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Artikel

Going home too early: Joanne Shaw Taylor in Leipzig

Info

Künstler: Joanne Shaw Taylor

Zeit: 10.05.2017

Ort: Leipzig, Täubchenthal

Internet:
http://www.joanneshawtaylor.com

Als weiblicher Teenager zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christi Geburt ausgerechnet Bluesrock als Ausdruck der eigenen musikalischen Kreativität zu wählen, spricht von einer gehörigen Portion Selbstbewußtsein gekoppelt mit einem gewissen Grundfanatismus. Denn obwohl Menschen wie Gary Moore diesen Stil zumindest ansatzweise für eine etwas jüngere Generation salonfähig gemacht hatten, so war er doch weiland vom musikalischen Gefühl des durchschnittlichen britischen Teenagers so weit entfernt wie die Three Lions von irgendwelchen Siegen im Elfmeterschießen. Die nächste Stufe der Popularisierung des Bluesrock unter der jungen Generation zündete dann erst Joe Bonamassa – aber da war die junge Joanne Shaw Taylor schon mittendrin im Geschehen, wurde ausgerechnet von einem Eurythmics-Mitglied entdeckt und konnte letztlich ihr Debütalbum White Sugar sogar in Memphis einspielen. Mittlerweile ist sie bei Studioalbum Nr. 5 angekommen (dazu kommen einige Livemitschnitte), und ebenjenes neue Werk namens Wild bietet den Anlaß für die aktuelle Konzertrundreise, die die Gitarristin und Sängerin auch nach Leipzig führt.

Als Veranstaltungsort ist das Täubchenthal, eine ehemalige Industriehalle, angekündigt, und der Rezensent wundert sich etwas – er war bisher erst einmal dort und hat das Objekt so groß in Erinnerung, dass er nicht glaubt, dass Joanne Shaw Taylor es (noch dazu an einem Mittwochabend) füllen könnte. Das strukturelle Rätsel löst sich dahingehend, dass es im gleichen Gebäude noch eine kleine Räumlichkeit gibt, und ebendort steigen Joanne und ihre drei Mitstreiter wenige Minuten nach 20 Uhr auf die Bühne, um ihren Gig mit „Dyin‘ To Know“ zu eröffnen, das zugleich auch den Opener ihres genannten neuen Albums bildet. Selbiges ist, so wird sich am Ende herausstellen, mit fünf seiner elf Nummern am Start, interessanterweise jeweils blockweise zusammengefaßt: zunächst die drei ersten Songs des Sets und dann später noch unmittelbar nacheinander „Wanna Be Your Lover“ und der Titeltrack „Wild“ bzw. „Wild Is The Wind“. Die restlichen Nummern verteilen sich über alle vier weiteren Studioalben, allerdings beileibe nicht paritätisch – so ist überraschenderweise etwa der 2014er Albumvorgänger The Dirty Truth ausschließlich mit „Tried Tested And True“ vertreten, während das erwähnte Debüt White Sugar gleich drei Nummern stellt. Aber das ist eher eine Frage für die Statistiker – die anwesenden Musikfreunde interessiert natürlich eher die Gesamtwirkung der Darbietung.

Auch die ist freilich ungewöhnlich strukturiert: Joanne setzt vor allem in der ersten Sethälfte auf eher kompakte bluesrockige Inszenierungen, und nur ganze zweimal während des ganzen Gigs bricht sie aus und bringt ausladende oszillierende Arrangements mit vermutlich größerem improvisatorischem Anteil zu Gehör. Interessanterweise stehen diese beiden Songs auch noch nacheinander, und noch interessanter ist, dass sie beide vom Debütalbum stammen: „Watch ‘Em Burn“ und „Time Has Come“, wobei ersteres kernigeren Bluesrock bietet, zweiteres aber auf einem klassischen Bluesschema beruht und diesem enorm spannende Facetten abgewinnt. Von solcherartigen Geniestreichen hätte man sich im Rest des Sets noch ein paar mehr gewünscht, wobei das allerdings Jammern auf hohem Niveau darstellt, denn dass auch die etwas kompaktere Inszenierungsweise ihre Reize besitzt, daran bestand schon zuvor kein Zweifel, und solche erweckt der Gig denn auch nicht. Zumal Joanne eine erstklassige Band um sich weiß, die kurioserweise bis auf den Keyboarder/Zweitgitarristen Andrew Wynen so ganz und gar nicht nach Bluesrock aussieht: Drummer Oliver Perry würde man mit seinem wuchernden Bartwuchs eher in einer der heute gängigen nerdigen Instrumentalbands mit Stoner-Rock-Background verorten, Basser Luigi Casanova hingegen wirkt wie der Enkel Bob Marleys. Fit an ihren Instrumenten sind sie jedenfalls allesamt, was natürlich auch auf die Chefin zutrifft, die mit rauchiger Stimme ihre Geschichten von Verflossenen erzählt und in den Ansagen eine Kombination aus Sprechweise und Dialekt offenbart, die genaues Hinhören notwendig macht.

Die Atmosphäre in der kleinen, allerdings auch nicht gefüllten Lokalität ist jedenfalls von Freundlichkeit und Herzlichkeit geprägt, auch der Soundmensch verrichtet nach einigen Anfangsschwierigkeiten (da steht doch zu Beginn ausgerechnet die Gitarre der Chefin zu weit im Hintergrund) seinen Job tadelsfrei, und so könnte der Abend ein hochklassiger genannt werden, wäre er nicht so unerquicklich kurz: Kurz nach 20 Uhr begonnen, ist der Hauptset 21.15 Uhr schon wieder zu Ende, und als Zugabe wird nur noch der dritte White Sugar-Track, der Albumopener „Going Home“, hinterhergeschoben, so dass der Rezensent 21.30 Uhr bereits wieder im Auto sitzt. Zwar ist weniger manchmal wirklich mehr, aber hier hätte man sich doch eine längere Spielzeit gewünscht. Um nochmal den Bogen zu Joe Bonamassa zu schlagen: Der hat sich nach 80 Minuten gerade erst richtig warmgespielt. Trotzdem bleibt rein musikalisch natürlich eine Erinnerung an einen starken Auftritt haften.


Setlist:
Dyin‘ To Know
Nothing To Lose
No Reason To Stay
Jump That Train
Diamonds In The Dirt
Tried Tested And True
Watch ‘Em Burn
Time Has Come
Wanna Be Your Lover
Wild
Tied & Bound
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Going Home

Roland Ludwig


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