····· Joe Bonamassa auf Tour!  ····· P!NK: exklusive Karten für ProSieben-Konzert zu gewinnen ····· Aus Japan kommt wieder Loudness  ····· 12 aus 1000 stehen auf Marion Fiedlers neuem Album ····· Im versifften Proberaum entstehen die Kracher von Peoples Temper ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Reviews

Feldman, M. (Tilbury, J. - Rees, C.)

For Christian Wolff (1986)


Info

Musikrichtung: Neue Musik

VÖ: 01.12.2016

(Atopos / 3 CD / AD 2016 / live DDD / Best. Nr. ATP 825-1-2-3)

Gesamtspielzeit: 207:05

DIE ESSENZ DES KLANGLICHEN

Dass der amerikanische Komponist Morton Feldman im Fall seines Duetts For Christian Wolff einmal ganz bewusst etwas Karges schreiben wollte, wirkt angesichts der per se reduzierten Klangwelten, in denen sich dieser Meister des 20. Jahrhunderts auch sonst bewegte, paradox.

Dass er sich bei der Besetzung mit Flöte und Klavier/Celesta für eine nach eigenem Bekunden besonders langweilige Instrumentalkombination entschieden hat und zugleich den "gestural crap" (Feldman), also den virtuosen Flitter, der für eine solche Besetzung typisch ist, komplett vermeidet, zeigt freilich, dass er genau wusste was er tat.
Mit Flöte und Klavier/Celesta waren auch schon drei verwandte Vorgängerwerke besetzt, dort freilich aber sorgte auch ein unterschiedlich besetztes Schlagzeug - Vibraphon, Glockenspiel, Glocken, Marimba - für zusätzliche Klangfarben. Dieses Mal verzichtete Feldman auf die die Trio-Besetzung mit Perkussion, "um es nicht zu interessant zu machen". Und während sich die Verwandten durch mehr oder weniger reiche und markante Pattern-Kombinationen auszeichnen, werden die berühmten Feldman-Muster in For Christian Wolff auf oft einfachste Intervallfiguren reduziert und Mehrklänge praktisch gänzlich ausgeschlossen.
Man hört im Wesentlichen wechselnde, oft hoquetusartig gegeneinander gesetzte Klangpunkte von Flöte, Klavier/Celesta, die in der Stille aufleuchten und verklingen. Hin und wieder wird das Material konkreter in seiner Gestalt: ein kurzer, signalartig herausfahrender Skalenabschnitte z. B. taucht immer wieder einmal auf. In einer derartig auf die Essenz des Klanglichen zurückgeführten Umwelt werden solche Elemente freilich zu einem Ereignis.
Tatsächlich besteht Feldmans Kunst in seinen späteren Werken in der Wiederholung, die keine ist. Und wie die meisten Werke, die Feldman nach 1980 geschrieben hat, so zeichnet auch For Christian Wolff neben der Reduktion und Ausdünnung des Materials eine außergewöhliche Dauer aus: rund dreineinhalb Stunden. Damit gehört zu den längsten der langen Stücke Feldmans, der in den 1950er Jahren mit Klavierstücken von ein bis zwei Minuten Dauer begonnen hatte.

