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Reviews

Peelman, Roland

Das Hohelied Salomos


Info

Musikrichtung: Renaissance / Frühbarock - A-Capella

VÖ:

(Celestial Harmonies DDD (AD 2000) / 13199-2)

Internet:

http://www.harmonies.com

Sakrale Erotik: Das "LIED DER LIEDER" in Vertonungen vom 15. bis zum 17. Jahrhundert

"Das Hohelied Salomos", "Das Hohelied der Liebe" oder lateinisch "Canticum Canticorum" ... das sinnlichste Buch der Bibel trägt viele Titel. Der hebräische lautet übersetzt: "Lied der Lieder", d. h. schönstes Lied. Poetisch, aber auch mit großer Direktheit singt es von der Liebe, der Schönheit von Mann und Frau, Verlangen, Erotik und Hingabe ...

"Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Süßer als Wein ist deine Liebe. Köstlich ist der Duft deiner Salben, dein Name hingegossenes Salböl; darum lieben dich die Mädchen ... Schön bist du meine Freundin, ja du bist schön. Hinter dem Schleier deiner Augen wie Tauben ... Rote Bänder sind deine Lippen; lieblich ist dein Mund. Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Schläfe hinter dem Schleier ... Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weidet ... Verzaubert hast Du mich, meine Schwester Braut ... mit dem Blick deiner Augen ..."

... es schwelgt bildgewaltig und betörend in Stimmungen, Düften und Farben des Orients ...

"Mein Geliebter ist weiß und rot, ist ausgezeichnet vor Tausenden. Sein Haupt ist reines Gold. Seine Locken sind Rispen, rabenschwarz. Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen; die Zähne, in Milch gebadet, sitzen fest. Seine Wangen sind wie Balsambete, darin Gewürzkräuter sprießen, seine Lippen wie Lilien ... Sein Finger sind wie Stäbe aus Gold, mit Steinen aus Tarschisch besetzt. Sein Leib ist wie eine Platte aus Elfenbein, mit Saphiren bedeckt ... Seine Gestalt ist wie der Libanon, erlesen wie Zedern. Sein Mund ist voll Süße; alles ist Wonne an ihm."

... aber es weiß auch von den Schmerzen des Verlusts, von Gefährdung und unerfüllter Sehnsucht ...

"Ich stand auf dem Geliebten zu öffnen, da tropften meine Hände von Myrrhe am Griff des Riegels. Ich öffnete meinem Geliebten: Doch der Geliebte war weg, verschwunden. Mir stockte der Atem: Er war weg. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht. Ich rief ihn, er antwortete nicht. Da fanden mich die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt; sie schlugen, sie verletzten mich ... Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter: Wenn ihr meinen Geliebten findet, sagt ihm, ich bin krank vor Liebe."

Das "Hohelied" gilt als eine Dichtung "von" oder "für" König Salomon, jenem alttestamentlichen Herrscher Israels, der für seine Weisheit, seinen Macht, seinen sagenhaften Reichtum, seine Dichtkunst, aber auch für seinen großen Harem bekannt ist. Mag der Ursprung dieser lose verbundenen Sammlung von Hochzeits-, Prahl- und Liebesliedern auch die höfische Welt sein, so gelangte es doch nicht zuletzt deshalb unter die biblischen Schriften, weil es allegorisch auf den Bund zwischen Gott (Jahwe) und seinem erwählten Volk hin gedeutet wurde: eine poetisch-mystische Hymne auf die Hochzeit des Herrn und Israel - und ein erstaunliches Zeugnis für die leibhaftige Religiosität des Alten Testaments, das sich ja auch sonst nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen.
Das christliche Verständnis geht hier auf das Verhältnis Christus-Gemeinde, Christus-Einzelseele oder auch die Marienverehrung. Insbesondere seit dem Hochmittelalter, in dem die wachsende Wertschätzung der subjektiven religiösen Erfahrung - z. B. in der "Jesus-Minne" - einen beispiellosen Boom der Spiritualität beförderte, wurde das "Hohelied" intensiv rezipiert. Die christliche Mystik ist ohne das "Lied der Lieder" ebenso wenig denkbar wie die christliche Kunst. Und noch Johann Sebastian Bach zitiert das "Hohelied" in seiner Matthäuspassion, wenn er den Chor in die Arie "Ach, nun ist mein Jesus hin" mit großer Zartheit vom Chor die Worte "Wo ist dein Freund hingegangen, oh schönste von allen Weibern?" hineinsingen läßt.

Erst die aufgeklärte, vergeistigte Neuzeit weiß nur wenig mit dem wunderbaren Text anzufangen. Wie war der bloß in die Heilige Schrift hineingekommen?

Wie sich dagegen die Komponisten vergangener Jahrhunderte vom "Hohelied" inspirieren ließen, kann man auf einer Produktion von "The Song Company" unter Martin Peelman hören. Das australische Vokal-Ensemble bietet zweiundzwanzig ausgewählte Stücke vom Spätmittelalter bis zum Frühbarock (darunter Kompositionen von Josquin des Prez, Giovanni P. da Palestrina und Claudio Monteverdi), in einer sehr sinnlichen und zugleich subtilen Interpretation. Der volle, körperliche Klang der sechs Sänger/innen bekommt durch die räumliche Akustik der Cardinal Cerreti Memorial Chapel in Sidney eine leuchtende und warme Aura. Musiziert wird mit meditativer Ruhe, aber keinesfalls spannungsarm. Bei aller Homogenität treten einzelne Stimmen bzw. Register immer wieder einmal heraus (was lediglich beim dominierenden Alt in Track 8 störend wirkt); die meist in dichter Mehrstimmigkeit gesetzte Musik erklingt in einem reizvollen, atmosphärischen Licht- und Schatten-Spiel. In der Verbindung von weicher, flexibler Tongebung und Durchhörbarkeit unterscheidet sich die Interpretation sehr von der erratischen, glasklaren, zuweilen aber auch kühlen Darbietung manch britischer A-Cappella-Ensembles. Durch den Ansatz der "Song Company" wird nicht nur brillante Eintönigkeit vermieden, sondern auch dem Gehalt der Stücke Rechnung getragen. Die Sinnlichkeit der biblischen Texte und die betörende Besinnlichkeit ihrer musikalischen Darbietung korrespondieren bestens miteinander. Nicht nur für Liebhaber unbegleiteter Vokalpolyphonie ist diese Aufnahme eine Empfehlung.



Sven Kerkhoff

Besetzung

The Song Company - Roland Peelman (Ltg.)
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