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Reviews

Lynch Mob

Babylon


Info

Musikrichtung: Melodic Metal

VÖ: 20.10.2023

(Frontiers)

Gesamtspielzeit: 50:05

Internet:

http://www.frontiers.it
http://www.georgelynch.com

Schon Matthias Herr hatte im vierten Band seines „Heavy Metal Lexikons“ anno 1994 im Dokken-Kapitel festgestellt, dass der Bandname Lynch Mob nicht gerade sehr sympathisch wirkt. Natürlich läßt sich die Ableitung aus dem Nachnamen des Bandkopfs begründen, aber irgendwie erwartet man dahinter dann doch eher Death Metal oder aber Hardcore mit Polit-Kante und keinen gediegenen Melodic Metal, den die nach dem vorläufigen Ende der klassischen Dokken-Besetzung gegründete Formation schon in den Frühneunzigern darbot. Der traf dann auch noch auf das veränderte Klima in der Musikwelt, dessen Zeichen auf Grunge statt auf Melodic Metal standen, und so verwunderte es damals nicht, dass George Lynch die Band alsbald wieder zu den Akten legte und sich abermals mit Don Dokken zusammenraufte, freilich nur um mit Dokken zu versuchen, trendgerechtere Musik zu machen – zum klassischen Melodic Metal kehrte jene Band erst zurück, als Lynch ihr abermals Lebewohl gesagt hatte. Von dort zur Wiederbelebung von Lynch Mob war es nur ein kleiner Schritt, aber wie die seither erschienene Latte von Alben klingt, müssen Menschen beurteilen, die sie im Gegensatz zum Rezensenten in der Sammlung stehen haben.
Hier erzeugten Lynch Mob jedenfalls erst wieder mit ihrem 2023er Album Babylon Aufmerksamkeit. Zunächst überrascht das Cover – Brueghels „Turmbau zu Babel“ paßt zum Titel des Albums natürlich perfekt, aber das Gemälde kennt man schon von vielen Artworks, darunter auch Death-Metal-Alben wie Comecons Converging Conspiracies. Außerdem präsentiert sich Sänger Gabriel Colón auf seinem Foto im Booklet reichlich nietenbewehrt, Drummer Jimmy D’Anda (oder Danda – das Booklet bietet beide Varianten) hingegen wollbemützt und schwer tätowiert. Sollten Lynch Mob auf ihre alten Tage doch noch in den Death Metal oder in den Hardcore gewechselt sein?
Die Antwort, die man bereits nach der Hälfte des Openers „Erase“ formulieren kann, lautet Nein. Colón besitzt eine leicht angerauhte, aber melodiehaltefähige Stimme irgendwo in der Nähe eines etwas tiefergelegten Vince Neil, und die nutzt er auch – klassischer Hardrockgesang also, kein Grunzen oder Shouten. Aber mehrere andere Dinge fallen dann doch auf, zunächst Lynchs sehr crunchiger Gitarrensound, dann aber sehr bald auch D’Andas Drumming, das oftmals groovig-verschleppt daherkommt und in den Neunzigern auch bei diversen moderneren Bands en vogue hätte sein können. Zudem hat Lynch sein Songwriting konsequent auf die Quartettbesetzung mit nur einer Gitarre ausgerichtet und weist Bassist Jaron Gulino eine sehr markante Rolle im Gesamtbild zu, die ungefähr mit der von Michael Anthony bei Van Halen vergleichbar wäre. Überhaupt taugen Van Halen hier und da durchaus als passender Vergleich, vor allem natürlich dann, wenn das Songwriting dann doch etwas klassischer ausgerichtet ist. „Erase“ erweist sich in der Gesamtbetrachtung dann auch geraume Zeit des Albums als „modernster“ Song, schon das folgende „Time After Time“ geht vor allem rhythmisch etwas traditioneller zu Werke und bringt noch einen weiteren Einfluß zu Ohren, nämlich die jüngeren Alben von Night Ranger (nicht deren Achtziger-Schaffen!). Lynch weiß als alter Profi natürlich, wie man das Interesse der Hörerschaft wachhält, und so baut er schon kurz vor Ende von „Erase“ einen kurzen dramatisch-düsteren Einwurf ein, der Spannung erzeugt – oder die Idee stammt von einem seiner Mitmusiker: Für das Songwriting aller zehn Nummern ist ein Quartett angegeben, in dem allerdings Giancarlo Floridia statt Gulino auftaucht – Floridia wiederum, der u.a. mit Alessandro Del Vecchio an Faithsedge, einer der vielen Frontiers-Projektformationen, beteiligt war, ist sonst nirgends genannt, auch in den drei Dankeslisten (da hat wiederum D’Anda keine) nicht, so dass sein konkreter Status unklar bleibt. Wer also konkret für die Ausrichtung der Songs verantwortlich zeichnet, muß letztlich offenbleiben, wenngleich Lynch als Chef vermutlich das letzte Wort gehabt haben wird. Für konsequente Traditionalisten ist Babylon natürlich trotzdem ungeeignet: Mit „How U Fall“ (oder „How You Fall“ – auch hier finden sich beide Schreibweisen) haben Lynch Mob genau einen traditionellen Doublebass-Knaller auf die Scheibe gepackt, aber selbst der verzerrt die Gitarren anders als zu klassischen Dokken-Zeiten, wenngleich hier im Solo tatsächlich mal mehrere übereinander geschichtet sind, was sonst auf der Scheibe eher Seltenheitswert besitzt. Schon die folgende Ballade „Million Miles Away“ lagert in der Tat Millionen Meilen von etwa „Alone Again“ entfernt, obwohl sie auf ihre Weise durchaus zu überzeugen weiß. Ob man aber Nummern wie „Let It Go“ und „Fire Master“ zu schätzen weiß, hängt maßgeblich davon ab, wie man zu dem Dokken-Schaffen der Neunziger (vor Erase The Slate) steht. „The Synner“ schlägt in die gleiche Kerbe – in der zweiten Hälfte des Albums sind also deutlich mehr „modernere“ Nummern versammelt, und wer gehofft hatte, die schrittweise „Traditionalisierung“ der Ausrichtung nach dem Opener würde sich durchs ganze Album ziehen, sieht sich spätestens hier getäuscht. Andererseits ehrt es die Band, dass sie eben „Erase“ an den Anfang gestellt haben und nicht „How U Fall“ – so werden keine Erwartungen geweckt, die dann unerfüllt bleiben.
Trotzdem bleibt „How U Fall“ letztlich eines der beiden Highlights von Babylon – das andere ist der Titeltrack, mit acht Minuten auch das längste Stück des Albums. Hier setzt Lynch mal auf hellere Gitarrenfarben, mit denen er die abermals eher crunchigen Rhythmusgitarren umhüllt, eine „Ohoho“-Bridge sorgt für Dramatik, das Solo ist traditioneller gedacht als die meisten anderen auf dem Album, und als man denkt, der gute, aber nicht weltbewegende Song sei auserzählt, hängt ein mehrminütiges großes, leicht bluesiges Solo an, das eine spezielle Ebene hinzufügt und dadurch eben den Highlightstatus für den Gesamtsong erzeugt.
Wie man das zwischenzeitlich als vorletztes zu vermutendes Lynch-Mob-Album Babylon (das mittlerweile ebenfalls erschienene Dancing With The Devil war als Abschiedsalbum deklariert worden, ehe Lynch dann doch wieder einen Rückzieher vom Rückzieher machte und weitere Werke ankündigte) letztlich bewertet, hängt wie erwähnt maßgeblich davon ab, ob man Shadowlife und Dysfunctional mag. Tut man das nicht, holen auch die beiden erwähnten Songs die Kastanien nicht aus dem Feuer. Tut man das aber, darf man zur hier gezückten Wertung noch den einen oder anderen Punkt hinzufügen.



Roland Ludwig

Trackliste

1Erase5:26
2Time After Time4:58
3Caught Up4:37
4I’m Ready4:07
5How U Fall4:51
6Million Miles Away4:59
7Let It Go4:01
8Fire Master4:53
9The Synner4:03
10Babylon8:04

Besetzung

Gabriel Colón (Voc)
George Lynch (Git)
Jaron Gulino (B)
Jimmy D’Anda (Dr)
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger