····· Ritual dictates tauchen „Goth & exhausted" aus der Pandemie auf. ····· Anti-Flag werden auch auf ihrem 13. Studio-Album Rückgrat zeigen ····· 1970er Auftritt von Creedence Clearwater Revival in der Royal Albert Hall auf CD und Vinyl ····· Muswell Hillbillies und Everybody’s in Show-Biz - Everybody’s a Star von The Kinks im Doppelpack ····· Ein neues Album von Robert Coyne am 2.September. ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Reviews

Patty Loveless

On your way home


Info

Musikrichtung: Country / New Country

VÖ: 16.09.2003

(Sony Nashville)

Internet:

www.PattyLoveless.com

Wenn man die Roots der Countrymusik sucht, landet man zwangsläufig bei der holden Weiblichkeit wie z.B. Mary Chapin Carpenter und Patty Loveless, die mit traditionellen Sounds und tiefgehenden Texten dem New Country in seiner Pop- und Chart-Orientiertheit die kalte Schulter zeigen und ihren Weg gehen. Zum einen verdient diese Einstellung den ungeteilten Respekt, zum anderen muss man sehen, dass diese Stilrichtung in den USA bedeutend breitere Käuferschichten findet als in Europa, wo die Countrybegeisterung noch jung ist, und daher nicht ganz so unpopulär rüberkommt wie es die mitteleuropäischen Gehörgänge vermuten lassen. Das beweist auch, dass dies Album sich in den Top-Platzierungen der Billboard-Charts wiederfand. Patty Loveless ist ja schließlich nicht irgendwer, sondern gehört zu dem halben Dutzend Country-Queens, das sich bereits über viele Jahre fest im Sattel hält.

Im einzelnen:

Das Cover von On my way home ist in Sepia gehalten, also in monochromen Beigetönen, wie man es von alten Fotografien kennt. Bereits dadurch kommt der leise Verdacht auf, dass man vielleicht vergeblich auf eine flotte Country-Party wartet, auf die man aufgrund der Single-Auskopplung von Lovin´all night vielleicht gehofft hat. Aber "nicht vermuten, sondern anhören" soll die Devise sein.

Der Opener "Draggin´ my heart around" begrüßt mich schon quasi schwanzwedelnd mit einem freundlichen Groove und könnte zu einigen Aufforderungen zum Tanz beim wöchentlichen Barndance führen, denn irgendwie hat man das Gefühl, man hätte ein paar gutgelaunte Musiker nebst Sängerin auf einer Bühne stehen, die für alle Junggebliebenen des Dorfes zum Tanz aufspielen. Ursache dieser Fantastereien ist die extreme Offenheit der Musik. Man hört den Punch der Bassdrum, die Mandoline, die Fiddle und die Gitarre - und alles klingt so offen und ehrlich, denn anscheinend ist nichts durch die elektronische Soundbearbeitung gegangen, sondern man hat das Gefühl, die Instrumente seine komplett unverfälscht aufgenommen worden. Diese klare Klangwiedergabe ist aus der Bluegrassmusik wohlbekannt, die bei "Nothin´ like the lonely" weitere Kreise zieht. Eine Mandoline und die von Stuart Duncan stets hervorragend gespielte Fiddle (Kann der überhaupt noch zählen, auf wieviel Alben er den Viersaiter strich?) bilden das Intro, zu dem nach einer Minute Drums und E-Gitarre stoßen, um dem Ganzen einen moderneren Anstrich zu geben.

Bei "I wanna believe" führt ein Groove, der sehr stark an "The bug" erinnert, was auch gesangsstilistisch verstärkt wird. Aber auch hier sind die Verbindungen zu den Roots immer gegeben, wie die Mandoline im Marty-Stuart-Stil beweist. Ein lockerer und flotter Titel, der zum Mitwippen animiert. Der Titeltrack "On your way home" (von Matraca Berg)ist eine Ballade mit dezenter Begleitung, bestehend unter anderem aus einer gezupften Gitarre und einer Pedal Steel, die aber nie zu weit in den Hintergrund tritt und dem Song so doch ständig zu einem ruhigen Groove verhilft. Mit "I don´t wanna be that strong" steht bereits die nächste Ballade ins Haus, die auch sehr gut zum Stil von Faith Hill passen würde und alles andere als simpel ist. Die traditionellen Elemente bleiben dabei draußen vor der Tür, so dass hier ein chart-orientiertes Werk erstellt wurde, das auch in den Billboard-Top-Twenty sein gerechtes Zuhause finden könnte. Und wo es gerade so schön ruhig ist, bleiben wir doch gleich dabei! Der "Born-again fool" ist ein Mann, der seiner Frau alles gab, was sie wollte, und dann doch von ihr verlassen wurde. Die Geschichte des verständnislos mit seinem Looser-Image konfrontierten Mannes ist als Slow-Waltz gehalten und entspricht langjähriger Country-Tradition.

