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Reviews

Machine Head

Of Kingdom And Crown


Info

Musikrichtung: Thrash / Nu Metal

VÖ: 26.08.2022

(Nuclear Blast)

Gesamtspielzeit: 70:12

Internet:

http://www.machinehead1.com
http://www.nuclearblast.de

Das bisher einzige Machine-Head-Album, das sich im durchgehörten Teil der hiesigen Sammlung befindet, ist tatsächlich das 1994er Debütalbum Burn My Eyes – von allen anderen (wobei einige, etwa The Blackening, noch auf dem großen Stapel der Ungehörten lagern) kennt der Rezensent nur einzelne Songs oder die schriftliche Berichterstattung darüber, anhand derer er die Entwicklung des Bandsounds nachvollziehen kann. In den 90ern wurde das Debütalbum derart übermächtig, dass der mit liebevollem Sarkasmus geprägte Begriff „Biopantura“ für den Neo-Thrash der Mittneunziger eine Erweiterung in „Biopanturahead“ erfuhr. Chefdenker Robb Flynn und seine wechselnden Mitstreiter bewegten sich noch eine Zeitlang weiter in diese Richtung, ehe sie mehr und mehr Classic-Thrash-Elemente zurückholten und zugleich die Komplexität ihres Songwritings steigerten, so dass in den Nullerjahren nicht selten Songlängen von zehn Minuten erreicht wurden. Später gingen sie wieder einen Schritt zurück und einen zur Seite, indem sie Elemente des aus besagtem Neo-Thrash gewachsenen Nu Metals einflochten – und auch sie begannen letztlich, ein Konzept zu realisieren, das in letzter Zeit im Metal sehr in Mode gekommen ist, nämlich die Gesamtaufführung eines Klassikeralbums. Allerdings gingen sie über die Praxis vieler Kollegen hinaus, indem sie 2019 auf der Tour jeweils einen Doppelabend ansetzten: einen Set mit der aktuellen Besetzung und einen Set mit der Gesamtaufführung des weiland 25 Jahre alt gewordenen Burn My Eyes-Albums mit dessen Originalbesetzung, was praktisch bedeutete, dass Flynn jeden Abend zwei Sets zu spielen und zu singen hatte, die anderen je drei Musiker jeweils nur einen.
Die Tour kam allerdings zu einem unerwarteten Halt – die Pandemie erzwang ihr Ende. Bereits vorher hatte die Band allerdings erste Ideen für das Nachfolgealbum von Catharsis zu sammeln begonnen und setzte diesen Prozeß während der Pandemie fort, wenngleich unter den erschwerten Bedingungen, dass Drummer Matt Alstom als Brite nicht in die USA einreisen durfte und Gitarrist Wacław Kiełtyka aka Vogg als Pole auch nicht. Letzterer schickte seine Parts also per Datenleitung, ersterer wurde temporär durch den Amerikaner Navene Koperweis ersetzt. Letztlich erschien „My Hands Are Empty“ schon 2020 als Single, und 2021 wurde mit Arrows In Words From The Sky eine EP nachgeschoben. Wann genau sich herauskristallisierte, dass Of Kingdom And Crown ein Konzeptalbum (ein Endzeit-Konflikt zwischen zwei Männern namens Ares und Eros, aber mit ein paar Anspielungen auf reale Ereignisse, etwa den Tod von Flynns medikamentenabhängiger Mutter in „Become The Firestorm“) werden würde, ist nicht en detail überliefert. Die Hintergrundgeschichte kann man nicht im Booklet nachlesen, sondern nur die Texte, ist für weitere Informationen also auf externe Quellen angewiesen.
