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Artikel

Der umfassendste von allen: OLIVIER MESSIAEN

Info

Autor: Hill, Peter - Simone, Nigel

Titel: Messiaen - Hill/Simone

Verlag: Schott

ISBN: 3795705916

Preis: € 29,90

464 Seiten

Internet:
http://www.oliviermessiaen.org/messiaen2index.htm
http://www.messiaen2008.com
http://oliviermessiaen.net/

BIOGRAPHISCHE SCHÜRFARBEIT: HILL UND SIMONE DURCHFORSTEN MESSIAENS ARCHIV

Zum 100. Geburtstag des französischen Komponisten Olivier Messiaen ist im Schott-Verlag eine gewichtige Biographie erschienen. In intensiver Zusammenarbeit mit der Witwe des Komponisten, Yvonne Loriod, haben der Pianist und Messiaen-Interpret Peter Hill und der Musikwissenschaftler Nigel Simone erstmals das private Archiv Messiaens mit vielen persönlichen Dokumenten einsehen können.
Die Schürfarbeit vor allem in den Tage- und Notizbüchern hat sich gelohnt. Verglichen mit den bisher veröffentlichten Interview-Bänden und Monographien eröffnet das Buch einen sehr lebendigen Einblick in den Entstehungsprozess seiner Werke. Messiaens Leben war gar nicht so vergeistigt, wie es oft dem Anschein hatte. An diesem Bild hat er freilich, bewusst oder unbewusst, selbst mitgestaltet. Nur wenige Fotos zeigen ihn anders als ernst; manchmal wirkt er geradezu entrückt und weltabgewandt. Letzteres freilich steht im Gegensatz zu seiner unvergleichlich sinnlichen, nicht-asketischen Musik. Dass er ein geselliger, humorvoller und offener Mensch war, hätte man sich da eigentlich denken können.

Hill und Simeone zeigen einen Menschen, der sich zum Komponieren aufs Land und in die Natur zurückzog, ansonsten aber als begnadeterer Pädagoge, Interpret und Manager in eigener Sache in „weltlichen“ Dingen höchst aktiv und erfolgreich war und rund um den Globus gereist ist. Vom Genie unterscheidet sich das verkannte Genie bekanntlich durch die mangelnde Disziplin. Über geniale Einfälle und ungeheuren Fleiß aber verfügte Messiaen in erstaunlichem Maß. Die Tage- und Notizbücher sind voller Entwürfe, bei denen die Musik zum Teil schon bis ins Detail konzipiert wurde. Unermüdlich sammelte Messiaen Material, vor allem Vogelgesänge, die ab den 50er Jahren immer stärker zum kreativen Motor seiner Schöpfungen wurden. Seine Art zu arbeiten hat etwas Enzyklopädisches an sich und wirkt zugleich erfrischend unintellektuell. Ein vorzügliches japanisches Essen vermochte ihn ebenso anzuregen wie die Farben der Landschaft Neukaledoniens oder ausgesuchte Kunstgegenstände.

Zwar hat er sich zeitlebens immer wieder gerne und ausführlich zu seiner Musik und auch zu den Umständen geäußert, unter denen die Werke entstanden. Aber diskret und perfektionistisch wie Messiaen war, blieben die persönlichen wie schöpferischen Aspekte dabei meist im Hintergrund. Skizzen und Notizen zu seinen Werken gelangten nicht an die Öffentlichkeit. Selbst Yvonne Loriod, die als Pianistin an der Aufführung vieler seiner Werke beteiligt war, erfuhr fast immer erst nach der Vollendung eines Opus, woran ihr Mann die ganze Zeit gearbeitet hatte.

EINBLICKE IN DEN ARBEITSPROZESS

Was nun den Entstehungsprozess einzelner Kompositionen angeht, entpuppt sich die materialreiche und trotzdem sehr gut lesbare Biographie von Hill und Simone als wahre Fundgrube. Anlass und Entwicklung einzelner Werke sowie ihre Aufführung und Rezeption werden beleuchtet. Einzelheiten zur Kindheit, zu den genauen Umständen von Messiaens Kriegsgefangenschaft oder den gesundheitlichen wie seelischen Krisen der letzten Jahre erden die spirituellen und ästhetischen Höhenflüge des Komponisten. Viele Originalstimmen von Kollegen und Schülern, Ausschnitte aus Briefen und Pressezitaten vertiefen und differenzieren das bekannte Messiaen-Bild. Auch familiäre Probleme wie die Hirnerkrankung von Messiaens erster Frau oder Konflikte mit seinem Sohn Pascal kommen unaufdringlich zur Sprache. Im Zentrum steht jedoch immer seine Musik.

KONTROVERSEN

Spannend lesen sich die Kontroversen um viele Werke des Komponisten, ein zyklisch wiederkehrendes Phänomen. Leidenschaftlicher Zuspruch und ebenso heftige Ablehnung begleiteten zahlreiche Aufführungen. Noch immer sind viele Werke im „normalen“ Konzertbetrieb nicht angekommen. Der „cas Messiaen“, der die französischen Feuilletons ab 1944 für mehrere Jahre beschäftigte, kommt ausführlich zur Sprache. Vor allem die von Messiaen bei den Konzerten vorgestellten theologischen Programme provozierten Skandale: Das sei Geschwafel, auf das man bestenfalls mit den berühmten fünf französischen Buchstaben antworten könne, brachte es ein besonders erregter Kritiker auf den Punkt (wofür er sich später entschuldigte).
Messiaens in (über)sinnlichen Freuden schwelgende Musik mit ihren kraftvollen Rhythmen und exotischem Kolorit fanden nicht wenige unangemessen, um religiöse Gegenstände zu behandeln. Andere meinten wiederum, eine gewisse kitschige Süße auszumachen. Die Musik sei schlicht unwahr, Messiaens Integrität wurde angezweifelt. Auch Messiaen-Schüler beteiligten sich an den Kontroversen, nicht immer auf der Seite ihres Lehrers. Messiaen litt - und komponierte doch unbeirrt weiter.

FAZIT

Am Ende bleibt bei der Lektüre des Buches von Hill und Simone das Staunen darüber, dass große Kunst auch (oder gerade) unter widrigen Umständen entstanden ist. Faszinierend auch, wie viele Zufälle bei dem mitspielen, was sich in der Rückschau wie eine zwangsläufige künstlerische Entwicklung darstellt. Messiaen durchlebte, befördert auch durch persönliches Leid, kreative Krisen und Anfechtungen, fand als „Mann der Freude“ aber immer wieder zu seinem ureigensten musikalischen Ausdruck zurück.
Die meist nur vignettengroßen Abbildungen der zahlreichen Fotos sind gewiss nicht repräsentativ. Die Vorlagen sind allerdings auch nicht so spektakulär und inhaltsreich, dass sie unbedingt größer reproduziert werden müssten, um ihren Zweck zu erfüllen. Im Vorbeilesen unterstützen sie die Vorstellungskraft des Lesers. Vor allem zeigen sie auch mal den jungendlichen und jungen Messiaen in alltäglichen Situationen.
Dass man offenbar die französischen Zitate aus Briefen, Artikeln oder anderen Äußerungen nicht aus der Primärquelle übersetzt hat, sondern aus dem englischen Original des Buches, ist philologisch vielleicht unbefriedigend, stört beim Lesen allerdings nicht weiter. Hill und Simone stehen Messiaen nahe, ohne ihn zu beweihräuchern. Auch aufs Psychologisieren verzichten die Verfasser, Messiaen darf einfach ein Gläubiger und Musiker sein. Manchmal wird man das Gefühl nicht los, dass sich der Mensch Messiaen hinter den vielen genauen Daten über Konzertreisen und Auszeichnungen dann doch wieder verbirgt.
Dennoch: Der angenehm sachliche, immer respektvolle Ton der Biographie drängt sich nicht auf. Stattdessen verführt er dazu, beim Lesen Aufnahmen mit Messiaens Musik aufzulegen und bestimmte Dinge nachzuhören und eigene Hörerfahrungen z. B. mit denen der Zeitzeugen der Uraufführung zu vergleichen.

Georg Henkel


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