Reviews
Black As Coal
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Info
Musikrichtung:
Thrash Metal
VÖ: 14.07.2023 (Massacre) Gesamtspielzeit: 58:50 Internet: http://www.vendetta-band.de http://www.massacre-records.com |

Der Tod von Vendetta-Ur-Drummer Andreas „Samson“ Samonil bildete den traurigen Anlaß, mal wieder deren Debütalbum Go And Live... Stay And Die zu hören. Samson spielte auf diesem sowie auf dem Folgealbum Brain Damage, ehe sich die Formation stilistisch umorientierte und fortan unter anderem Namen weitermachte. Bei der Wiederbelebung von Vendetta anno 2002 war er dann nicht mehr dabei. Diese Wiederbelebung hält bis heute an und hat bisher vier weitere Alben erbracht, also doppelt so viele wie die erste Aktivitätsperiode.
Black As Coal heißt das vierte neue Album, also das sechste insgesamt, und wer keinen tieferen Einblick in die deutsche Thrash-Metal-Welt besitzt, könnte das von der Herkunft her auch für logisch halten: Steinkohle wurde im Ruhrpott, aus dem viele deutsche Thrash-Bands kamen und kommen, ja über lange Zeit hinweg gefördert. Problem an dieser Zuweisung ist nur, Vendetta gar nicht aus dem Ruhrpott stammen und ihre Heimatstadt Schweinfurt nicht für Steinkohlebergbau bekannt ist. Die Deutung, es da Zusammenhänge geben könnte, erschiene also reichlich weit hergeholt, und in der Tat beschäftigt sich der Text des Titeltracks mit dem Anteil tiefer, kohlrabenschwarzer Dunkelheit, den jeder Mensch in sich trägt (mal völlig unabhängig von der Frage, wie man zum theologischen Konzept der Erbsünde steht) und an dessen Im-Zaum-Halten er quasi ständig arbeiten muß. Schon in ihrer Frühzeit hatten Vendetta bewiesen, sie ihre Köpfe nicht nur zum Headbangen trugen, und auch Black As Coal macht da, wenn man mal hinters hier und da etwas plakative Vokabular schaut, keine Ausnahme.
Auch musikalisch hat sich im Vergleich zu den alten Tagen gar nicht so sehr viel verändert. Die Schweinfurter waren schon damals keine gnadenlosen Härtebolzer, sondern schrieben vielschichtig strukturierte Songs, die sie aber nichtsdestotrotz mit diversen eingängigen Parts, beispielsweise im Refrainsektor, versahen. Den Chorus des Titeltracks von Go And Live... Stay And Die konnte der Rezensent, der die Platte sicherlich ein Vierteljahrhundert nicht mehr gehört hatte, sofort wieder genau mitformulieren. Ob sich unter den elf neuen Songs einer befindet, der sich derart im Ohr festkrallt, kann natürlich erst in einem Vierteljahrhundert nachgeprüft werden – für hier und heute muß die Feststellung genügen, der eine oder andere Chorus durchaus das Zeug dafür hätte. Das ist erstmal auch kein Wunder – das Songwriting haben nämlich die beiden im Bandkontext derzeit noch aktiven Urmitglieder übernommen, wobei Bassist Klaus „Heiner“ Ullrich auch regulär auf der Platte spielt, während Gitarrist/Teilzeitsänger Achim „Daxx“ Hömerlein nur noch Songs schreibt, aber auf der Platte weder an der Gitarre noch am Mikrofon zu hören ist. Letzteres besetzt jetzt Mario Vogel, der gemeinsam mit Daxx auch für die Lyrics verantwortlich zeichnet. „No Hands But A Gun“ fällt dadurch auf, die letzte Strophe nicht in Englisch, sondern in Deutsch gesungen wird, was auf dem Album nur an dieser Stelle auftritt. Vogel führt generell eine typische Thrash-Stimme ins Gefecht, er konzentriert sich aufs Shouten und ist dort keiner der Aggressivsten, sondern schmuggelt schon im Opener „Shoot To Kill“ auch mal eine Melodie in sein Shouting, wobei er erstaunlich tief nach unten kommt. Klargesang oder andere Experimente erwarten darf man freilich nicht – Vendetta sind instrumentell durchaus für ein breites Spektrum zu haben, aber im vokalen Bereich findet das keine Entsprechung, und Vogel ist auch der einzige Sänger in der aktuellen Besetzung, während früher neben Daxx ja auch noch der andere Gitarrist Michael „Micky“ Wehner sang, der aktuell übrigens ein konkurrierendes Soloprojekt namens Micky’s Vendetta betreibt, nachdem er lange unter dem Namen Brain Damage eine reguläre Bandbesetzung hatte, zu der eine Zeitlang auch Daxx gehörte, bis dieser sozusagen „die Seiten wechselte“, bei Heiners Formation aber wie beschrieben nur noch im Hintergrund arbeitet, ergo zumindest auf Black As Coal auch nicht für eventuelle gesangliche Bereicherungen verantwortlich zeichnet. Und weiter als bis zu dem leicht klagenden Unterton, den Vogel dem Titeltrack bisweilen beimischt, und bis zu dem angedüstert-angerauhten Power-Metal-Gesang sowie den leicht kreischigen Anflügen in „For Dear Life“ bewegt sich der aktuelle Vokalist nicht aus seiner üblichen Zone heraus. Von einem Thrash-Sänger verlangt das letztlich aber auch niemand.
In kompositorischer Hinsicht sind Vendetta nach wie vor eher etwas für die Anspruchsvolleren unter den Thrash-Hörern, wobei Drummer Domi Bertelt aber auch keine Scheu davor hat, mal längere Zeit einen geradlinigen Beat durchzuziehen – er wird offensichtlich nicht nach Breaks per Minute bezahlt wie scheinbar mancher Kollege. er sich aber natürlich trotzdem das eine oder andere Kabinettstückchen gönnt, zeigt das herrlich verschobene Intro von „Death Means Relief“, einem Song, den man zunächst für ein Instrumental hält, ehe Vogel nach etwa zwei Minuten aber doch noch zu singen beginnt. Die Passagen der Einleitung, in der Heiner seinem Baß fast funkige Klänge entlockt, während die Gitarristen schweigen, fallen stilistisch zwar aus dem Rahmen, aber später wird genau diese Idee mit voller Bandbesetzung zur Hinleitung aufs Hauptsolo ausgebaut und paßt sich dort exakt in den typischen Thrash-Stil des Quintetts ein. Aber selbst die Ursprungspassagen wären in den Spätachtzigern kein Neuland mehr gewesen, und Black As Coal enthält strenggenommen keine Note, die nicht auch schon auf einem der ersten beiden Vendetta-Alben hätte stehen können – einzig der Text von „Cheap Death“ wäre damals etwas anders ausgefallen, betrug die Zahl der Erdbevölkerung damals doch noch keine acht Milliarden. Wer von den heutigen acht Milliarden zu den Fortschrittsgläubigen im Metal gehört, wird mit dem Album also vermutlich weniger glücklich, zumal die Schweinfurter im Spätachtziger-Maßstab mit ihrem breaklastigen Ansatz auch gerade in eine Welle hineinplatzten, als Thrashbands langsamer und komplexer wurden, ohne man sie aber der Trendreiterei zeihen müßte, damals nicht und auch heute nicht, zumal komplexerer Thrash im Zeitalter der sinkenden Aufmerksamkeitsspannen sowieso nicht die Musik der Stunde ist. Lange Songs kennt der Vendetta-Fan von früher her auch schon, wobei Black As Coal nur einmal, im Closer „Beast In Her Eyes“, die Siebenminutenmarke knackt. Die knappe Stunde Musik bietet also dem Freund anspruchsvollen und doch nachvollziehbaren Thrash Metals eine Fülle von Material zur intensiven Beschäftigung, da sich nicht jede Idee gleich erschließt.
So richtig daneben greifen Vendetta eigentlich nur in einem Moment – der allerdings steht an markanter Stelle: Der Opener „Shoot To Kill“ hebt mit einer großartigen Introstruktur an – nach knapp 40 Sekunden beginnt dann der Hauptteil, und zwar mit einem völlig unmotiviert anmutenden Tonartwechsel. Daran hat sich zumindest der Rezensent auch beim dritten Hören noch nicht gewöhnen können. Zum Glück bleibt das ein Einzelfall und Black As Coal in seiner Gesamtheit definitiv hörenswert.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Shoot To Kill | 5:59 |
| 2 | Stranglehold Of Terror | 4:29 |
| 3 | No Hands But A Gun | 4:06 |
| 4 | AK-47 | 5:12 |
| 5 | Black As Coal | 4:21 |
| 6 | Time To Change | 5:24 |
| 7 | Death Means Relief | 6:31 |
| 8 | Cheap Death | 5:41 |
| 9 | Pallbearer | 4:44 |
| 10 | For Dear Life | 5:09 |
| 11 | Beast In Her Eyes | 7:07 |
Besetzung
Jan Hüttinger (Git)
Michael Opfermann (Git)
Klaus “Heiner” Ullrich (B)
Domi Bertelt (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

