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Artikel

Bonner und Weiss erlebten in den 80er Jahren ihre ersten Male

Info

Autor: Stefan Bonner / Anne Weiss

Titel: Wir Kassettenkinder

Verlag: Knaur HC

ISBN: 978-3-426-65598-6

Preis: € 16,99

272 Seiten

Als ich den Titel dieses Buches gelesen hatte, wusste ich, dass ich es besprechen muss. Es gibt Menschen, die sind in ihrem weiteren Bekanntenkreis fast nur unter ihrem Spitzennamen bekannt. An mir sind Spitznamen fast vollständig vorbei gegangen. Nur einer hatte in einem bestimmten (kleinen) Kreis eine gewisse Beständigkeit, und in ihm mischte sich, wie bei Spitznamen häufig, Spott mit einer gewissen Anerkennung. „El Cassetto“ lautete dieser Name.

Hintergrund war, dass ich, wenn ich bei Gemeindefeten den Disc Jockey gemacht habe, nicht nur die unverzichtbaren Jutetaschen mit den schwarzen Scheiben dabei hatte, sondern auch mehrere Kartons mit selbst bespielten Cassetten, die ich vom Radio aufgenommen hatte. Und die Stunden, die man vor dem Radiogerät saß, werden in Wir Kassettenkinder wunderbar beschrieben und geradezu zum Symbol einer ganzen Epoche erhoben. Die zitternde Hoffnung dabei möglichst gute, voll ausgespielte Versionen bestimmter Titel zu erjagen, wird beim Lesen wieder lebendig.

Dieses Wieder-lebendig-werden ist die große Stärke von Wir Kassettenkinder. Bonner und Weiss liefern keine scharfsinnige Analyse eines Jahrzehnts, das zwischen den aufrührerischen 60ern, den kreativen 70ern und der Neugeburt des vereinten Deutschlands in den 90ern eine Art Schattendasein fristet und oft – gerade im kulturellen Bereich – als ein bloßer kommerziell ausschlachtender Aufguss der Jahre davor betrachtet wird.

Wenn Bonner und Weiss den 80ern ihrer Liebe erklären, dann erklären sie damit ganz einfach dem Jahrzehnt der ersten Male ihre Liebe. Der erste Kuss, die erste Flasche Bier, die erste selbst gekaufte LP, der erste Urlaub ohne die Eltern. Alle diese ersten Male haben die beiden zum Soundtrack der 80er erlebt – und keine Musik wird jemals wieder dieses Flair von Aufbruch, Wagemut und Freiheit haben.

Erlebbar wird dies durch die kleinen Dinge des Lebens – einen bestimmten Schokoriegel, eine Fernsehserie und natürlich die Musiken, die die Soundtracks zu den ersten Malen waren. Wer in den 80ern zwischen 10 und 20 war, der muss dieses Jahrzehnt lieben, weil es sein Jahrzehnt der ersten Male war. Ob das Buch für Ältere und Jüngere ein ebenso großer Gewinn wird, wage ich zu bezweifeln, weil die Autoren konsequent auf die subjektive Beteiligung setzen.

Ich hänge mit den Gefühlen bei Wir Kassettenkinder irgendwie zwischen den Stühlen. Mal bin ich voll dabei, hänge gemeinsam mit Bonner und Weiss ab und habe das Gefühl, dass sie meine besten Freunde sein müssten – und dann frage ich mich plötzlich, wovon die Kinder eigentlich reden, weil ich Musiken, Filme, Serien etc. eher vom Namen her kenne.

Vor allem an einem Punkt fühle ich mich von den beiden getrennt. Mir fehlt völlig die Wertung der Kassettenmusik, die mir meinen Spitznamen eingebracht hat. Auf den Cassetten befand sich bei mir immer das, was im Radio gespielt wurde. Und das war „Singlemusik“, Chartmüll. So was gehörte sich nicht. Wer etwas auf sich hielt, hörte LP-Musik, von Bands, die es nicht nötig hatten, sich mit Singles zu verkaufen. (Das stimmte schon damals nicht – aber für Jugendliche galten auch damals schon – äh – alternative Fakten.)

Man hörte Pink Floyd, Yes, Barclay James Harvest (zur Not), Rainbow, Purple, Uriah Heep, Lindenberg, die Ramones, Rush – aber doch nicht Ottawan, Peter Kent, Lipps Inc, die Bee Gees, Eruption, Boney M, Showaddywaddy, Slik oder Harpo. Suzi Quatro, die Sweet und Slade waren Grenzfälle. Aber genau diesen „Müll“ brauchte man auf Feten – zumindest in den ersten zwei Stunden. Und „El Cassetto“ hatte den Scheiß. So tief gesunken, dass ich die Scheiben (damals) gekauft hätte, war ich zwar nun auch wieder gesunken, aber ich war ja „Kassettenkind“.

Dachte ich jedenfalls. Und dann wissen Bonner und Weiss überhaupt nichts von dieser kulturgeschichtlich prägenden Scheidung in Single- und LP-Musik? Hatte ich doch das falsche Buch gelesen?

Ein Blick in den Klappentext brachte die Erklärung. Bonner und Weiss sind Jahrgang 75 bzw. 74. Sie sind also mit 5 und 6 Jahren in die 80er hineingerauscht und haben sie bereits mit 15 und 16 wieder verlassen. Ich bin mit 17 hinein und mit 27 wieder heraus. So ergibt sich ein anderer Blickwinkel auf die 80er. Für mich sind die späten 80er als Jahre der ersten Male schon etwas spät. Die beiden waren in den frühen 80ern für die ersten Male noch etwas klein. Die „echten“ 80er Jahre Kids sind wahrscheinlich die, die 1970 genau zwischen uns geboren sind.

Norbert von Fransecky


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