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Reviews

Symphonity

Voice From The Silence


Info

Musikrichtung: Melodic Speed Metal

VÖ: 20.05.2022 (15.08.20

(Limb)

Gesamtspielzeit: 77:30

Internet:

http://www.symphonity.com
http://www.limb-music.com

Normalerweise bespricht der hier tippende Rezensent jedes Album auch magazinübergreifend nur einmal – Ausnahmen sind sehr selten und betreffen allenfalls Re-Releases mit markanten strukturellen Unterschieden zur bereits früher vorgestellten Fassung. Bei Voice From The Silence von Symphonity liegt so ein Fall vor. Als sich der Rezensent jedoch seinen alten Text zum Originalrelease von 2008, weiland beim CrossOver erschienen und auf www.crossover-netzwerk.de immer noch nachlesbar, noch einmal durchlas, stellte er fest, dass er das damals Gesagte auch anderthalb Jahrzehnte später noch fast mit den gleichen Worten wiedergeben könnte oder sogar müßte – daher tut er etwas, was er sonst nicht tut, und fügt jetzt hier erstmal den kompletten Originaltext ein (die einzigen Veränderungen betreffen die Korrektur grammatikalischer Winzigkeiten, die Namensformatierungen sowie den Einbau typographisch korrekter Anführungszeichen sowie einiger Sonderzeichen in Namen):

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dass in Osteuropa größere Mengen an genialen Bands existieren, von denen der Rest der Welt wenig bis keine Ahnung hat, ist ein Faktum. Aber zumindest ab und zu schafft es doch mal eine, auch im angloeuropäischen Kulturkreis Fuß zu fassen, und die Tschechen Symphonity haben zumindest strukturell die besten Voraussetzungen dafür. Schon die Vorgängerband Nemesis konnte mit dem bei den Italienern Underground Symphony veröffentlichten Album Goddess Of Revenge erste Achtungserfolge einheimsen und wurde auch in Japan richtig groß damit. Aber dann überstürzten sich die Ereignisse: Ein Bandmitglied nach dem anderen wechselte, wobei alle Positionen aber kompetent neu besetzt werden konnten. Letztes Wechselglied war Sänger Vilém Mejtner, der unmittelbar vor den Aufnahmen zum neuen Album seinen Hut nahm. Urgitarrist Libor Křivák und seine neuen Mitstreiter beschlossen daraufhin die Flucht nach vorn, verpflichteten keinen Geringeren als Olaf Hayer (den kennt man weitreichend von Dionysus und Luca Turilli), benannten sich von Nemesis (ein Bandname, der selbst innerhalb Tschechiens schon mehrfach gewählt worden war, und im Rest Europas dachte man dabei natürlich zuerst an den legendären Candlemass-Vorläufer) in Symphonity um, heimsten einen Deal bei Limb Music ein und stehen mit Voice From The Silence nun Gewehr bei Fuß, die Herzen der deutschen Liebhaber hochklassigsten Symphonic Metals zu erobern. Und es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn ihnen mit diesem Album nicht zumindest ein gewisser Schritt auf der Erfolgsleiter gelingen sollte, denn die tschechisch-deutsche Allianz hat mit Voice From The Silence mal so mir nichts, dir nichts das Album des Jahres 2008 fabriziert. Hier sprühen der Enthusiasmus und die Spielfreude nur so aus den Rillen, und dieser Eindruck wird keinesfalls allein dadurch hervorgerufen, dass sich Symphonity nach dem Intro über 20 Minuten Zeit lassen, bevor sie wieder für längere Zeit vom musikalischen Gaspedal heruntergehen. „Give Me Your Helping Hand“, „Gates Of Fantasy“, „Bring Us The Light“ und „Salvation Dance“ sind allesamt Lehrbeispiele für symphonisch-melodischen Speed Metal, wie man sie in ihrer Unbekümmertheit seit Stratovarius’ Episode kaum jemals wieder gehört hat (und dieses Album ist zwölf Jahre alt!). Fast in jedem der Songs finden sich indes geschickt eingewobene Breaks, teils rhythmisch recht kompliziert, die das Anhören jedes Mal wieder zum Erlebnis machen und die Kombination aus purer Energie und gediegenem Anspruch lobpreisen lassen. Dazu gesellt sich ein geschicktes Händchen der Arrangementfraktion, etwa wenn in „Give Me Your Helping Hand“ die erste Strophe in einen Part übergeht, der wie ein wenig markanter Refrain anmutet, sich dann aber doch nur als verkappte Bridge entpuppt, welcher ein großer chorunterstützter Refrain folgt, woraufhin der Hörer, stolz auf seine Entdeckung, nach der zweiten Strophe die gleiche Konstruktion erwartet, dort aber mit einer um ein, zwei Schläge verkürzten Bridge überrascht und vom plötzlich früher losbrechenden Refrain förmlich niedergemäht wird. Solche Feinheiten helfen das Hörinteresse wachzuhalten und zeugen von der hohen künstlerischen Einfühlsamkeit von Chefdenker Libor Křivák (der auf dem Foto im Booklet übrigens aussieht wie Saphena-Gitarrist Rob). Auf das bevorstehende Große hat den Hörer ja schon das Intro, eine leicht metallisierte Ennio-Morricone-Adaption, vorbereitet, ein weiteres Intro leitet das dreiteilige „The Silence“ ein, trotz der auffälligen Struktur und des Bezuges zum Albumtitel nur bedingt als Herzstück des Albums anzusprechen, da es sich gerade hier um den einzigen schleppenderen Song handelt, der natürlich trotz allem viel bombastische Größe aufweist und den wichtigen tempotechnischen Kontrapunkt setzt. Der zweite ungewöhnlichere Song folgt gleich auf dem Fuße: Olaf Hayer durfte an „Searching You“ nicht nur textlich, sondern auch musikalisch mitschreiben (die Frage, woher er gewußt haben könnte, dass dem Rezensenten am 25.7.2008, also fast exakt zum Erscheinungszeitpunkt des Albums, etwas passieren würde, was mit nur geringen örtlichen Abweichungen dem textlichen Szenario dieses Songs entspricht, muß unbeantwortet bleiben), und herausgekommen ist ein fröhlicher Gute-Laune-Metaller, der auch auf eines der Dionysus-Alben gepaßt hätte, wohingegen der Rest des Albums näher an Luca Turilli liegt. Danach gibt es mit „Evening Star“ nochmal melodischen Speed vom Faß, an den richtigen Stellen abgestoppt und in der zweiten Hälfte dann komplett bombastisch-episch (ein großes kammermusikalisches Break gliedert den Song in der Mitte - nicht kompliziert, aber schön, zudem nicht simuliert, sondern mit echten Musikern eingespielt und mal kurz eine der 40 Mozart-Sinfonien zitierend) und generell einer der besten Songs, den Stratovarius nie geschrieben haben, zumal Libor Křivák hier auch die Melodieführung etwas an die Kompositionsprinzipien Timo Tolkkis angelehnt hat. Wer ein Metronom besitzt, darf sich zudem den Scherz erlauben, die Drums im Intro mal damit zu prüfen - es dürften interessante winzige Abweichungen zutagetreten, die für die Lebendigkeit dieses Songs eine erstaunlich determinierende Wirkung entfalten. Das kurze Instrumental „Afterlife“ beendet den regulären Teil dieses metallischen Freudenfeuers, und nach einminütiger Pause erklingt noch ein Hidden Track, den man der Einfachheit halber im Booklet schon mal angekündigt hat, zwar nicht mit dem Titel, aber in den Credits der Komponisten, Texter und Gastmusiker. Die Namen Uwe Fahrenkrog-Petersen und Carlo Karges verraten schon vorab, dass es sich offenbar um ein Nena-Werk handeln muß, die Nennung von Lisa C Dalbello bei den Textern assoziiert zudem die Verwendung des englischen Textes. Das Hören offenbart dann eine metallisierte Kombiversion aus „Irgendwie irgendwo irgendwann“ und „Anyplace Anywhere Anytime“, die auch gesanglich geteilt wurde - Olaf singt die deutschen Textteile und Seventh Avenues Herbie Langhans als Gast die englischen, wobei es schön zu hören ist, dass Herbie im Studio nach wie vor die Tontreffsicherheit besitzt, die man aus den besten Seventh-Avenue-Zeiten (Southgate bis Between The Worlds) von ihm schätzen gelernt hatte, die aber auf Eternals und bei den drei Seventh-Avenue-Gigs, die der Rezensent 2004, 2006 und 2008 gesehen hat, schmerzlich vermißt wurde - im Direktvergleich wird aber auch deutlich, dass Olaf Hayer derzeit doch noch in einer anderen Liga singt und damit Voice From The Silence das Tüpfelchen aufs i setzt. Wie gesagt: Vom derzeitigen Betrachtungszeitpunkt Ende 2008 aus liegt hiermit das Album des Jahres 2008 vor (eine Art professionalisierte Version von ReinXeeds The Light, dem anderen Enthusiasmusgewinner des Jahres), und es ist ein positiver Treppenwitz der Musikgeschichte, dass dieses eben nicht von einer der großen etablierten Bands kommt, sondern von einer weithin unbekannten tschechischen Truppe. Support the underground!
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Soweit das Urteil über den Originalrelease, der für Symphonity leider nicht zum Startschuß für eine große internationale Karriere wurde – der Werdegang beinhaltete so manche Irrungen und Wirrungen. Der Tod von Bassist Tomáš Čelechovský anno 2012 bildete naturgemäß einen Rückschlag, und auch wenn mit Ronnie König ein äußerst fähiger und umtriebiger Musiker einsprang, so hatte doch dieser noch eine Handvoll anderer Bands am Start und auch nur 24-Stunden-Tage. Letztlich erschien erst 2016, also acht Jahre nach dem Debüt, das zweite Album unter dem Symphonity-Banner, und King Of Persia deutete schon an, dass sich die Interessenlage von Chefdenker Libor Křivák nach Osten verlagert hatte. Das wurde dann mit dem Drittling Marco Polo: The Metal Soundtrack deutlich, bis zu dessen Release abermals sechs Jahre vergingen, obwohl zwischendurch schon etliche daraus ausgekoppelte Singles erschienen waren – aber die pandemische Lage half natürlich auch Symphonity nicht weiter. Olaf Hayer war bei diesem Werk nicht mehr mit von der Partie, und es ging besetzungstechnisch seither mal wieder drunter und drüber, was die Zukunft von Symphonity trotz gleich zweier justament veröffentlichter Livealben aktuell mehr als unsicher erscheinen läßt.

Das 2008er Original von Voice From The Silence dürfte geraume Zeit vergriffen gewesen sein, so dass sich Limb Music zu einem Re-Release entschlossen, und das ist die Fassung, um die es nun hier eigentlich gehen soll. Die Formulierung „and 5 Bonus Tracks“ auf dem Coversticker flunkert dabei ein wenig, denn „Anyplace, Anywhere, Anytime“, der erste dieser fünf, stand ja auch schon mit auf dem Originalrelease, nur halt als Hidden Track und nicht in der Tracklist ausgewiesen. Wie auch die anderen elf Originale wurde auch diese Nena-Coverversion remastert, wobei sich die Unterschiede in überschaubaren Grenzen halten – das Original hatte 2008 auch schon einen vernünftigen Sound.
Bleiben also vier tatsächlich bisher ungehörte Tracks, wobei es sich in allen vier Fällen aber auch nicht um wirklich neue Songs handelt, wenngleich man das, wenn man in der Tracklist nur auf die Haupttitel schaut, in zwei Fällen annehmen könnte. Aber es ehrt Symphonity, dass sie hier keine falschen Erwartungen schüren, sondern in den Untertiteln klarmachen, dass es sich bei „Beast Inside“ um eine 2007er Demofassung von „Bring Us The Light“ handelt und bei „Piper“ um eine ebensolche von „Salvation Dance“, also zwei Songs, die dann in ihren finalen Fassungen auf dem regulären Album landeten. Aus einer Pre-Production von 2007 stammen schließlich die Frühfassungen von „Gates Of Fantasy“ und „Evening Star“. Die vier Versionen klingen generell einen Tick rauher als die späteren Albumfassungen, aber Křivák hat hier auch nochmal Remix-Hand angelegt, und es gäbe vermutlich die eine oder andere Band, die diese Demofassungen schon als gut genug deklariert hätte, um auch auf dem finalen Album zu stehen. Das hat Křivák nicht getan, und so bietet sich dem Hörer hier ein interessanter kleiner Einblick in seine Kreativstube – wer Spaß daran hat, kann sich auf die Suche machen, welche Details auf dem Weg zu den Albumfassungen noch verändert wurden.
Markante Frage ist dabei zunächst, ob die Lyrics der beiden noch umbenannten Songs verändert wurden oder nicht. Im Booklet des Re-Releases abgedruckt sind nur die der Albumfassungen, also muß man sich selbst ans Heraushören machen. Den Text von „Bring Us The Light“ bzw. „Beast Inside“ hat Hayer verfaßt, und in der Endfassung sind tatsächlich ein paar Worte bzw. Phrasen abgewandelt worden, ohne jedoch die Grundstruktur bzw. die Grundaussage anzutasten. Hier singt logischerweise auch in der Demofassung schon Hayer und nicht etwa Mejtner, was rein theoretisch durchaus für „Salvation Dance“ bzw. „Piper“ hätte zutreffen können, da unklar bleibt, wann Petr Vyslouzil diesen Text geschrieben hat – es hätte auch noch zu Mejtners Zeiten sein können. Aber wenn wir hier Mejtner singen hören sollten, dann hätte der nahezu exakt die gleiche Stimmfärbung wie Hayer besessen, und obwohl letzterer in den Demofassungen einen Tick dunkler klingt als letztlich auf dem Album, dürfte dieser Unterschied lediglich produktionstechnische Gründe haben. Bis zum Vorliegen eines Gegenbeweises ist also anzunehmen, dass auch hier in allen vier Songs schon Hayer singt, und auch das Booklet macht keine Angaben, dass wir hier noch einen anderen Vokalisten hören, mit Ausnahme des oben erwähnten Herbie Langhans, der außer den Leadvocals im Nena-Cover auch noch die Backings fürs Album übernommen hat, sowie von Petr Kratochvil, der allerdings nicht singt, sondern die Narration im dritten Teil von „The Silence“ auf dem regulären Album spricht. Wer den alten Japan-Release von 2008 besitzt, könnte übrigens Direktvergleiche anstellen: Da sind nämlich in der Tat als Boni zwei Nummern mit Mejtner am Mikrofon enthalten, eine „Extended Version“ von „Salvation Dance“ und ein Song namens „In Silence Forsaken“, also das, was letztlich der zweite Teil von „The Silence“ geworden ist. Diese beiden Songs hätten sich prima auch hier auf dem Re-Release gemacht, auch wenn dafür eine oder zwei der vier anderen Frühfassungen aus Kapazitätsgründen hätten weichen müssen.
Letztlich bleibt es natürlich jedem Hörer überlassen, in welchem Maße er sich den vier Frühfassungen widmet – sie schmälern den Wert des Re-Releases natürlich nicht, denn wenn man sich hörtechnisch auf das eigentliche Album konzentrieren möchte, programmiert man seinen CD-Player halt so, dass er nach Track 12 (der erste der Boni gehört wie erwähnt eigentlich noch zum regulären Original) wieder mit Track 1 beginnt. Da wie erwähnt das 2008er Album nur noch mit Glück second hand aufzutreiben sein dürfte, stellt sich die Frage für alle Neu-Interessenten, welche Fassung dieses melodicspeedigen Freudenfeuers man erwerben soll, aber sowieso nicht. dass man das tun sollte, wäre zumindest Genrefreunden, aber auch allen anderen Menschen, die intelligent arrangierten melodisch-sinfonischen Metal schätzen zu können glauben, jedenfalls definitiv anzuraten.



Roland Ludwig

Trackliste

1La Morale Dell ’Immorale1:06
2Give Me Your Helping Hand5:09
3Gates Of Fantasy6:35
4Bring Us The Light5:06
5Salvation Dance5:01
6The Silence - Memories (Part I)2:02
7The Silence - In Silence Forsaken (Part II)6:40
8The Silence - Relief Reverie (Part III)1:31
9Searching You5:20
10Evening Star8:41
11Afterlife0:52
12Anyplace, Anywhere, Anytime4:02
13Beast Inside („Bring Us The Light“ Demo 2007)5:16
14Piper („Salvation Dance“ Demo 2007)5:12
15Gates Of Fantasy (Pre-production 2007)6:31
16Evening Star (Pre-production 2007)8:38

Besetzung

Olaf Hayer (Voc)
Libor Křivák (Git)
Ivo Hofmann (Keys)
Tomáš Čelechovský (B)
Martin „Marthus“ Skaroupka (Dr)
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