Wenn man wie der Rezensent vor allem mit dem jüngeren Schaffen Machine Heads nur punktuell vertraut ist, könnte man mit „Slaughter The Martyr“ erstmal eine Überraschung erleben: Der Opener beginnt nämlich als düstere Ballade, und Flynn singt mit einer berückenden Cleanstimme, die ihm jemand, der ihn nur als Thrash-Shouter kennt, erstmal nicht zugetraut hätte. Erst nach mehr als drei Minuten wandelt sich die Nummer in komplexen Thrash, der fast alles, was in der reichlichen Stunde Musik passiert, in ihren ersten zehn Minuten schon mal zusammenfaßt, ohne dass man freilich den Eindruck hätte, Machine Head würden hier ohne Sinn und Verstand einfach nur Ideen aneinanderreihen. Nein, hier paßt nach entsprechendem Einhören jede der diversen Wendungen, und trotz der latenten Zugänglichkeit der erwähnten ersten drei Minuten (da hätten andere eine Single draus gemacht) erscheint es durchaus gewagt, so eine Nummer als Opener zu plazieren. Aber eine Band, die sich was aus Erwartungshaltungen gemacht hat, sind Machine Head ja schon lange nicht mehr, und sie ziehen auch hier wieder ein ganz eigenes Ding durch. Nehmen wir nur mal das erwähnte „Become The Firestorm“ her: Vogg und Flynn flitzen hier erstmal durch melodische Motive, die man sonst eher im klassischen Melodic Death verorten würde, entwickeln daraus maximale Aggression, lassen das Ganze dann aber in klassischem Biopanturahead-Sound münden, den einer der beiden Gitarristen dann wieder mit einem sphärisch-zarten melodischen Hauptsolo konterkariert – und wundersamerweise paßt auch das alles zusammen, ohne dass man von „Baukastenprinzip“ oder Schlimmerem sprechen müßte. Gleiches gilt auch für „My Hands Are Empty“, den erwähnten ersten Singletrack, der in unveränderter Fassung auch auf dem Album gelandet ist und mit seinem einminütigen, wieder angedüsterten, aber hochmelodischen „Ohoho“-Intro den Hörer schon auf das, was letztlich auf dem Album zu finden ist, vorbereitet, also quasi zeitlich die Funktion übernimmt, die im Albumkontext „Slaughter The Martyr“ erfüllt – Flynn und Bassist Jared MacEachern waren von „My Hands Are Empty“ derart überzeugt, dass sie beschlossen, das Album um diese Nummer herum zu stricken.
Das heißt jetzt freilich nicht, dass jede Nummer so klingt – auf Überraschungen muß man immer und überall gefaßt sein. Nehmen wir nur mal „Unhallowed“ her. Das Eröffnungsriff täuscht einen klassischen geradlinigen Stampfer an, es entwickelt sich aber Nu Metal, der mit seinem hypermelodischen Refrain eher Nu Rock als Nu Metal darstellt, mit ein paar kernigen Riffs und etwas Gebrüll aber doch Metalverdacht aufkommen läßt, bis kurz vor Minute 4 ein grundlegender Wechsel stattfindet und wir in klassischem melodischem Speed Metal landen, was nun so ziemlich das Letzte ist, was man von Machine Head erwartet hätte – der Song endet dann nochmal mit dem Nu-Rock-Refrain. Wem das alles zuviel Innovation darstellt, der kann sich immer noch mit „Kill Thy Enemies“ trösten – schleppender Biopanturahead-Sound dominiert hier, wobei man freilich auch hier einen clean gesungenen Refrain aushalten muß und das Hauptsolo für Biopanturahead auch deutlich zu clean und melodieorientiert ausfällt. „No Gods, No Masters“ kehrt die Grundstruktur praktisch um, ist eher als melodieorientierter Nu Metal oder meinetwegen Nu Rock (mit dem zweiteingängigsten Refrain der Scheibe) konzipiert, der mit Thrash-Elementen versetzt wurde. „Bloodshot“ wurzelt dann wieder im Thrash, aber auch hier muß man zwischen Biopanturahead-Refrain und Classic-Thrash-Strophe unterscheiden, und die