komplett erneuert, wie üblich von der Sängerin abgesehen – aber vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie homogen das Schaffen der Bulgaren doch ausfällt. Gut, die Vokalistin hat sich auch mal wieder umbenannt und firmiert jetzt als Maria Diese, aber ihre markante Altstimme prägt den Melodic Metal der Formation nach wie vor, und ihre Sidekicks und teilweise auch Kompositionspartner bringen es immer wieder fertig, sich so ins Ganze einzufügen, dass selbiges in den Grundkosmos der Band paßt, was freilich auch gelegentliche Ausflüge in Nachbargenres einschließt, im vorliegenden Fall mit „Luftraum“, das an der Grenze vom Power zum Thrash Metal angesiedelt ist und wo auch die Chefin in herberes Shouting verfällt, wobei sie aber bis auf wenige Schlagworte beim Englischen bleibt, was auch auf das Gros des weiteren Materials zutrifft. „Harleys In Berlin“ wiederum baut einige Rock’n’Roll-Elemente ein, passend zum Thema, dass die Rote Armee über das Leih-und-Pacht-Gesetz auch Motorräder aus den USA geliefert bekam, die dann beim Vormarsch nach Deutschland mit zum Einsatz kamen. Hier gibt es wiederum einige russische Textzeilen, und zwar Jewgeni Jewtuschenkos berühmtes „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“, das heute freilich einen kuriosen Beigeschmack bekommen hat, den Rampart zum Zeitpunkt der Aufnahme des Albums noch nicht in der Form ahnen konnten. Ansonsten gestalten sich die Nummern innerhalb des Rahmens recht vielfältig, zumal diesmal ja auch der Hintergrund der einzelnen Storys noch zu beachten ist. Der genannte Opener kommt dabei noch fast unauffällig daher, erst mit „Napalm Stars“ gehen Rampart mehr aus sich heraus, schalten aber auch in einen interessanten ruhigen Part mit dominierender Baßgitarre herunter. Ansonsten dominieren midtempolastige Klänge, aber durchaus in mannigfaltigen Variationen, so etwa im vorwärtsdrängenden „Stormtalkers“, das sich mit einem Bataillon von Navajo-Indianern befaßt, welchselbiges eine einfache, aber wirkungsvolle Kommunikationsmethode entwickelte, nämlich auf Basis ihrer eigenen Sprache, die beim Feind naturgemäß niemand verstehen konnte. „Wolfsrudel“, das sich mit dem U-Boot-Krieg befaßt, pendelt wiederum zwischen Midtempo und Speed, ist aber einer der wenigen Songs, wo die Melodielinien nicht so richtig überzeugen können, da sie eher losgelöst vom Unterbau agieren – ein Fakt freilich, den man in bestimmten metallischen Subgenres durchaus gewöhnt ist, etwa im US-Metal. Rampart agieren aber auch auf diesem Album eher europäisch beeinflußt, wenngleich etwa die Anleihen bei Iron Maiden in „Stormtalkers“ und „Now We Are One“ singulär bleiben. Einige Songs atmen einen gewissen progressiven Anstrich, so das mit zahlreichen Akustikbreaks ausgestattete „Overcast Omen“ (über die Entindividualisierung nicht nur von Soldaten) oder das bereits erwähnte „Napalm Stars“. Die in diesen Nummern phasenweise hervorstechende Baßarbeit verwundert etwas, da Rampart aktuell gar nicht über einen Bassisten verfügen und im Studio zwei Gäste am Werk waren, bei Gigs aber ein dritter Gast dieses Instrument übernimmt. Andererseits müssen sie sich ja nicht stärker beschränken als nötig, solange sie es irgendwie schaffen, ihr Material entsprechend umzusetzen – und einen zweiten Gitarristen für die Livearbeit neben Yavor Despotov gibt es auch.
Der erwähnte Rock Thrashler zeichnet auch für die Gestaltung des Booklets verantwortlich, und das hat er mit viel Liebe zum Detail gemacht: Das Ganze ist aufgemacht wie eine Zeitung namens Daily Rampart Wire Chronicles, und die Lyrics, die einführenden Schilderungen und einige Bilder stellen dann das Gestaltungsmaterial dar. Abgebildet werden sowohl die Studio- als auch die Livebesetzung, was auch nicht gerade die Norm darstellt – aber in Bulgarien ticken manche Uhren halt etwas anders. (Der Kasten hier im Review nennt die CD-Besetzung.) Die Produktion stellt erstaunlicherweise die Stimme der Chefin ein wenig zu weit in den Hintergrund, ist ansonsten aber recht ausgewogen ausgefallen (gemastert hat Miro in Wolfsburg), und so bleibt das einzige Problem, dass Rampart vergessen haben, ein paar Hits zu schreiben – die reichliche Dreiviertelstunde kommt durchgehend gutklassig, aber zu unauffällig daher, so dass im thematischen Sektor Sabaton die Nase klar vorn behalten, wobei die Bulgaren rein musikalisch gar nicht so viel mit den Schweden gemeinsam haben, sondern nach wie vor eher für diejenigen interessant sein dürften, die Combos wie Crystal Viper schätzen. Ach ja, die einfallslose Ausblendung des Closers „Now We Are One“ hätte man auch anders lösen können – sofern das nicht zur Story gehört, die sich hier darum dreht, dass bulgarische Einheiten im Kampf um Berlin 1945 auf beiden Seiten zum Einsatz kamen, was die Schizophrenie des Krieges ein weiteres Mal unterstreicht.
Das Album soll auch in einer Doppelscheiben-Version existieren, mit einer DVD, die u.a. Liveaufnahmen aus Wacken, Interviews und Videoclips enthält. Das hier befindliche Exemplar beinhaltet jedoch ausschließlich die CD, kam dafür aber mit zwei Booklets daher – im Erstdruck fehlte eine Seite, dafür war eine andere zweimal gedruckt worden, so dass noch ein korrigiertes Exemplar des Booklets mitgeliefert wurde.



Roland Ludwig



Trackliste
1June 22nd3:09
2Napalm Stars5:50
3Entropy Of Mind3:41
4Twice Occupied4:00
5Luftraum4:30
6Stormtalkers3:06
7Wolfsrudel4:28
8Overcast Omen5:42
9Harleys In Berlin5:07
10Black Sun4:32
11Now We Are One4:13
Besetzung

Maria Diese (Voc, Keys)
Yavor Despotov (Git, B)
Sebastian Agini (Git)
Vladimir Bochev (B)
Svilen Ivanov (B)
Stefan Mijalkovic (Dr)



 << 
Zurück zur Review-Übersicht
 >>