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Reviews

Schmid's Huhn

Hindemith Abstractions


Info

Musikrichtung: Avantgarde Jazz

VÖ: 19.06.2026

(Initiative Musik)

Gesamtspielzeit: 41:04

Internet:

https://www.stefankarlschmid.net/schmuhn

Stefan Karl Schmid und Leonhard Huhn, die Saxofonisten, konnten mich zuletzt mit ihrem Album Layers (live) begeistern, derart, dass ich dem Album bescheinigte, dass „eine weitere Sternstunde des zeitgenössischen Jazz deutscher Prägung vorgelegt wurde!“

Die Beiden, schon seit über dreizehn Jahren als Schmid's Huhn unterwegs, haben nun mit Hindemith Abstractions ihr mittlerweile viertes Album vorgestellt, und man spielt noch immer in der gleichen Besetzung wie auf ihrem Debüt!

Ohne auch nur einen Ton gehört zu haben, ahne ich bereits etwas wieder Ungewöhnliches. Wird diese Musik ohrenbetäubend laut, so wie es möglicherweise signalisiert wird, dass sich Stefan Karl Schmid das Ohr zuhalten muss und sich entsprechend verschreckt auf dem Cover präsentiert? Oder ist es die ungewöhnlich anmutende Tracklist, die sich auf zwei verschiedene Überschriften verteilt inklusive eines „Zwischenspiels“? („Intermission“)

Nun, Ungewöhnliches bin ich von dieser Formation gewohnt, so konnte ich mich stets an einer kompromisslosen und wagemutigen Mixtur aus verschiedenen Mustern erfreuen, sei es recht strukturierter Jazz, wagemutige Exkursionen, viel Improvisation mit freiem Jazz als auch eine „coole“ Richtung. Und das alles dargeboten, wie ich feststellte, mit angenehmer Losgelöstheit von akademischer Steifheit und Gefühlskälte, mit Spielwitz, dargeboten durch Individualität und Ensembleleistung gleichermaßen.

Und nun stellen sich mir zwei Suiten und ein Zwischenspiel, wohl als Bindeglied gedacht, zur Diskussion. Hier bediene ich mich kurz der Mitteilung zum neuen Album von Stefan Karl selbst: „Was passiert, wenn man die Musik von Paul Hindemith durch die Linse eines improvisierenden Jazzensembles betrachtet? Mit unserem neuen Album Hindemith Abstractions, gehen wir genau dieser Frage nach. Ausgangspunkt ist Hindemith's Werk „Des kleinen Elektromusikers Lieblinge“ für drei Trautonien. Statt einer klassischen Hommage ist daraus ein eigenständiger, lebendiger Klangkosmos entstanden – zwischen Cool Jazz, freier Improvisation und einer klar konturierten, zeitgenössischen Ästhetik.“

Doch was sind Trautonien? Ein Trautonium war eines der ersten elektronischen Musikinstrumente und gilt als historischer Vorläufer des heutigen Synthesizers. Es wurde 1930 von dem deutschen Erfinder Friedrich Trautwein gemeinsam mit dem Physiker und Komponisten Oskar Sala in Berlin entwickelt. Nun, das passt sicherlich zum Komponisten Paul Hindemith, der schließlich als Komponist der Moderne gilt und seiner Zeit weit voraus war, und der schon früh „schräge“ Elemente in seine Kompositionen einfliessen liess. Und so soll Hindemith's Material Ausgangspunkt gewesen sein für die Suite „The Little Jazz Musicians Favorites“.

So bin ich gespannt, was ich nach dieser einleitenden Theorie in der Praxis abgeliefert bekomme. Werde ich nun schockiert sein, wie es das CD-Cover suggeriert?
„Part 1: Form“: Nur das Tenorsaxofon leitet kurz ein, bevor dann die übrigen Instrumente einsetzen zu einem beschwingten Rhythmus, und schon hier spüre ich deutlich den Sound von Paul Desmond, von Brubeck und den Spät-Fünfzigern und Früh-Sechzigern. Ich kann es nicht verhindern, schon wieder bin ich „gepackt“ von diesem gleichzeitigem Ausdruck von Coolness und Emotion. Spontan erscheint mir auch vor meinem „geistigen Auge“ kein geringerer als Lee Konitz!

Eigentlich fühle ich mich genötigt, einfach abzuspannen und nicht mehr weiter zu schreiben, doch das kann ich abschließend noch einmal in Ruhe gern geniessen! Der zweite Song, „Part 2: Free“, hält, was der Name verspricht, hier wird die Szene offener und bietet Raum für Gestaltung, von allen Vieren sogleich genutzt. Was wird nun geschehen, wenn der „Vamp“ aus „Part 3“ auf die Szene tritt? Werden hier verführerische Reize eingesetzt, um Hörer kühl und berechnend um den Verstand zu bringen? Nun, coole Elemente, gekoppelt mit einer Aufbruchstimmung, wie ich sie kenne aus den Anfangsjahren der Sechziger, als sich der Jazz weiterentwickelte, sind sicher vorhanden, doch schon rasch geht es zum „Part 4: Pedal“. Und diese soeben genannte Aufbruchstimmung scheint sich nun zu manifestieren, das geht eindeutig in Richtung eines freien Jazz. Ich spüre Albert Ayler in seinen ganz frühen Jahren, bevor er dann letztlich explodierte. Doch hier bleibt es dann doch eher „geordnet“ und nicht von dieser wilden Spiritualität behaftet wie von vielen US-amerikanischen Jazzern bekannt, hier intellektueller behaftet im Ausdruck, grob gesehen in Richtung „zahmer“ Peter Brötzmann oder dem Zentralquartett vielleicht.
Letztlich kommt der Song jedoch nach einigen Minuten auf genau das zurück, was Schmid's Huhn ausmacht, nämlich ihre eigene individuelle Art zu musizieren.

Eine kleine Pause mit „Intermission“, bevor es dann an die „Reflections on Hindemith“ geht, und wie wird nun reflektiert? Ich denke, von Beginn an, dass man das Vorwärtsdenkende, das Hindemith auszeichnete, insofern aufgegriffen hat, als dass zumindest im Vergleich zu früheren Produktionen der Band, einen Schritt weiter gegangen ist, die Schleusen wurden geöffnet und dem Augenblick viel Raum geboten, so muss man diese fünf Stücke einfach als Gesamtheit dieser Suite begreifen, miterleben, wie sich spontane Entwicklungen offenbaren. Aber genau dieses Fließen erfordert Aufmerksamkeit. So fällt mir eine Werbung für einen Whisky wieder ein, das war ein Laphroaig Malt, wo es hieß: „LOVE (there is NO in between) HATE....(no half measures)“ Ja, so empfinde ich es auch hier. Wie der Genuss eines guten Malt Whiskys, einer, den man, wie in diesem Falle, mag und dem man das Attribut LOVE zuerkennt. Die Musik dieser Suite ist aber auch sehr „anstrengend“, nicht Viele werden sich damit anfreunden können, traditionell eingeschworene Jazzfreunde könnten ihre Schwierigkeiten damit bekommen. Einen speziellen Abschnitt hervorheben sollte man nicht, da diese Reflektionen aus einem Guss sind, mit all ihren Ecken und Kanten, allein, wie zum Beispiel teilweise das Altsaxofon mit einem ganz besonderen Klangausdruck eingesetzt wird, das ist schon klasse! (muss ich also doch noch isoliert Bezug nehmen, ich meine hier den Teil „Abstract 5: Syntony“, wo mir das speziell auffiel.)

Und um allen Skeptikern und Kritikern entgegenzutreten, sei empfohlen, „zwischen den Zeilen“ zu lesen und alle Feinheiten und „Geschmacksvarianten“ auf sich einwirken zu lassen, weil man dann belohnt werden könnte! In diesem Sinne: Slàinte!!!



Wolfgang Giese

Trackliste

The Little Jazz Musician's Favorites

1 Part 1: Form (6:42)
2 Part 2: Free (3:39)
3 Part 3: Vamp (3:42)
4 Part 4: Pedal (7:04)

5 Intermission (2:33)

Reflections on Hindemith

6 Abstract 1: Thirds (4:06)
7 Abstract 2: Affinity (3:45)
8 Abstract 3: Spinning (5:14)
9 Abstract 4: Chase (2:14)
10 Abstract 5: Syntony (2:05)

Besetzung

Stefan Karl Schmid (tenor saxophone)
Leonhard Huhn (alto saxophone)
Stefan Schönegg (bass)
Fabian Arends (drums)
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger