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Reviews

Kraus, Joseph Martin (Schuppanzigh)

Kammermusik


Info

Musikrichtung: Kammermusik

VÖ: 15.10.2003

(Capriccio / Delta Music) CD DDD (AD 2001) / Best. Nr. 67 066

Gesamtspielzeit: 58:05

Internet:

Capriccio

JUNGE WILDE ZWISCHEN KLASSIK UND ROMANTIK ...

DER KOMPONIST: EIN "JUNGER WILDER" DES 18. JAHRHUNDERT


Als Concerto Köln die Sinfonien von Joseph Martin Kraus (1756-1792) zu Beginn der 90er Jahre aus ihrem Dornröschenschlaf erweckte (Capriccio 10 396 / 10 430), kam das einer kleinen Sensation gleich. Dieser "Mozart-Zeitgenosse" - im wahrsten Sinne des Wortes, Mozart lebte von 1756-1791 - entpuppte sich einmal wirklich als aufregender, origineller Musiker. Schon Joseph Haydn lobte seine Meisterschaft, Christoph Willibald Gluck attestierte "einen großen Stil".
Trotzdem hat man Kraus vergessen. Die Gründe kann man gerade in den Sinfonien noch heute nachhören: Während Mozart die unterschiedlichen musikalischen Strömungen seiner Zeit zur großen Synthese zusammenführte und zusammen mit Haydn und Beethoven zur Trinität der Wiener Klassik verklärt wurde, repräsentiert Kraus' Musik vor allem eine Facette der Musik des 18. Jahrhunderts zwischen Barock, Klassik und Frühromantik: den sogenannten Sturm und Drang. Weil Kraus in einem "Übergangsstil" komponiert hat, erhielt er nicht die Weihe des Repertoires. Trotz der biographischen Eckdaten galt er eben nur als "Vorläufer" der großen klassischen Meister. Auch topographisch agierte Kraus - aus heutiger Perspektive - eher am Rande: am Hofe Gustav III. in Stockholm. Damals freilich eine der besten Adressen.
Kraus war wohl das, was man heute einen "Jungen Wilden" nennen würde. In seinen Sinfonien packt das leidenschaftliche, vorrevolutionäre Pathos, die dunkle Wucht und affektive Erregung, eben das "Stürmende" und "Drängende". Archaisierende Elemente, die noch auf den Barock zurückverweisen, steigern die ernste, ergreifende Wirkung eher, als das sie "zopfig" wirken würden. Freilich nur, wenn sie nicht "romantisiert" werden. Dazu bedarf historisch versierter Interpreten.

DIE INTERPRETEN: "JUNGE WILDE" DES 20. JAHRHUNDERTS

Ebensolche Künstler haben sich in einer neuen Aufnahme der Kraus'schen Musik angenommen. Mit dem 1996 gegründeten Schuppanzigh Quartett kann man diesmal dessen Meisterschaft im kammermusikalischen Format erleben. Mit zwei Quartetten aus Kraus' op. 1 und einem Flötenquintett sind Werke von ganz unterschiedlichem Charakter versammelt. Im Quintett von 1783 wird die mitunter überschäumende Brillanz eines Virtuosen-Konzerts durch die kontrapunktische Stimmführung und eine subtile Affekt-Regie gebändigt. Manchmal erscheint das Werk wie eine miniaturisierte Sinfonie.
Die Quartette verweisen mit ihren stärker barock gefärbten Themen und den Fugenelementen auf eine frühere Schaffenepisode des Komponisten. Der ergeifende Ernst des g-Moll-Quartetts mit seinen verschatteten, schwermütigen Passagen - im Grunde besteht es aus drei langsamen Sätzten! - wirkt wie eine Vorahnung der Romantik. Ganz anderes das D-Dur-Quartett, bei dem Quirligkeit mit Besonnheit gekonnt ausbalanciert ist. Gemeinsam ist allen drei Werken der Reichtum an Details, die dichte Faktur, die Vielfalt von Charakteren und Stimmungen. "Kammermusik = Langeweile" gilt hier nicht!

Das Schuppanzigh Quartett macht seinem Namensgeber alle Ehre (Iganz Schuppanzigh (1776-1830) hatte als Primarius des gleichnamigen Ensembles im 19. Jahrhundert u. a. die Beethoven-Quartette aus der Taufe gehoben):
Mit satt grundiertem Ton, differenzierten Farb- und Beleuchtungswecheln und einem temperamentvollen Spiel erobern sich die 'neuen' Schuppanzighs wie ihre Vorgänger auf Darmsaiten dieses hörenswerte Repertoire. Beim Flötenquintett ist ihnen Martin Sandhoff mit seinem blühenden, virtuosen Flötenspiel ein gleichberechtigter Partner.
Bleibt nur zu wünschen, dass das Schuppanzigh Quartett weitere Expeditionen dieser Art unternimmt ... und, wer weiß, vielleicht irgendwann mal bei Beethovens Großer Fuge op. 133 ankommt.



Georg Henkel

Trackliste

1-3 Flötenquintett D-Dur 26:45
4-6 Quartett g-Moll op. 1 Nr. 3 10:39
7-9 Quartett D-Dur op 1 Nr. 4 20:13

Besetzung

Martin Sandhoff (Flöte)
Anton Steck - Christoph Mayer (Violine)
Jane Oldham (Viola)
Antje Geusen (Violoncello)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger