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Old Habits Die Hard
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Info
Musikrichtung:
Melodic Rock
VÖ: 03.05.2024 (Frontiers) Gesamtspielzeit: 51:06 Internet: http://www.frontiers.it http://www.fmofficial.com |

„Altes Unkraut vergeht nicht“? Wohl wahr. Der Rezensent kämpft in seinem Garten seit Jahrzehnten gegen den Giersch und ist doch weit entfernt, den jemals loswerden zu können. dass er irgendwann mal in die Situation kommt, ihn gar nicht loswerden zu wollen, weil er damit wenigstens noch irgendwas zu essen hat (das Zeug überlebt vermutlich auch einen Atomkrieg), will er natürlich nicht hoffen.
Das selbstironisch in dieser Weise betitelte vierzehnte FM-Album macht schon auf dem Cover klar, dass sich auch die fünf Briten als unkaputtbar ansehen – noch als Skelett spielt hier einer Gitarre, bei dem sich witzigerweise der Ausdruck „dritte Zähne“ in ganz eigenartiger Manier manifestiert hat. Nach dem Hören des Openers „Out Of The Blue“ ist man sich allerdings gar nicht mehr so sicher, ob man das gut finden soll, dass die Band immer noch neue Studioplatten aufnimmt: Steve Overland klingt deutlich angestrengter und kehliger als früher, und seine vier Mitstreiter musizieren irgendwie deutlich zu seniorenkompatibel, als dass man das wirklich prickelnd finden könnte, noch dazu als Albumopener. Zum Glück bleibt das allerdings der einzige Ausfall auf Old Habits Die Hard, wenngleich natürlich strategisch an ungünstiger Stelle plaziert. Immerhin wendet sich aber schon mit dem folgenden „Don’t Need Another Heartache“ das Blatt zum Guten, wenngleich in eine den einen oder anderen Hörer eventuell leicht überraschende Richtung: Die Nummer hätte auch auf ein Thunder-Album gepaßt, und das stellt bekanntlich nicht die schlechteste Referenz dar, wobei Overland zwar auch hier nicht mehr so klar singt wie früher, aber sich die neue Stimmlage eben in der Nähe von derjenigen aus den guten Tagen von Danny Bowes einpegelt, was zwar sicherlich keine Absicht war, aber dem Freund gepflegten britischen Melodic Rocks eigentlich nur recht sein kann. Die Instrumentalisten musizieren zwar auch hier nicht sonderlich zupackend, aber doch mit unwiderstehlichem Vorwärtsdrang, der dem Opener noch abging, dann offenbar wiedergefunden wurde und zum Glück im weiteren Verlauf des Albums öfter auftaucht, etwa gleich im drittpositionierten „No Easy Way Out“. Trotz des Vorhandenseins zweier Gitarristen (Overland spielt im Nebenjob nach wie vor die zweite) kommt auch Keyboarder Jem Davis eine markante Bedeutung zu, wenn er girlandenartig die Riffs umspielt oder wie im epischen „Lost“ für die richtige Atmosphäre sorgt. In dieser Nummer beweisen FM auch, dass sie durchaus immer noch für Überraschungen im Songwriting sorgen können, indem sie hier zwar ein bluesiges Thema evozieren, dieses aber nur im Intro, im Outro und in diversen Zwischenspielen zum Tragen kommen lassen, während ansonsten die knapp fünfeinhalb Minuten des längsten Songs von Old Habits Die Hard bluesfreie Zone bleiben, ohne dass man der Band hier einen Strick draus zu drehen geneigt sein würde, was etwa inkonsistente Ideenentwicklung anginge – ein Problem, das ja mittlerweile auch im Melodic Rock angekommen ist, dass manche Protagonisten also das simple Aneinanderreihen von Ideen ohne Zusammenhänge als innovatives modernes Songwriting mißinterpretieren. Zu dieser Kategorie zählen FM offenkundig nicht – sie gehören zur alten Schule und sind da offenkundig auch stolz drauf. Von den fünf Gründungsmitgliedern aus dem Jahr 1985 sind immer noch drei dabei, nämlich außer Overland noch Drummer Pete Jupp und Bassist Merv Goldsworthy. Der genannte Keyboarder stieg auch schon in den frühen Neunzigern ein, blieb bis zur zwischenzeitlichen Auflösung 1995 an Bord und macht seit dem Reuniongig 2007 auch wieder mit. Bei diesem spielte Andy Barnett die Leadgitarre, der 1990 Steves Bruder Chris Overland ersetzt hatte, aber da die Band nach dem erwähnten Reuniongig wieder Blut geleckt hatte und dauerhaft weiterarbeiten wollte, er das aber nicht mit seinen anderen Aktivitäten vereinbaren konnte, kam Jim Kirkpatrick als Ersatz – und