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Reviews

Eclipse Sol-Air

Bartók's Crisis


Info

Musikrichtung: Progressive

VÖ: 24.06.2011

(Eclipse Sol-Air)

Gesamtspielzeit: 82:04

Internet:

http://www.eclipse-sol-air.com

Bartók's Crisis ist ein wunderbares musikalisches Patchwork, in das die deutsch-französische(?) Progkapelle alles einbaut, was ihr gerade durch den Sinn kommt. So ist das Ganze auch kaum zu charakterisieren. Je nachdem welche zwei Minuten man aus einem der Longtracks herausschneidet, würde man mindestens ein anderes Sub-Genre wählen, wenn man das Prog-Genre nicht gleich ganz verlässt.

Der 50-sekündige Countdown lässt jedenfalls eher ein Space-Prog-Album im Stile von Ayreon oder Star One erwarten, als dieses über weite Strecken von Folk und Klassik geprägte Album. Der Titel des „Reactor-Songs“ lässt ähnliches vermuten. Der Text scheint sich um jemanden zu drehen, der in(!?) einem Reaktor geboren wurde. Ohne Textbeilage will ich mich da allerdings nicht festlegen.

Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob mir eine Textbeilage weiter helfen würde. Der kurze Begleittext im Booklet wirft jedenfalls wesentlich mehr Fragen auf, als er beantwortet. Und das nicht nur, weil die wenigen Zeilen zwischen mindestens sechs Sprachen hin und her springen, von denen ich Französisch, Deutsch, Englisch und ein wenig Latein sicher identifiziere; Hebräisch und Polnisch, oder eine andere osteuropäische Sprache vermute.
Das was ich verstehe, lässt erkennen, dass der kurze Text offenbar den Geisteszustand eines verwirrten Menschen beschreibt. (Wahrscheinlich wäre ich auch verwirrt, wenn ich im Reaktor geboren wäre; Red.) Interpretation offen.
Und dieser textliche Ansatz lässt sich auf dem Album weiter verfolgen, wenn z.B. das Stück „Die Rumänen“ erst die Geschichte von Hänsel und Gretel nacherzählt, um dann urplötzlich und ohne jede Verbindung darüber reflektiert, dass Rumänen Holzschuhe tragen. Rätselhaft.

Verlassen wir die Texte und kehren zum „Reactor-Song“ zurück, der uns als munterer kraftvoller Folk-Prog-Rock recht positiv auf das Folgende einstimmt. Das besteht erst einmal aus den vier Longtracks, die den Endruck prägen, den das Album hinterlässt.
Das extrem vielfältige „Waiting for you“ ist Progressive Rock a la carte, lässt dramatische und ruhige Momente sich abwechseln, enthält Power Rock und Sprechgesang und eine ganze Reihe von Motiven und Themen, aus denen andere Band kleine Hits geschmiedet hätten. Insofern bewegen sich Eclipse Sol-Air strukturell auf ähnlichen Bahnen, wie Genesis in der ersten Hälfte der 70er, obwohl sie nicht nach den großen Briten klingen.

Das Intro von „Benedictus“ macht seinem Namen alle Ehre; ein sakraler Einstiegschor, der bald von Mireille Vicognes hoher, deutsch singenden Stimme abgelöst wird. Prägen anfangs noch akustische Gitarrenintermezzi das Bild macht Fritz Hoffmeister etwa zur Halbzeit einen scharfen Schnitt und steigt in heftigstes Geriffe ein, das in wildem Gequietsche endet und sehr versöhnlich wieder in naturnahe Klänge mündet, die sich sogar im Walzertakt aufbauen dürfen.

„Phantome“ ist grundsätzlich ähnlich bunt aufgebaut, aber insgesamt ruhiger. Die Pendants zu den Riffs und Walzerklängen von „Benedictus“ sind hier schräge, etwas anstrengende Streicher und karibische Rhythmen.

Die „Rumänen“ streiten sich mit „Waiting for you“ um die Krone des Album-Highlights. Auch hier finden sich wieder verschiedene Themen, die der Prog-Gourmet gerne aus einem 20-Minuten Gericht heraushört (während der CD-Verkäufer sie wahrscheinlich gerne in der Form radiokompatibler 3:30er Stück hätte). Da gibt es packenden Prog-Rock, kraftvolles Power Piano und eine Art Reggae-Folk. Herrlich!

„Tonight” schlägt den Bogen zurück zum „Reactor-Song“, während „Crazy in the Cage“ hörspielartig instrumentierte Gesprächspagen in einen weitern Prog-Long-Track münden lässt.

Die Verwurstung von „Frère Jacques“ hat einen doppelten Effekt. Sie führt zum einen dazu, dass Eclipse Sol-Air die mögliche CD-Spielzeit voll ausnutzen und sie lässt noch einmal erkennen, dass sie als eine Band, die von ihren musikalischen Kompetenzen her mühelos in der Lage ist, ein anspruchsvolles Werk an den Start zu bringen, den Sinn für Humor keine Sekunde lang verloren hat.

Die Antwort auf die Frage, ob es Eclipse Sol-Air mit Bartók's Crisis gelungen ist, einen stimmigen Kommentar zum Werk Bartoks abzugeben, muss ich schuldig bleiben. Fragt mal in der Klassik-Redaktion nach.



Norbert von Fransecky

Trackliste

1Intro 0:51
2 The Reactorsong 4:38
3 Waiting for you15:06
4 Benedictus11:06
5 Phantome13:02
6 Die Rumänen21:25
7 Tonight 3:49
8 Crazy in the Cage 8:04
9 Frère Jacques 3:46

Besetzung

Mireille Vicogne (Voc, Flöte)
Katharina Strobel (Violine)
Philippe Matic-Arnauld des Lions (Voc, Keys, Git)
Fritz Hoffmeister (Git)
Benno Schultheiss (B)
David Bücherl (Dr, Perc)

Gäste:
Chaos Quartett <3,4>
Kristin Schorr (1. Violine)
Magadalena Here (2. Violine)
Verena Albrecht (Viola)
Uwe Hoffmeister (Sax, Voc <5,9>)
Tobias Klein (Chor <4>)
Florian Herzog (Chor <4>)
Gerd Zemella (Chor <4>)
Helene Grabitzky (Chor <4>)
Doris Menzel (Chor <4>)
Judith Brunner-Schebrich (Chor <4>)
Saad Al Mahmoud (Arabischer Sprecher)
Markus Fritsch (B <9>)
Melina Mayer-Gallo (Viola <9>)
Agatha Sörgel (Violine)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger