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Reviews

Ghost Brigade

IV – One With The Storm


Info

Musikrichtung: Gothic Metal

VÖ: 07.11.2014

(Season Of Mist)

Gesamtspielzeit: 66:18

Internet:

http://www.ghostbrigade.net
http://www.season-of-mist.com

Um das wievielte Album von Ghost Brigade es sich hier handelt, sollte sich leicht erschließen lassen, wobei die Finnen ihre vorher erschienenen drei Studioalben nicht durchnumeriert hatten. Keine Ahnung, wieso sie sich beim Viertling für dieses Konzept entschieden haben. dass keine weiteren Nummern folgen würden, konnten sie zum besagten Zeitpunkt vermutlich auch noch nicht ahnen. Aber im Dezember 2015, ein Jahr nach Erscheinen von IV – One With The Storm, verkündete das Sextett eine Pause auf unbestimmte Zeit, aus der es letzten Endes eigentlich im Frühjahr 2020 zunächst mit zwei Konzerten zurückkehren wollte. Dieser Plan wurde durch die bekannte viröse Lage verhindert, und nach mehrfachen Verschiebungen vermeldete die Band letztlich noch 2020 ihre Auflösung und hat diesen Entschluß bisher nicht rückgängig gemacht. Als Vermächtnis bleiben also ihre vier Alben, die man übrigens mittlerweile auch gemeinsam in einer Box mit dem Titel MMV – MMXX erstehen kann, wobei drei der vier Alben dabei Bonustracks hinzugefügt worden sind, dem Viertling dabei zwei Remixe von Albumsongs, die von Jonny Wanha angefertigt wurden, der bereits früher Material der Band bearbeitet hatte.
Nach wie vor erhältlich ist aber auch die reguläre Edition von IV – One With The Storm, die mit 66 Minuten Spielzeit auch schon eine Menge Gegenwert fürs Geld bietet, wenn man rein quantitative Maßstäbe anlegt. Zum Glück sieht es mit der Qualität ähnlich gut aus: Das Album segelt gekonnt einmal quer durch den Gothic Metal und macht aus seiner finnischen Prägung dabei keinen Hehl. Der Opener „Wretched Blues“ ist dabei nicht als titelseitiger Stilfingerzeig zu verstehen, sondern bietet die kraftvoll-metallische Variante des Stils, allerdings durchaus vielschichtig, was die Tempolagen angeht, vokal dagegen hier konsequent auf Gekreisch verschiedener Höhenlagen setzend. Cleangesang hören wir von Manne Ikonen erst in „Departures“ an zweiter Position, wobei sich die musikalische Komponente hier an den großen Landsleuten HIM orientiert, ohne diese freilich zu kopieren – und es geht auch nicht um die teeniekompatiblen HIM-Frühwerke, sondern um Material wie das auf „Venus Doom“, das immer noch zugänglich, aber doch deutlich anspruchsvoller aus den Boxen tönte. „Aurora“ an dritter Position setzt beide Gesangsstile ein und holt in den Gitarren noch ein paar Wave-Einflüsse dazu, läßt Drummer Veli-Matti Suihkonen aber auch so manche Seltsamkeit spielen und erinnert ein wenig an manche Songs der Norweger Leprous. Und dann zaubert Keyboarder Joni Vanhanen aus seinem Arsenal einen Bläsersound, den Nightwish 2007 in „Last Of The Wilds“ eingesetzt hatten, ohne dass man nun aber Ghost Brigade etwa des simplen Klauens zeihen müßte. Auch für die ersten zweieinhalb Minuten von „Disembodied Voices“ wäre diese Handlungsweise unangebracht, obwohl man hier durchaus intensiv an die Polen Riverside denkt, ehe sich einer der finnisch-typischen Melancholierocker entwickelt. Das rein quantitative Herzstück des Albums haben wir mit „The Electra Complex“ vor uns, einem Zehnminüter, der sich am ehesten im Postrock bzw. Post-Metal festmachen läßt, wobei der Spannungsaufbau um Minute sechseinhalb und deren anschließende Entladung als Lehrbeispiel für dieses Genre durchgeht und die spätere Leadgitarre einen auf den ersten Blick erstaunlichen Optimismus in das Stück einbringt. Auch dieses Stück kombiniert wieder aggressiven und cleanen Gesang Ikonens, und bei letzterem sollte spätestens hier aufgefallen sein, dass die übermäßige Nasalität, die CrossOver-Kollege Karsten Köhler anno 2011 in Leipzig auf dem Tourgig zum dritten Album Until Fear No Longer Defines Us feststellen mußte, aber im zugehörigen Studiomaterial geschickt kaschiert worden sei, auch auf dem Viertling nicht zutagetritt. Im Gegensatz zur kalt-weißen Gestaltung des Drittlings ist der Viertling indes optisch sehr düster gehalten, wozu der negative Druck beiträgt – die Hintergründe sind also dunkel, die Strukturen etwa der kahlen Bäume hingegen silbrig-hell gehalten. Trotzdem (und trotz der grundsätzlichen Einordnung ins Gothic-Metal-Genre) gehen die Finnen keineswegs durchgängig trauerklößig zu Werke – die nicht selten durchaus lebensfroh anmutenden Leadgitarren wurden bereits angeführt, und obwohl dieses Stilmittel relativ sparsam Einsatz findet, entfaltet es doch eine starke Wirkung. Das leicht siebzigerangehauchte „Stones And Pillars“ fügt der Referenzenliste noch die Landsleute Amorphis hinzu, während „Anchored“ eine entspannte Ballade (man lausche aber den seltsamen Keyboardsounds im Hintergrund!) vermuten läßt, in den Refrains dann freilich doch härter zupackt und mit der spannungsaufbauenden und begrunzten Bridge nach dem zweiten Refrain den Wechsel ins dramatischere Fach vorbereitet, auch wenn die lieblichen Akustikgitarren nochmal wiederkehren, diesmal aber vom Drummer im doppelten Tempo unterbaut. Hier konstatiert man am Ende der fünfeinhalb Minuten jedenfalls eine Menge Spannung, wie man sie zu Beginn des Songs wohl eher nicht erwartet hätte. In „The Knife“ wechselt der Schlagwerker in den Strophen sogar mal in vorwärtsdrängende Stakkati, was allerdings regelmäßig von verschleppten Passagen kontrapunktiert wird und in einem überraschend eingängigen Refrain mündet, erst mit harschen, dann mit cleanen und zum Schluß nochmal mit harschen Vocals. Irgendwie hat man am Ende des Songs freilich das Gefühl, als ob die zugrundeliegende Idee noch nicht komplett auserzählt worden sei – und dabei dauert „The Knife“ schon länger als sechs Minuten. Aber grundsätzlich nehmen sich Ghost Brigade für die Entwicklung ihrer Ideen schon die Zeit, die sie zu brauchen glauben, was dann bei den beiden letzten Nummern „Long Way To The Graves“ und „Elämä on tulta“ zu Spielzeiten jeweils jenseits der sieben Minuten führt. Beim ersten der beiden könnte man scherzhaft einwerfen, dass der Songtitel ja auch eine entsprechende Dauer nahelegt, wobei der Weg lange Zeit nicht mit einem einheitlich fortschreitenden Drumrhythmus unterlegt wird, die Nummer also alles andere als eine Prozessionshymne darstellt, was sich erst nach der Hälfte ihrer Spielzeit ändert, als dann doch ein „geordneter“ Rhythmus in die Drums findet, den die anderen Instrumente hintergründig bereits besessen hatten. dass sich Ghost Brigade mit diesem Song quasi ihre eigene Beerdigungshymne geschrieben haben, konnten sie zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht ahnen – hätten sie’s gewußt, so wäre der Song vermutlich als letzter auf IV – One With The Storm plaziert worden, wo er mit seinem unkomplizierten, aber wirkungsvollen Bombastfinale, dem nur noch ein kurzes Soundscape-Outro folgt, eine prima Figur gemacht hätte. So aber folgen noch die ebenfalls reichlich sieben Minuten von „Elämä on tulta“, das anderthalb Minuten lang ein Akustikintro transportiert und noch was Zurückhaltendes vermuten läßt, ehe der Drummer aber Einwände hat und ein treibendes Midtempo an den Tag legt, worüber die Gitarristen ein ausladendes melodisches Thema inszenieren und, obwohl Ikonen den finnischen Text ausdrucksvoll brüllt, quasi ein lebensfroher Ausdruck die 66 Minuten Musik beschließt, also keineswegs der Eindruck erweckt wird, der Weg des Sextetts führe auf den Bandfriedhof. So ist es indes letztlich doch gekommen – aber für den Gothic-Metal-Freund bleibt ja das Werk der Finnen erhalten, und das lohnt eine Beschäftigung definitiv.



Roland Ludwig

Trackliste

1Wretched Blues6:19
2Departures4:58
3Aurora6:56
4Disembodied Voices5:36
5Electra Complex10:34
6Stones And Pillars4:47
7Anchored5:38
8The Knife6:19
9Long Way To The Graves7:39
10Elämä on tulta7:22

Besetzung

Manne Ikonen (Voc)
Wille Naukkarinen (Git)
Tommi Kiviniemi (Git)
Joni Vanhanan (Keys)
Joni Saalamo (B)
Veli-Matti Suihkonen (Dr)
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