seither arbeitet das Quintett in unveränderter Besetzung und veröffentlicht regelmäßig neue Studiowerke. dass die alten Herren prima aufeinander eingespielt sind, sollte also nicht weiter verwundern, und dass sie keine einzelnen Songwriter angeben, sondern vermerken, dass alle Songs von allen fünf erarbeitet wurden, könnte dafür sprechen, dass sie auch in dieser Hinsicht noch ganz altschulig unterwegs sind. Gute Ergebnisse erzielt haben sie jedenfalls ohne Zweifel wieder, egal ob man nun den klassischen Melodic Rock von „Whatever It Takes“ oder das schwerfälligere und wieder an Thunder erinnernde „Black Water“ als Exempel hernimmt. An den leicht hektischen Grundbeat von Jupp in „Cut Me Loose“ muß man sich zwar erst gewöhnen – aber was ist das für eine prächtige Bridge, die da vor dem Refrain steht! „Leap Of Faith“ treibt dann gleich mehrfach seine Scherze mit dem Hörer: Das Akustikintro läßt erstmal eine Ballade erwarten, aber dann röhrt Davis mit einer Hammondorgel los, als sei er Jon Lord, wobei das Thema wiederum dem von Kansas‘ „Carry On Wayward Son“ verwandt erscheint, während der Song selbst trotz weiterhin präsenter Hammondorgel eher wieder in klassischen Melodic-Rock-Gefilden angesiedelt ist. „California“ holt erneut in Richtung Thunder aus und damit gerade weniger in Richtung US-Westcoast, wie man anhand des Titels hätte vermuten können. dass die Songs gerade von kleinen Details profitieren, die ihnen zusätzliches Leben einhauchen, findet hier eine weitere Bestätigung in den schellenkranzartigen Becken, die Jupp im Refrain zum Einsatz bringt, während das episch-zurückhaltende Break vor dem Hauptsolo erstmal etwas gewöhnungsbedürftig anmutet, Kirkpatrick im Solo dann aber richtig vom Leder zieht – manchmal muß man halt den Gitarrenhelden raushängen lassen dürfen, und es paßt hier auch prima, zumal das zweite Solo dann den leicht angebluesten Ton aufnimmt und damit einen Kontrapunkt setzt. Schade, dass es ein bißchen einfallslos ausfadet. In „Another Day In My World“ versuchen dann auch FM in Richtung moderneren US-Rocks der 90er zu schielen, so nach dem Motto „Wenn wir wollten, könnten wir das auch“, und hätte Jupp dort konsequent richtige Halftimedrums druntergelegt, so wären sie auch fast komplett in jenem heute natürlich ebenfalls längst anachronistischen Stil angelangt – nur fast deswegen, weil Kirkpatrick hier wieder urklassische Soli spielt. Der Closer „Blue Sky Mind“ hebt mit einem mehrstimmigen Gesangspart an und macht dann auch schnell klar, dass knackiger Melodic Rock angesagt ist, Old Habits Die Hard also balladenfreie Zone bleibt. Kurioserweise haben FM mit diesem Song denjenigen mit dem wohl besten Refrain, zudem den mitreißendsten ans Ende der Scheibe gestellt – aber immerhin macht dieser Umstand durchaus Appetit, gleich nochmal auf Play zu drücken, wenngleich man sich dran erinnern sollte, dass es eine gute Strategie wäre, dann gleich auf Song 2 weiterzuschalten und das schnarchige „Out Of The Blue“ zu überschlagen. Man kann natürlich auch, wenn man wie der Rezensent nur ausschnittweise mit der Karriere der Band vertraut ist, checken, ob die Vorgängerwerke – die beiden Rockville-Alben von 2013 sind die bisher aktuellsten, die hier in der Kollektion stehen, und zwischen denen und Old Habits Die Hard sind noch fünf andere Studioscheiben erschienen, dazu ganz neu auch noch eine weitere namens Brotherhood – ähnliche Qualitäten aufweisen wie der Neuling.
Detail am Rande: Auf Rockville II stand mit „Bad Addiction“ ein Song, der CrossOver-Kollege Georg nicht nur an Bon Jovis „Bad Medicine“, sondern auch, jawohl, an Thunder erinnerte. Nix Neues unter der Sonne?

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Out Of The Blue | 4:21 |
| 2 | Don’t Need Another Heartache | 4:35 |
| 3 | No Easy Way Out | 3:54 |
| 4 | Lost | 5:20 |
| 5 | Whatever It Takes | 4:37 |
| 6 | Black Water | 4:52 |
| 7 | Cut Me Loose | 4:34 |
| 8 | Leap Of Faith | 4:05 |
| 9 | California | 5:17 |
| 10 | Another Day In My World | 4:14 |
| 11 | Blue Sky Mind | 5:06 |
Besetzung
Jim Kirkpatrick (Git)
Jem Davis (Keys)
Merv Goldsworthy (B)
Pete Jupp (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