Die swingenden Grooves von "Looking for a heartache like you" blasen die Trübsal weg und zeigen eine verliebte Patty Loveless (deren Name in diesem Zusammenhang absolut unpassend ist), die sich einen Mann auf´s Korn genommen hat und ihn musikalisch umgarnt. Schöne Front-porch-swing-Musik, die leichte gute Laune verbreitet und den Balladen-Block gekonnt ablöst. Noch ein bisschen lebhafter geht es beim Rodney-Crowell-Titel zur Sache, der bereits im Original die Charts stürmte und als Remake einen ebenso großen Erfolg feiern konnte. Doch auch hier ist die Handschrift von Patty Loveless zu erkennen, die in den Instrumental-Phasen neben der Gitarre auch die Fiddle sprechen lässt. Aber an dem hervorragenden Groove dieses Songs führt kein Weg vorbei, und so bleibt die Grundstruktur deutlich erhalten.

Wenn ein Lied "Last in a long lonesome line" heißt, wird man keine Ausbrüche der Fröhlichkeit erwarten können. Wiederum als Slow-Waltz ausgelegt, kommt hierbei jedoch weniger die Bluegrass-Instrumentierung zum Einsatz als vielmehr das "Sehnsuchts-Paket" mit Akustik-Gitarre und Pedal-Steel, das den Background sehr schön ausmalt und den Titel zu einem Schmusesong arrangiert. Traurige Stimmung verbreitet zum Schluss "The grandpa that I know", das von der Beerdigung ihres Großvaters berichtet und aus der Feder von Shawn Camp stammt. Der romantische Rückblick auf den alten Mann, der das einfache Leben auf dem Land liebte mit all seiner Arbeit und Entbehrung, ist sehr authentisch und nachfühlsam erzählt.

Als Zugabe ist der CD noch eine DVD beigelegt, die neben drei Livemitschnitten der "Austin City Limits" und einer Fotosammlung auch den Videoclip zu "Lovin´all night" enthält. Eine nette Beigabe, die dem Hörer auch einen visuellen Eindruck von der Interpretin vermittelt.

Fazit:

Man merkt Patty Loveless an, dass sie kein Produkt der Musikindustrie ist, sondern dass sie die Countrymusik inklusive der traditionellen Spielarten wie Bluegrass von der Pike auf erlernt hat und sich von diesen Roots nie trennen wird. Äußerst angenehm ist daher auch die Transparenz der Musik und der Instrumente, die pur und unverfälscht klingen und so dem Können der Musiker die Ehre erweisen. Pur und unverfälscht ist aber auch Patty Loveless, ihre Stimme und ihr Feeling. Das Album ist wie gemacht für Tage, an denen einem die computeranimierte Popmusik der Linedancer aus den Ohren hängt, um den Countryfan wieder einzunorden. Sehr angenehm begegnet einem dabei die enorme Spielfreude der Musiker, die der Producer Emory Gordy jr., nebenbei als Bassist der Einspielungen aktiv, sehr gut eingefangen hat.

On your way home bietet eine interessante Mischung aus traditioneller und moderner Countrymusik, ohne eine Seite zu benachteiligen. Um das Bild vom Beginn der Rezension wieder aufzunehmen, dürfte man mit Mrs. Loveless und ihrer Band beim Barndance durchaus auf seine Kosten kommen, ganz gleich ob man tanzen, schmusen oder nur mitwippen möchte. Und für den Heimweg (way home) ist sicher noch etwas Nachdenkliches dabei.



Lothar Heising

Trackliste

1Draggin´ my heart away
2Nothin´like the lonely
3I wanna believe
4On your way home
5I don´t wanna be that strong
6Born-again fool
7Looking for a heartache like you
8Higher than the wall
9Lovin´ all night
10Last in a long lonesome line
11The grandpa that I know

Besetzung

Drums: Harry Stinson
Bass: Emory Gordy jr.
Acoustic Guitar: Steve Gibson, Biff Watson
E-Guitar: Jedd Hughes, Kenny Vaughan, Tom Britt
Steel & Banjo: Russ Pahl
Mandolin: Tim Hensley, Deanie Richarson
Fiddle: Stuart Duncan
Dobro: Jerry Douglas

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger