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Prometheus und das Smartphone: Das Leipziger Universitätsorchester spielt (und singt) Beethoven, Dvořák und Bruckner

Info

Künstler: Leipziger Universitätsorchester

Zeit: 21.01.2023

Ort: Leipzig, Gewandhaus, Großer Saal

Fotograf: Simon Chmel

Internet:
http://www.uni-leipzig.de/orchester

Vor der Pandemie waren die Konzerte des Leipziger Universitätsorchesters, die am Ende des Wintersemesters stattfanden, immer besser besucht als die am Ende des Sommersemesters. Ob sich dieser Trend fortsetzt, bleibt empirisch zu erforschen – fest steht aber, dass es bei den ersten beiden postpandemischen Konzerten tatsächlich auch wieder so ist, sich das Orchester ergo an diesem milden Januarsamstag über einen sehr gut gefüllten Großen Saal des Gewandhauses freuen darf. (Dass man als Studentin von heute die Temperaturen gleich nutzt, um die bauchfreie Mode aus dem Schrank zu holen, sei nur am Rande vermerkt. Immerhin ist es im Gewandhaus nicht ganz so kalt, wie man anhand diverser Energieeinsparverordnungen noch Monate zuvor hätte befürchten müssen.)

Die Anwesenden werden stilgerecht mit einer Ouvertüre begrüßt, nämlich derjenigen zum Schauspiel „Die Geschöpfe des Prometheus“ op. 43 von Ludwig van Beethoven. Der hatte auch die Schauspielmusik geschrieben, aber das Werk verschwand schnell wieder in der Versenkung, während die Ouvertüre wie auch in diversen ähnlichen Fällen ein Eigenleben als Konzertstück entfaltete und, wie sich am Ende zeigt, durchaus auch ohne das original dahinterstehende Programm funktioniert. Der akzentuierte Einstieg offenbart noch Reserven bei den jugendlichen Musikern, das breite Thema aber gelingt dann sicher und schön, wie das sein muß. Dirigent Ilya Ram legt eine gekonnte Dynamikentwicklung auch auf kleinem Raum hin, wählt ein durchaus ambitioniertes Tempo – und dass junge Musiker dieser Generation wissen, wie man mit Offbeat-Grooves umzugehen hat, ist keine größere Überraschung. Der knackige Schluß löst beim Publikum schon beträchtlichen Jubel aus.

Den späten Sinfonien von Antonín Dvořák begegnet man im aktuellen Konzertbetrieb in gewisser Regelmäßigkeit, den zahlreichen Sinfonischen Dichtungen aus der Feder des großen Tschechen hingegen kaum mal. Das gilt auch für „Das goldene Spinnrad“ op. 109, eines von vier gleichartigen Werken auf Balladen des Dichters Karel Jaromír Erben, komponiert anno 1896 und ein klassisches Märchensujet verarbeitend, einen Mix aus Aschenbrödel, Tapferem Schneiderlein und diversen Zauberelementen. Hier rächt sich freilich die Strategie des Orchesters, auf Programmhefte zu verzichten und die Hintergründe nur noch als Download oder App zur Verfügung zu stellen – gerade bei diesem Sujet und seiner Vertonung hilft ein roter Faden definitiv beim Dranbleiben und schrittweisen Erschließen, und wenn man zwischendurch dauernd aufs Smartphone linsen muß, sind Hörvergnügen und Konzentration definitiv beeinträchtigt. Allein schon die Erklärung der musikalischen Themen wäre hier nutzbringend, was Ram in einer Anmoderation wenigstens häppchenweise rüberbringt.
Also hinein ins Geschehen! Der düster-folkloristische Auftakt verwundert stilistisch nicht, es geht zur Jagd in den böhmischen Wald, aus dem Orchester kommt ein richtig schönes Horn-Thema, und das titelgebende Spinnrad beginnt sich auch alsbald zu drehen. Das Werk ist sehr kleinteilig strukturiert und lebt von Einzelleistungen der Musiker – eine also nicht ganz risikolose Wahl für ein Orchester aus Nichtprofis. Aber die Studenten sind gefordert und liefern, ob nun hübsche klarinettendominierte Kammermusik, drohende Tieferstreichergefahr oder voluminöse Tiefblechchoräle auf dem Anforderungsprofil stehen. Ram ist auch hier wieder im Dynamikmanagement sehr gefordert und überzeugt, wenn die erwähnte Tiefsteichergefahr eben nicht in einen großen Ausbruch (der kommt erst später), sondern in „normale“ Dramatik aufgelöst wird. Zwar wackeln die Hörner zwischendurch ab und zu mal, wetzen diese Scharte aber schnell wieder aus, und vor allem die Blechchoräle wissen sehr zu überzeugen. Der Scheintriumph des Bösen mündet nochmals in einen Konflikt, den der Antagonist natürlich verliert, und Ram läßt die Studenten viel Energie in den realen Schlußtriumph pumpen, den er sehr in die Breite zieht, wobei aber trotzdem reichlich Wucht übrigbleibt. Dafür gibt es viel Applaus vom Publikum, der aber sehr kurz ausfällt – die Bar ruft offenbar schon recht laut.



Sich als Nicht-Profi-Orchester an Anton Bruckners 7. Sinfonie E-Dur heranzuwagen bedarf einer gewissen Portion Mut. Dass sich die Studenten damit auch noch in fast direkte Konkurrenz zum Gewandhausorchester begeben, welches dieses Werk sechs Wochen später an gleicher Stelle unter Andris Nelsons gab, setzt der seltsamen Konstellation die Krone auf, glaubt man zu Beginn. Eine reichliche Stunde später aber ist der Hörer platt vor Staunen. Klar, da sitzt nicht das Gewandhausorchester auf der Bühne, der Unterschied bleibt markant (wäre ja auch bedenklich, wenn nicht) – aber was die Studenten aus diesem sinfonischen Brocken herausholen, ist trotzdem aller Ehren wert. Der Dirigent läßt die Versammelten vor dem ersten Einsatz zunächst eine gemeinsame Atemübung durchführen, um sich auf den gewaltigen Kopfsatz einzugrooven, speziell auf die aus der Stille kommende Musik – bei der heutigen reizüberfluteten Jugend eine durchaus sinnfällige Maßnahme, und die damit erzeugte Spannung hält auch tatsächlich über die Celloflächen hinweg. An Breite und Größe der Themenentwicklung gibt es nichts zu deuteln, und Ram findet auch weiterhin die passenden Entwicklungswege, wenngleich sich die Blechbläser nicht immer so ganz einig sind, wenn es in monumentalere Gefilde geht. Dafür entschädigt die bezaubernde Flötenarbeit, und da sich auch das Blech ein Beispiel daran nimmt, wird bald wieder alles gut. Den Finalaufbau gibt’s in lehrbuchreifer Weise, die Paukenschwellungen zu verfolgen ist äußerst interessant, und da auch der Energietransport stimmt, verwundert es nicht, dass gute Teile des eher konzertunerfahrenen Publikums gleich in Applaus ausbrechen.
Der Einstieg ins Adagio holpert etwas, aber die choralartige Breite ist trotzdem schnell gefunden. Ram wählt einen recht warmen Ausdruck, hält das Tempo zwar unten, aber nicht in Finsternisbereichen, sondern wird tendenziell sogar eher wieder schneller, trotz fortgesetzter behutsamer Gestaltung. Was das Orchester dann allerdings an Emotionalität in die erste Themenwiederkehr legt, überrascht: Das Musikerehepaar rechts neben dem Rezensenten beginnt Händchen zu halten, und auch die weiblichen Wesen links neben dem Rezensenten stoßen so etwas wie „Ach ja“-Seufzer aus. Da stört auch nicht, dass das Blech sich nicht immer ganz einig ist – das wird gegen Satzende deutlich sicherer, wenn im enorm spannend getupften Satzschluß Hörner, Wagnertuben und weiteres Blech das finale Gedenkmonument für Richard Wagner, an dessen Tod der Satz erinnern soll, aufbauen.
Ins Scherzo läßt Ram viel Energie legen, nimmt es ziemlich scharf, aber trotzdem groovig, welchletzteres Attribut auch auf den Seitengedanken zutrifft. Der Kontrast zum ziemlich gemütlich anmutenden Trio paßt auch – aber dieses wird dann nach hinten heraus überraschenderweise immer fragiler, und auch das paßt ins Gesamtbild. Die Reprise zapft im letzten Thema tatsächlich noch Steigerungspotential an, aber der versägte Schluß ist trotzdem nicht schön.
Für das Finale plant der Dirigent eine eher gemütliche wienerische Formung, was die Studenten auch gern umsetzen, obwohl die Hörner ins Wackeln geraten., die Linie aber bald wieder finden. Das Hauptthema läßt Ram förmlich aus Stein meißeln, die sehr betonten Generalpausen fügen sich da ein, und die dadurch erzeugte Spannung steht gut im Raum. Der Rest des Satzes entwickelt oft viel Zug zum Tor, mal wacklig, mal elegant, aber wenn der finale Paukenteppich ausgerollt wird und der Energietransport nach oben geht, ist klar, dass hier für die Verhältnisse eines Amateurorchesters Großes geschaffen worden ist, was das Publikum entsprechend mit viel Jubel quittiert.

Für die Zugabe hat sich das Orchester mal wieder etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Nein, es gibt kein Revival der absonderlichen Showelemente, sondern die Instrumentalisten verwandeln sich in Chorsänger (das war auch in präpandemischen Zeiten schon mal so geschehen) und bleiben gleich bei Bruckner. Dessen „Locus iste“ gerät an diesem Abend zu einem sehr stimmungsvollen Stück, die Sänger werden nach hinten heraus immer tighter, und das letzte Wort auf dem Notizzettel des Rezensenten lautet „exzellent“. Nuff said.

Roland Ludwig


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