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Brandschutz, Punkrock, Sängerwettstreit: Das Faschingskonzert des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera führt auf die Wartburg

Info

Künstler: Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera

Zeit: 02.02.2024

Ort: Altenburg, Theaterzelt

Fotograf: Ronny Ristok (Theater Altenburg-Gera)

Internet:
http://www.tpthueringen.de

Die ganz große Karnevalshochburg ist das Altenburger Land nicht, aber Faschingsbegeisterte gibt es natürlich auch hier eine ganze Menge, und so hat sich schon vor vielen Jahren eingebürgert, dass das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera ein Faschingskonzert spielt, das ganz offiziell sogar mit dem Attribut „traditionell“ versehen wird und einen großen Anklang findet: Ist sonst bei den regulären Sinfoniekonzerten das Theaterzelt, das immer noch die Ausweichspielstätte für das im Sanierungsprozeß steckende Hauptgebäude darstellt, oft nur zur Hälfte gefüllt, so muß das Programm des Faschingskonzertes sogar zweimal gespielt werden, um die Nachfrage zu befriedigen, und der vom Rezensenten erlebte erste Abend kratzt am Ausverkauft-Status.
Strukturell handelt es sich um eine Art erweitertes Nummernprogramm, wobei die Erweiterungen die schauspielerischen sowie die dekoseitigen Elemente meinen – es gibt also eine durchgehende Story, und die wird nicht nur musikalisch, sondern auch schauspielerisch umgesetzt, das Ganze mit entsprechendem Bühnenbild und Kostümen. 2024 heißt das Programm „Das Sängerfest auf der Wartburg“ und spielt, wie Kenner natürlich sofort erraten, mit Elementen der Tannhäuser-Saga, allerdings stark modifiziert: König Wicklas XIII. bekommt vom Freistaat Thüringen die Wartburg rückübertragen, sieht sich aber durch den anfallenden Sanierungsaufwand vom Ruin bedroht. Das hindert ihn jedoch nicht, eine Neuauflage des legendären Sängerwettstreits auf der Wartburg zu inszenieren – seine Tochter Wicklinde hat nämlich ihr Gesangsstudium in Spanien erfolgreich abgeschlossen, ist soeben in die Heimat zurückgekehrt und soll nun, nein, nicht etwa Karriere machen, sondern an den besten Sänger des Landes verheiratet werden. Drei Bewerber schaffen es trotz ÖPNV-Streik und Bauerndemos zum Vorsingen, und der Hofnarr Schleifstein und das Hausmädchen Maria sorgen für weitere strukturelle Schwierigkeiten (der erste der Bewerber etwa singt seine erste Arie gleich mal für Maria, die er für Wicklinde hält), ehe doch noch ein vierter Bewerber zur Burg gelangt – kein Sänger freilich, aber ein äußerst fähiger Geiger, der sich allerdings nur mit einem Stück vorstellen darf, während die Sänger allesamt zwei vortragen. Letztlich läuft Wicklindes Entscheidung auf eine Tetragamie hinaus: Sänger Adam darf sie am Montag und Dienstag haben, Sänger Jaeyoung am Mittwoch und Donnerstag, Sänger Marko am Freitag und Samstag, und am Sonntag gehört sie Geiger Marek. Auch Schleifstein und Maria finden letztlich zueinander, und sogar das Finanzproblem läßt sich lösen, da sich herausstellt, dass Schleifstein Flachs zu Gold spinnen kann.


Eine derartige Geschichte bietet natürlich mannigfachen Raum für komödiantische Elemente, aber auch für eine große Vielfarbigkeit in der Musik. So versucht der Tenor Adam Wicklinde mit zwei Musicalnummern aus der „West Side Story“ bzw. aus „Jekyll & Hyde“ zu umgarnen, während der Baßbariton Jaeyoung Arien aus „Figaros Hochzeit“ singt und der Baß Marko ariosen Stoff von Bellini und Gounod anbringt. Geiger Marek, nicht nur mit dem Beinamen „Nigel Kennedy“ versehen, sondern auch in punkrockiger Optik daherkommend, fährt hingegen „Präludium und Allegro im Stil von Pugnani“ von Fritz Kreisler auf und überzeugt damit Wicklas XIII., der sich anhand besagter Optik zunächst etwas skeptisch gezeigt hatte. Hinzu treten einige Musical- bzw. artverwandte Nummern von Maria (u.a. die deutsche Fassung von „Big Spender“), ein Lied zur Laute von Schleifstein („Ich liebte ein Mädchen“ von Ingo Insterburg), zwei Zarzuela-Ausschnitte von Wicklinde und einige Instrumentalnummern des im Bühnenhintergrund postierten und zumindest andeutungsweise auch karnevalesk kostümierten Orchesters, u.a. die „Schabernack Polka schnell“ op. 98 von Josef Strauß vor der Pause (mit wirkungsvollen Schlägen der Großen Trommel, so dass man das Stück fast in „Unter Donner und Blitz“ umzubenennen geneigt wäre). Außerdem darf das Publikum gleich als Opener zur Feier der Rückübertragung der Wartburg an Wicklas XIII. Herbert Roths „Rennsteiglied“ singen (der Rennsteig führt bekanntlich nur unweit südlich der Wartburg vorbei), wenngleich nur die erste Strophe, und das von allen gemeinsam gesungene Finale wird von „Hei, heute morgen mach ich Hochzeit“ aus Frederick Loewes „My Fair Lady“ gebildet.

Hinter Wicklas XIII. verbirgt sich Theaterkapellmeister Thomas Wicklein, der zusammen mit Geiger Martin Groskopff (zugleich der Brandschutzverantwortliche, der den in der Burg herrschenden Sanierungsstau auf der Bühne offenlegt) und Karl Karliczek (Schleifstein) das Programm ausgeheckt hat und sowohl als Schauspieler in Erscheinung tritt als auch das Orchester dirigiert. Miriam Zubieta als Wicklinde überschlägt sich stimmlich in den Höhen fast und überzeugt mit ihrer Atemtechnik in irre langen Koloraturen, Adam Brusznicki gibt einen soliden Musical-Tenor ab, auch Jaeyoung Lee und Marko Ostojic machen eine gute Figur, ohne aber zu glänzen – der musikalisch herausstechendste unter den Bewerbern ist eindeutig Marek Pavelac (im Hauptjob Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera), der das im Präludium bedächtig-emotionale, im Allegro dann aber furios-funkensprühende Kreisler-Stück in ein absolutes Highlight verwandelt, so intensiv spielt, dass kurz vor Ende seine Mikrofonierung ausfällt, was aber die umwerfende Wirkung nicht verringert, und vom Publikum mit minutenlangem Szenenapplaus gefeiert wird. Neben ihm ist Claudia Müller als Maria der zweite musikalische Haupttrumpf des Stücks – schauspielerische Präsenz und stimmliches Können gehen in ihr eine gelungene Symbiose ein. Karliczek zeichnet sich rollengemäß für den Humoraspekt verantwortlich und wurde von Elena Köhler tatsächlich in ein klassisches Narrenkostüm gesteckt, wobei sich sowohl die Kostüme als auch das gleichfalls von Köhler verantwortete Bühnenbild durch so manches liebevolle Detail auszeichnen, etwa wenn die Bewerberbank für die drei Sänger zu schmal ist oder wenn außer dem „Chefsessel“, in dem während des Wettstreites Wicklinde sitzt, an der Tafel vier weitere Sessel stehen, obwohl ja nur drei Bewerber angemeldet sind. Wickleins Bemerkung, dass wegen ÖPNV-Streik und Bauerndemo keine weiteren Bewerber kämen, dürfte zumindest hälftig eine gekonnte Improvisation gewesen sein – der Streik an jenem Freitag war zwar angekündigt, aber dass vor und teilweise auch noch während der Aufführung eine Traktoren-Demo am Theaterzelt vorbeiführen würde, mit dieser Konkretheit dürfte bei der Konzeption des Stückes noch nicht zu rechnen gewesen sein. Ansonsten führt Wicklein das Orchester souverän durch alle stilistischen Wendungen, die das Programm bereithält, wozu auch Sondereinsätze einzelner Musiker gehören, etwa die Funktion als Signaltrompeter beim Auftritt eines neuen Bewerbers oder bereits vor Beginn der Aufführung im Rahmen kleiner Kammermusikensembles im Foyer, die den Besuchern auch den Einkauf geistiger Getränke in „Luthers Probierstuben“ schmackhaft zu machen haben.

So weit, so bunt, so lustig, so gut? Ja – und nein. 98% des Programms gehen als hochwertige launefördernde Unterhaltung durch, aber die fehlenden 2%, konzentriert im Finalteil, schaffen es, den sensiblen Besucher wieder zu erden, wenn er genau beobachtet. Zum einen wirkt die diplomatische Entscheidung Wicklindes für die Tetragamie erzwungen – die Bühnenhandlung (Lydia Rotter zeichnet für die szenische Einrichtung verantwortlich) macht klar, dass sie damit nicht ihrem Herzen folgt, das klar für den Geiger schlägt. Zum anderen aber wird der Hofnarr permanent von allen anderen untergebuttert – als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert wird er hingegen erst, als sich seine Fähigkeit, Flachs zu Gold zu spinnen, offenbart, so dass sich sein Wert für die anderen Mitglieder der Gesellschaft also ausschließlich auf pekuniäre Aspekte gründet. Das Gros des Publikums stört sich an diesen inhaltlichen Kalamitäten freilich nicht, und angesichts der Gesamtleistung ist der reichliche Applaus natürlich auch verdient.

Roland Ludwig


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