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Reviews

Vivaldi, A. (Kennedy)

Concertos


Info

Musikrichtung: Barock / Instrumental

VÖ: 29.09.2003

EMI CLASSICS / EMI (Best. Nr. 5 57647 2 )

Gesamtspielzeit: 61.45

Internet:

Nigel Kennedy Fanclub
Nigel Kennedy Management

Ein Vivaldi der Marke N.K.

DO IT AGAIN, BABY!

Yeah! - Oh mein Gott, er hat es schon wieder getan! Nigel Kennedy hat Antonio Vivaldis (1678-1741) Megahit 'Die vier Jahreszeiten' noch einmal eingespielt. 1989 war Premiere. Das hat der Klassikszene den bis dato größten Bestseller aller Zeiten beschert. Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde. Mit seinem Vivaldi hatte Kennedy den konventionellen klassischen Starvirutosen-Betrieb durch eine Aufnahme aufgelockert, die allein schon dadurch für Aufsehen sorgte, dass sie etwas rauher und spritziger klang, als die braven und behäbigen Einspielungen der Kolleg/innen. Da mochte man beim Sonntagmorgenfrühstück dann doch mal fragen: "Was'n das!?" - wo man sonst schon gar nicht mehr richtig hingehört hat.

ES GIBT SIE!!! VORBILDER UND ALTERNATIVEN

Dass die historische Aufführungspraxis bis zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach demonstriert hatte, wie anders und neu diese Musik klingen kann, wenn man nur ein wenig Phantasie, Spontanität und andere Instrumente verwendet und vor allem anders miteinander musizierte (nicht so star-orientiert), hat man da wohl übersehen bzw. überhört. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe Jahreszeiten-Aufnahmen, die diesen Ansatz in die unterschiedlichsten Richtungen weiterentwickelt haben.

Um nur drei Extreme zu nennen: Il Giardino Armonico hat mit unerhörten Manierismen aus dem Zyklus ein Stück Avantgardemusik des 20. Jahrhunderts gemacht. Das Freiburger Barockorchester erweiterte zusammen mit dem Harp Consort den dominierenden Streicherklang um originelle Farben im Continuo. Le Europa Galante hat selbst in Kleinstbesetzung mit einem Maximum an Differenziertheit aufgetrumpft.

REVIVAL À LA KENNEDY

Was macht Kennedy?

Kennedy profitiert unüberhörbar von den Ergebnissen der HAP und spielt in seiner zweiten Fassung die Solopartie auf originelle, auch manirierte Weise aus, etwa im Stil der älteren "Sonata Representativa", wie sie z. B. Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704) komponiert hat: Bei dem imitiert die Violine Froschgequake, Hühnergegacker und Hahnengeschrei, Katzenmusik und Landsknechtstrommel. Dieser Ansatz sorgt bei Vivaldi dann allerdings dafür, dass der Notentext nur noch die Stichworte für phantasievolle Ausgestaltungen à la Kennedy bietet. Das war freilich auch schon bei den oben genannten Alternativen der Fall. Wo man die Grenze zieht, ist nicht zuletzt Geschmackssache. Hier orientiert sich der Solist vor allem am Wortlaut jener vier Sonette, die das literarische Programm für die Jahreszeiten abgeben und auch im Booklet abgedruckt sind.

Wie die Noten hier in musikalisches Theater verwandelt werden, ist nicht nur unterhaltsam, sondern auf seine Weise sehr barock. Zusammengehalten wird all das von jenem geigerischen Schwung, der schon die erste Version Kennedys so erfolgreich gemacht hat.

Z. B. der Herbst RV 293. Die Erntefeier wird zu einem herrlich wilden Bacchanal. Kennedy erweckt sie mit seiner Violine zum Leben: die Tänzer und Säufer, die Lachenden und scherzhaft Streitenden - und läßt die Betrunkenen schließlich selig wegdösen. Den langsamen Mittelsatz - man träumt sich sozusagen durch bis zum dritten Satz - reichert Kennedy mit unirdischen Flageolettklängen an - "Und so verklingen die Lieder und Tänze, / Die Luft ist mild und angenehm" (wie es im dazugehörigen Sonett heißt). Derb und stampfend kommt die Jagdgesellschaft daher. Kennedys "Hornsignale" hört man von nah und fern.

Anderes kennt man in der einen oder anderen Weise natürlich schon: Die 'gefrorenen' Klänge zu Beginn des Winters RV 297 (13). Hier und an anderer Stelle sind es verblüffende oder witzige Details, mit denen Kennedy seine persönlichen Akzente setzt.

Auch die Mitglieder der Berliner Philharmoniker tragen ihren Teil zum gelungenen Revival bei - wenngleich sie, bei aller Perfektion, glatter, monochromer und kühler klingen, als ihre "historisierenden " Kollegen auf Darmsaiten. Kennedy ist hörbar der Swing-Motor des Ganzen, das Orchester ist ganz auf ihn eingestimmt.

Auch kommen die Stürme im Frühling und Sommer enttäuschend harmlos daher. Die Glätte ist nicht nur eine Frage der Phrasierung oder Artikulation. Cembalo und Theorbe klimpern hier nach wie vor mehr im Hintergrund. Überdies nimmt das spröde, ausgeblichene Klangbild der Musik einiges von ihrem Charme. Andere Ensembles legen mehr Wert auf klangliche Vielfalt. Das barocke concertare meint nicht umsonst, dass alle miteinander wetteifern - und nicht nur der Solist. Bei den Freiburgern mit dem Harp Consort pfeift nicht nur der Wind, da prasselt auch der Regen und rollt der Donner, da klampft und zirpt es an Stellen, wo Kennedy hier alles alleine macht.

Und weil Vivaldi nicht nur die Jahreszeiten, sondern noch rund 500 (!) andere Concerti komponiert hat, gibt es auch hier zwei weitere Dreisätzer als Rahmenprogramm zu hören. Aber was heißt hier Rahmen! Die Musik ist originell - und wird durch Kennedys Interpretation unter Starkstrom gesetzt.

Also: Wer Barockmusik vielleicht nur von historisierenden Ensembles gespielt erträgt oder Vivaldi abgedroschen findet, höre ruhig mal bei Kennedy "Vivaldi II" rein. Originelles Marketing und originelle Interpretation müssen nicht unvereinbar sein!

Wer "Vivaldi pur" möchte und keine Extravaganzen mag, dürfte freilich irritiert werden.



Georg Henkel

Trackliste

01-03 Concerto für 2 Violinen op. 3, Nr. 8 RV 522 09.36
04-15 Die Vier Jahreszeiten op. 8, Nr. 1-4 RV 269, 315, 293, 297 36.36
16-18 Concerto für 2 Violinen RV 511 12:07

Besetzung

Nigel Kennedy / Daniel Stabrawa (Violine)
Mitglieder der Berliner Philharmoniker
Ltg. Nigel Kennedy

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