Inspiriert durch die die Teppiche türkischer Nomadenstämme knüpfte der Komponist ab den 1980er Jahren seine sparsamen Farben und Texturen zu Klanggeweben, die durch ihre schiere zeitliche Ausdehnung das musikalische Gedächtnis des Hörers derart überfordern, dass er schließlich alle Orientierung verliert: Lost in sound.
Auch de-realisieren sich die spezifischen Klangfarben der Instrumente durch die Repetitionen in der Wahrnehmung des Hörenden und verschmelzen schließlich zu verschiedenen Erscheinungen eines einzigen Klangs. Ob man ein Klavier, eine Celesta oder eine Flöte hört, wird schließlich zweitrangig. Tatsächlich wird man von der hypnotischen Wirkung der Musik schließlich so absorbiert, dass man den Klängen nicht mehr von außen zuhört, sondern sie gleichsam von innen erlauscht und darin sich verliert.
Einen "Plan" für das Stück gibt es in dem Sinne nicht. "Form" wird durch "Umfang" und "Skala" ersetzt. In den ersten Figurationen, mit denen es schlagartig einsetzt, ist praktisch das "Thema" enthalten, das durch Permutationen und immer neue "Orchestrierungen" sich entfaltet, bis es sich darin gleichsam erschöpft, kein weiteres Material mehr aufnehmen kann und "einen natürlichen Tod stirbt. Das Stück stirbt sozusagen an Alterschwäche". Feldman komponierte, indem er innerlich auf sein Material lauschte, ihm beim Er- und Verklingen zuhörte und festhielt, was es ihm zu sagen hatte. Der Klang meditiert gleichsam über sich selbst und der Komponist konzentriert sich auf diese Meditation.

Diese Haltung kann man esoterisch finden, aber zum Hören ist es oft die reinste Wonne - wenn man bereits ist, zuzuhören und keine Fragen mehr zu stellen (das Schwierigste überhaupt). Nur wenige Musik des 20. Jahrhundert ist von einer derartigen, geradezu erotischen Sinnlichkeit erfüllt wie Feldmans Musik.
Zu Recht weist der Pianist und renommierte Feldman-Interpret John Tilbury in seinem Kommentar zu diesem Konzertmitschnitt auf die vielen Momente schmerzvoller Schönheit hin, die For Christian Wolff bei aller Sparsamkeit auszeichnen. Tilbury spricht von den Herausforderungen einer Live-Darbietung. Das Klang-Machen, die Interaktion der Interpreten, die Fluktuationen des langsamen Grundtempos (das hier wunderbar ungezwungen ist), die spontane, gegenseitige Reaktion auf "Fehler", wenn z. B. der Klang der Flöte von Carla Rees plötzlich an Strahlkraft einbüßt und bestimmte Töne porös klingen, die Ausbreitung des Klangs am Konzertort - all diese Unvorhersehbarkeiten prägen die Interpretation ganz entscheidend.

Feldmans Musik verlangt höchste Konzentration, Hingabe und Risikobereitschaft. Im Augenblick des Musik-Machens geschieht das Entscheidende. Eine Tonkonserve kann davon nur eine Ahnung geben, aber in diesem Fall ist der Eindruck doch so stark, dass man die mehr als drei Stunden gebannt und mitunter wie hypnotisiert zuhört. Der CD-Wechsel ist geradezu störend.

Die Aufnahme entstand beim Osterfestival 2016 in Hall/Tirol. Die leicht hallige, leuchtende Akustik des Aufnahmeortes zeichnet die Klänge weicher als in der klassischen, trockeneren und strengeren Studioaufnahme mit Eberhard Blum und Nils Vigeland (HatHut, vergriffen). Zugleich wirkt das Spiel nuanciert und genau fokussiert. Die Musik kann schweben und atmen. Auch die heikle Balance zwischen Flöte und Klavier ist gut gelöst. Gerade bei diesen Stücken besteht die Gefahr, dass das Blasinstrument etwas dominant und dann auch penetrant im Vordergrund steht. Das ist hier nicht der Fall. Sehr erfreulich ist auch das disziplinierte Publikum, das der Musik mit angespitzten Ohren lauscht. Man hört bis fast zum Schluss keine Nebengeräusche und kann nur hin und wieder erahnen, dass die beiden Musiker nicht alleine im Raum sind ...

Zu Feldmans 90. Geburtstag 2016 und 30. Todestag 2017 ist dies eine mehr als angemessene Neueinspielung! Die CD kann nur direkt online über das italienische Label Atopos bestellt werden.



Georg Henkel

Trackliste

CD 1 For Christian Wolff 69:17
CD 2 For Christian Wolff 68:43
CD 3 For Christian Wolff 69:05

Besetzung

John Tilbury: Klavier/Celesta
Carla Rees: Flöte

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger