····· Los Fastidios ehren die 2-Tone-Legende The Selecter ····· Sean Webster wagt sich erneut ans Tageslicht ····· Nicht alles ist bei Dice mehr so wie gehabt ····· The Castle Rat veröffentlichen neue Editionen ihres aktuellen Albums The Bestiary ····· Das Dutzend wird vollgemacht – Album Nummer 12 von Europe kommt im September ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Reviews

Labyrinth

In The Vanishing Echoes Of Goodbye


Info

Musikrichtung: Melodic Speed Metal

VÖ: 24.01.2025

(Frontiers)

Gesamtspielzeit: 57:47

Internet:

http://www.frontiers.it
http://www.facebook.com/labyrinthitaly

Nach dem 2007er Album 6 Days To Nowhere hat der Rezensent Labyrinth aus den Augen verloren – ein Blick in die Diskographie offenbart allerdings, dass er rein quantitativ gar nicht so sehr viel verpaßt hat: Zwischen jenem und dem aktuellen Album In The Vanishing Echoes Of Goodbye stehen lediglich drei weitere Studioalben zu Buche, darunter die Fortsetzung des Klassikers Return To Heaven Denied, für die eine stärkere Orientierung am 1998er ersten Teil zu erwarten war, von dessen klassischem Melodic Speed sich Labyrinth auf den Folgealben teils schrittweise, teils sprunghaft wegbewegten, was letztlich beim 2005er Freeman-Album für verständnisloses Kopfschütteln bei vielen Altanhängern sorgte, und da die Bandmitglieder im nachhinein wohl auch nicht mehr damit zufrieden waren, gingen sie für das eingangs erwähnte Werk einen Schritt zurück, aber auch einen zur Seite.
Ob die Theorie bezüglich der Ausrichtung des zweiten Return-Teils zutrifft und was auf den beiden anderen seither noch erschienenen Werken zu hören ist, müssen logischerweise Menschen beurteilen, die sich im Gegensatz zum Rezensenten im Besitz dieser Werke befinden respektive diese schon gehört haben (den direkten Vorgänger Welcome To The Absurd Circus besitzt der Rezensent zwar auch, aber der liegt noch auf dem großen Stapel der Ungehörten). Also wirft man in der hier gegebenen Situation In The Vanishing Echoes Of Goodbye mit gespannter Neugier, aber vorläufig ohne konkrete Erwartungshaltung in den Player – und siehe da, es erklingen erstmal erdige Riffs, die nichts mit dem schwebend-flirrenden Stil zu tun haben, den viele italienische Metalbands einst pflegten. Aber dann behängt Keyboarder Oleg Smirnoff diese Riffs mit so typischen Girlanden, wie nur irgendwas für italienischen Melodic Speed typisch sein kann, und die Gitarrenfraktion, neben Dauermitglied Andrea Cantarelli auch der seit dem zweiten Return-Teil wieder an Bord befindliche Olaf Thörsen, evoziert in besagtem Opener „Welcome Twilight“ alsbald auch die entsprechenden Tonfolgen, deren luftige Herangehensweise man in diesem Stil so liebgewinnen kann. Da sich auch Drummer Matt Peruzzi nicht lumpen läßt, ist der allerschönste Melodic Speed beisammen, spielfreudig, einfallsreich, mit einigen intelligenten Wendungen und einerseits typisch genug, um jeden Altfan zu begeistern, aber andererseits keine simple Kopie alter Songstrukturen.
Alles prima also? Leider nein, denn wir müssen über Sänger Roberto Tiranti reden. Früher ein großer Könner, der auch schwindelerregende Höhen mit völliger Leichtigkeit eroberte, erschrickt man fast, als man ihn in „Welcome Twilight“ zum ersten Mal hört. Klar, die typische Stimmfärbung ist noch da, und dass mit zunehmendem Alter die Höhen nicht mehr so einfach zu erklimmen sind, diese Erkenntnis haben schon zahllose andere Vokalisten gewinnen müssen, sie besitzt also keinen Neuigkeitenwert mehr. Aber Tiranti singt über weite Strecken des Albums so knödelig, als habe er tatsächlich einen Kloß im Hals, und gleichzeitig hielte ihm jemand die Nase zu. Wenn er sich nach oben begibt, bekommt man beim Zuhören fast Mitleid und entwickelt zudem Angst vor etwaigen Konzerten der Band: Wie soll diese Stimme heutzutage einen Klassiker wie „Thunder“ intonieren? Seltsamerweise gibt es Songs auf dem neuen Album, die diesbezüglich weniger Probleme aufwerfen als andere. Das läßt sich bei „Out Of Place“ scheinbar leicht erklären – in den balladesken Parts dieser vielschichtigen Nummer singt Tiranti tiefer und offensichtlich ungezwungener. Aber der Schein trügt, denn in der ersten Hälfte des großen Breaks von „At The Rainbow’s End“ agiert der Vokalist gleichfalls sehr tief, und auch hier möchte man ihn ermutigen, erstmal hinterzukauen, während er in der zweiten Hälfte schrittweise nach oben gleitet und ganz oben dann so klingt wie Morten Harket auf allen Aufnahmen von „Take On Me“ außer dem alten Studiooriginal. dass er das noch so kann, stellt ihm zwar ein gutes Zeugnis aus, aber angenehmer hörbar wird das Ganze dadurch trotzdem nicht. Und wer ist das eigentlich, der am Ende von „The Right Side Of This World“ in extremem Falsett vor sich hin kreischt, aber zumindest in diesen wenigen Sekunden eine so gute Figur macht, dass man sich fragt, wieso es davon nicht mehr gibt, wenn jemand in der Band das kann?
Fokussieren wir die Aufmerksamkeit also lieber auf die instrumentale Seite – da machen die Italiener nämlich nach wie vor keine Gefangenen und kompositorisch auch nicht, wenngleich man sich erst ein wenig ins Material einhören muß und die Zugänglichkeit der Refrains wiederum mit der Haltung zu den vokalen Leistungen steht und fällt, auch wenn etwa der von „At The Rainbow’s End“ durchaus hoch zu punkten weiß. Dieser Song schließt das vordere Melodic-Speed-Quartett ab, zu dem auch „Out Of Place“ zählt, das zwar zurückhaltend anhebt, im hinteren Teil dann aber doch noch lossprintet. Mit „The Right Side Of This World“ und „The Healing“ schieben die Italiener zwei geradlinigere Melodic-Metal-Nummern hinterher, glaubt man zumindest – aber auch „The Healing“ entwickelt nach hinten heraus einen Drang in eine andere Richtung und mutiert zum angeproggten Epos, das nach der Andeutung eines Baßsolos leider etwas einfallslos ausgeblendet wird. In „Heading For Nowhere“ exhumiert Smirnoff im Intro sowie im Zwischenspiel Prinzipien, die Antti Ikonen in Stratovarius‘ „The Hills Have Eyes“ angewendet hatte, und da nickt man als Genrefreund im fortgeschrittenen Alter natürlich wissend und dankbar mit dem Kopf, auch wenn der Song selbst durch die temporeduzierten Strophen seinen Status als uneingeschränkter Speedruler verliert und durch diese Variation auch nicht an Klasse gewinnt. „Mass Distraction“ ist nicht nur neben „The Right Side Of This World“ der kürzeste Song der Scheibe, sondern auch derjenige, der von der Grundanlage her am nächsten zum Hauptarbeitsfeld des aktuellen Brötchengebers Frontiers Records liegt, wenngleich die ganzen dortigen Melodic-Rock-Kohorten im ebenso komplex wie hart rhythmisierten Hauptsolo Herzrhythmusstörungen bekämen. dass Labyrinth mit dem nicht mehr ganz so neuen Label (der erwähnte Vorgänger erschien gleichfalls bereits da) auch in dessen stilistische Umlaufbahn einschwenken würden, ist also ausgeblieben, wenngleich man den lange zwischen Halbballade und Hymne pendelnden Sechsminüter „To The Son I Never Had“ vermutlich auf eine Single zusammenkürzen könnte – man müßte nach Minute 3 Schluß machen und den zwischen Galopp und proggiger Verschachteltheit pendelnden Soloteil wegschneiden. In besagten ersten drei Minuten und der Reprise nach Minute viereinhalb haben wir zugleich Tirantis beste Gesangsleistung der ganzen Scheibe vor uns, sowohl in den Tiefen als auch in den Höhen, wo er erstaunlich unangestrengt klingt, wenngleich immer noch nicht so locker wie früher – der Kloß ist also erst zur Hälfte hintergekaut. Trotzdem wäre eine ganze Platte mit einer vergleichbaren Gesangsleistung locker zwei Punkte mehr wert – hier hingegen ist der Rezensent nach dem verschachtelten, aber im Hauptteil phasenweise nochmal richtig herzhaft Tempo machenden Schlußepos „Inhuman Race“ unschlüssig, wie er argumentieren soll. Altfans, die lange nichts von Labyrinth gehört haben, sollten sich dem Werk zwar mit offenem Herzen nähern und brauchen sich instrumental keine Sorgen zu machen, aber ob man mit dem Gesang klarkommt, wird eine vielleicht nicht einfache Entscheidung werden.
Bleibt abschließend die Frage nach der Zukunft der Band: Soll der Albumtitel andeuten, dass es das letzte Labyrinth-Werk sein könnte oder gar sein wird? Das wäre in den erwähnten hochklassigen Komponenten allemal schade. Umgekehrt muß sich die Band oder speziell Tiranti für eventuelle weitere Alben dringend was einfallen lassen und für Liveaktivitäten sowieso. Wie sich der Vokalist bei den Klassikern schlägt, kann vielleicht derjenige beurteilen, der im Gegensatz zum Rezensenten das 2018er Return To Live-Konzertwerk besitzt, aber auch das ist ja schon wieder sieben Jahre alt, in denen mit einer Stimme viel passieren kann ...



Roland Ludwig

Trackliste

1Welcome Twilight5:45
2Accept The Changes7:24
3Out Of Place5:02
4At The Rainbow’s End5:10
5The Right Side Of This World4:32
6The Healing6:42
7Heading For Nowhere4:48
8Mass Distraction4:39
9To The Son I Never Had6:02
10Inhuman Race7:42

Besetzung

Roberto Tiranti (Voc)
Andrea Cantarelli (Git)
Olaf Thörsen (Git)
Oleg Smirnoff (Keys)
Nik Mazzucconi (B)
Matt Peruzzi (Dr)
Zurück zum Review-Archiv
 


So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger