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Zu groß für ein Heimspiel - Freud und Leid beim SUBWAY TO SALLY-Konzert in Potsdam

Info

Künstler: Subway to Sally

Zeit: 30.12.2005

Ort: Potsdam, Lindenpark

Der 30. Dezember ist im Potsdamer Lindenpark Jahr für Jahr ein besonderer Feiertag. Die Subway to Sally-Jünger feiern vorzeitig den Jahreswechsel. Und wie in den vergangen Jahren war auf der Homepage des Lindenparks auch 2005 schon Wochen zuvor der Vermerk „Veranstaltung ausverkauft“ vermerkt. 1996 war ich das letzte Mal dabei und es war eins der grandiosesten Konzerte, die ich je erlebt hatte. Als frischgebackener Religionslehrer tobte ich mit einem Nicht-Schüler (d.h. einem Schüler „meiner“ Schule, der sich nicht zum Religionsunterricht angemeldet hatte - damals im Ex-Osten die Regel) im zentralen Moshpit und hatte mächtig Spaß, obwohl mir ein Crowdsurfer beim Sprung von der Bühne direkt in die Brusttasche meines Oberhemds hineinsprang - eine Art von Materialtest, den das Hemd nicht bestanden hat.


Damals waren Subway to Sally auf ihrem ersten Zenit und hatten mit den Merlons eine grandiose (leider nie so richtig durchgestartete) Vorband dabei, die selbst beinharte enttäuschte Skyclad-Fans zu begeistern verstand Ursprünglich standen die britischen Folk-Metaller, die kurzfristig abspringen mussten, auf dem Programm. Ich war gespannt, ob bei Bodenski und Co mittlerweile der Erfolgsalltag Einzug gehalten hat, oder ob sie es immer noch schaffen würden, die alte Power auf die Bühne zu bringen. Um es vorweg zu sagen: Dies war eines der wenigen Konzerte, die ich vorzeitig verlassen habe. Schuld der Band war es nicht.

Vor dem Lindenpark bot sich das erwartete Bild. Lange disziplinierte Schlangen wurden „stückweise“ eingelassen und auf Bomben, Drogen, Getränke und ähnliche Gesundheits- oder Umsatz-schädigende Dinge untersucht. Ein Gefühl der Erleichterung stellte sich ein, als es mir mit Hinweis auf meine wichtige Tätigkeit gelang eine halbe Stunde Wartezeit in der wohl kältesten Nacht des Jahres 2005 zu umgehen. Das gab mir die Möglichkeit am Merchandise-Stand einige Informationen zur Vorband Leaves’ Eyes einzuholen. Im Laufe des Gespräches erinnerte ich mich dunkel daran, gelesen zu haben, dass Atrocity Mastermind Alex Krull seine Band halb aufgelöst, halb mit seiner Lebensgefährtin Liv Kristine (Ex-Theatre Of Tragedy) neu formiert hatte. Wie auch immer, das Ergebnis heißt Leaves’ Eyes und stand gegen 21.30 Uhr für eine knappe Stunde auf der Bühne.


The Beauty and the Beast(s) - so heißt das Konzept, mit dem seit Jahren Bands aus dem Düster-, Gothic- oder Black Metal-Bereich auf Stimmenfang gehen. Und Leave’ Eyes gehören nicht zu den schlechtesten Vertretern dieser Kategorie. Der zarte Liebreiz von Liv Kristine, den sie teilweise fast schüchtern auszuspielen scheint, nimmt das Publikum sofort für die Band ein. Und das liegt nicht nur an Livs bewusst femininem Auftreten, das durch ein Art Geisha-Kleid und (selbstverständlich) auch ein nicht zu übersehendes Dekollete betont wird, sondern vor allem an ihrer natürlichen Freundlichkeit, mit der sie frischen Wind in die düstere Atmosphäre von Club und Musik zaubert. Was für ein Kontrast zu den gebleichten Nachtschattengewächsen mir Trauerrändern um die Augen, die im Publikum stehen. Mit Dutzenden von Piercings im Gesicht und Zentnern von Silber(?)-Ringen, -Kettchen und -Armbändern wirken sie teilweise wie Reklametafeln für Altmetall-Händler.


Die Band liefert einen nicht überzogen brutalen schwarzmetallischen Wall of Sound, der das Publikum sofort zu Headbangen und Teufelsgabelgespreize (gähn!) animiert. Liv Kristine wirkt wie eine Priesterin von Avalon und erinnert stellenweise an Kate Bush. Leider ist der Sound nicht optimal. Vor allem die Höhen übersteuern oft. Aber egal: Die Stimmung ist gut. Und das ist erkennbar nicht nur die Vorfreude auf Subway to Sally. Dennoch erreicht die Stimmung natürlich einen Höhepunkt, als plötzlich der U-Bahn-Trommler - ebenfalls im roten Kleid - auf der Bühne erscheint. Es ist schließlich der letzte Abend der gemeinsamen Tour. Da müssen solche Einlagen sein. Als beide „Damen“ ihre bestrumpften Beine in voller Länge blank ziehen, interessiert sich wenig überraschend nur noch eine Minderheit für den Subway-Musiker. An diesem Abend hat sich eine Band mit Sicherheit eine Reihe neuer Freunde erspielt.

Bereits während des Auftritts von Leave’ Eyes deutete sich aber an, was für mich die Tragik des Abends werden sollte. Der Weg zum Merchandise-Stand, wo ich meinen Rucksack deponiert hatte, wurde zu einer Art Kampfeinsatz. Noch härter wurde der Rückweg zur Bühne - diesmal mit komplettem Gepäck. Der Lindenpark war ein einziges zusammengepresstes Bündel Mensch. Glücklicher Weise konnte ich die ersten Stücke des Auftritts von Subway to Sally aus dem Fotograben beobachten - und es war grandios. Eirc Fish und Mannschaft + Frau Schmidt legten von der ersten Sekunde an eine ungeheuere Präsenz an den Tag und das Publikum lies keinen Zweifall daran, dass es textsicher mitzufeiern gedachte.


Die ersten Special Effects gab es sofort. Die “Schneekönigin“ wurde passend zum aktuellen Plattencover in grün-blauer Beleuchtung und hinter einem Vorhang von Kunstschnee aufgeführt, der in Massen in den Fotograben regnete. Dann setzte mit “Feuerland“ sofort die Pyrotechnik ein und das Nebeneinander der symbolischen Elemente Feuer und Eis, die das lyrische Konzept von Nord Nord Ost prägen, war komplett. Die Bühne wirkte mit ihren rohen Stahlkonstruktionen industriell-martialisch und schien ein wenig von post-zivilisatorischen Filmen der Marke Mad Max abgeguckt zu sein. Dazu passte das grobe Outfit von Sänger Erik. Mit seinen massigen Stiefeln und dem weiten, offenen Ledermantel ähnelte er einem Udo Dirkschneider. Zusammen mit der immer wieder reichlich eingesetzten Pyrotechnik brachte das ein Stück weit Rammstein-Ästhetik in den Lindenpark. Das melodiösere Material der Mittelalter-Metal-Pioniere sorgte aber für erheblich mehr Leben.


Nach zwanzig Minuten war für mich Schluss mit lustig. Der Fotograben wurde geschlossen. Nachdem ich meine Ausrüstung ins Auto gebracht hatte, war die Menge so zusammen geschoben, dass an einen Vorstoß nach vorne überhaupt nicht mehr zu denken war. Mir blieb nur die drittbeste Lösung, am Eingang des bis an den hinteren Rand gefüllten Saales stehen zu bleiben und das Geschehen als Ganzes zu betrachten. Auch das war noch eindrucksvoll, wenn z.B. bei “Maria“ Bühne und Saal in dasselbe rote Licht getaucht wurden und sich das so hell erleuchtete Publikum in einen mehrhundertstimmigen Fis(c)h(er)-Chor verwandelte.

Als man mir dann an der Bar im rückwärtigen Teil des Lindenparks allerdings erklärte, alkoholfreies Bier gäbe es nur am Getränkestand neben der Bühne und dort seien auch die einzigen Toiletten, entschloss ich mich die Gastfreundschaft von Lindenpark, Subway und Nuclear Blast nicht länger in Anspruch zu nehmen.

Fazit: Der Dezember-Auftritt von Subway to Sally im Lindenpark ist zweifelsohne Kult. Aber die Band ist für die Location eindeutig zu groß geworden. Nächstes Mal am anderen Ort. Apropos nächstes Mal: Im April und Mai sind die Potdsamer mit einer Akustik Tour in Deutschland unterwegs.

Norbert von Fransecky


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