beiden Soli mixen dann alles munter durch. Allerspätestens hier wird auch den letzten Altanhänger, der die Jubiläumstour für Burn My Eyes als Hoffnungszeichen angesehen hat, Machine Head würden vielleicht ein Album in dieser Stilistik nachschieben, die Hoffnung verlassen haben, dass sich sein Wunsch erfüllen könnte – aber „Rotten“ kommt diesem historischen Stil dann doch überraschend nahe, wenngleich auch hier ein paar Indizien lauern, warum diese Nummer 1994 noch nicht möglich gewesen wäre, deren deutlichstes der gegen Minute 2:30 unerwartet auch hier um die Ecke biegende Cleangesang bildet, der zugleich Vogg oder Flynn wieder in ein großartiges Classic-Metal-Solo führt, das sich Flynn oder sein damaliger Gitarrenkompagnon Logan Mader 1994 so nie getraut hätten. Die Hymne „Arrows In Words From The Sky“, die den regulären Teil des Albums abschließt und den einprägsamsten Refrain der ganzen Stunde auffährt, wäre 1994 nahezu in ihrer Komplettheit noch unmöglich gewesen und beweist, welches Kreativpotential aktuell in Machine Head steckt. Allenfalls der schleppend-düstere Zwischenpart mit drohend geflüsterten bzw. sehr hintergründig geshouteten Vocals hätte auch schon damals entstehen können, aber ringsherum herrscht wieder Melodienseligkeit mit dominantem Cleangesang und einem klassischen Power-Metal-Solo. Klar wird’s Leute geben, die der Meinung sind, all das habe auf einem Machine-Head-Album nichts zu suchen, aber die können sich ja eines der bereits erschienenen Werke aus dem Schrank ziehen, und obwohl Of Kingdom And Crown insgesamt vielleicht doch ein, zwei Songs zu lang ausgefallen ist (bei Konzeptalben natürlich immer ein schwieriges Kriterium), bietet es doch einen gelungenen Mix aus schnell ins Ohr gehenden Elementen und solchen, die erst entdeckt werden wollen.
Die hier im Player liegende Digipack-Variante enthält noch zehn Extra-Minuten Musik in Gestalt von zwei Bonustracks. „Exteroception“ ist ein Instrumentalstück, das auf dem Grat zwischen dominierendem Classic-Thrash und gelegentlich eingestreutem Neo-Thrash wandelt und dazu ein refrainartiges melodisches Thema einflicht. Die Akustikversion von „Arrows In Words From The Sky“ wiederum könnte von der Idee her der Urfassung entsprechen, die Flynn in einem Karibikurlaub auf der Akustikgitarre am Strand schrieb, wobei interessanterweise die Vocals nur partiell entschärft wurden und vor allem das unheildrohende hintergründige Shouten erhalten geblieben ist – aber auch andere harsche Vocals und die Länge von knapp sechs Minuten werden verhindern, dass Machine Head hiermit einen Überraschungshit im Formatradio landen. Als weiterer Farbtupfer auf einem enorm vielfältigen Album (man achte mal aufs Hauptsolo mit seinem fast spanischen Kolorit!) ergibt diese Fassung aber definitiv Sinn.



Roland Ludwig

Trackliste

1Slaughter The Martyr10:25
2Choke On The Ashes Of Your Hate4:06
3Become The Firestorm5:00
4Overdose0:58
5My Hands Are Empty5:32
6Unhallowed6:29
7Assimilate0:59
8Kill Thy Enemies5:40
9No Gods, No Masters4:18
10Bloodshot4:20
11Rotten4:47
12Terminus1:12
13Arrows In Words From The Sky5:55
14Exteroception4:45
15Arrows In Words From The Sky (acoustic)5:54

Besetzung

Robb Flynn (Voc, Git)
Wacław „Vogg“ Kiełtyka (Git)
Jared MacEachern (B)
Navene Koperweis (Dr)
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger