Reviews
Dividing Lines
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Info
Musikrichtung:
Progressive Metal
VÖ: 18.11.2022 (Nuclear Blast) Gesamtspielzeit: 64:58 Internet: http://www.thresh.net http://www.nuclearblast.de |

An so einem Szenario wären andere Bands zerbrochen: 2017 hatten Threshold mit Legends Of The Shires ein Konzeptalbum veröffentlicht, das sich als relativ erfolgreich erwies („relativ“ bedeutet hier, dass diese Band grundsätzlich viel weniger verkauft, als es ihrem Können nach angemessen wäre, wenn wir in einer gerechten Welt leben würden) und nicht nur vom hier tippenden Rezensenten als Meisterwerk eingestuft wurde. Keyboarder Richard West hatte daraufhin einen zweiten Teil dieses Konzeptes entwickelt – die Mehrheit in der Band entschied sich aber dafür, als nächstes Album nicht diesen zweiten Teil in Angriff zu nehmen, sondern ein von dieser Story unabhängiges Werk. West zog sich nun aber nicht etwa in den Schmollwinkel zurück oder verließ die Band etwa gar, sondern tat zwei Dinge, die in dieser Situation einen großen Menschen auszeichnen. Zum einen gründete er eine neue Band namens Oblivion Protocol, mit der er den besagten zweiten Teil des Konzeptes einspielte. Zum anderen aber beteiligte er sich auch mit voller Kraft am neuen Threshold-Album, für das sich die Mehrheit in der Band entschieden hatte: Von den zehn Songs stammen vier allein aus seiner Feder, und drei weitere schrieb er gemeinsam mit Gitarrist Karl Groom – ohne sein Zutun würde es Dividing Lines also zumindest in dieser Form nicht geben.
Das Schöne an der Sache ist nun, dass West nicht etwa seinen „Ideenabfall“ bei Threshold zurückgelassen hat – gleich sein Opener „Haunted“ stellt eines der großen Highlights von Dividing Lines dar, diesmal ohne ausgeprägtes Intro gleich mit einem kernigen Riff in die Vollen gehend, einen dieser unnachahmlichen eingängigen Refrains, die eigentlich auch das Mainstreampublikum erobern können müßten, einbauend und in der Überleitung zum zentralen Akustikpart mit wunderbar warmen Baßklängen von Steve Anderson auch die Seele streichelnd. Gut, das mit dem Refrain muß ein bißchen relativiert werden, denn das Mainstreampublikum von heute besitzt eine durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne, die vermutlich vom Anfang dieses Refrains nicht bis zu seinem Ende reicht. Aber das war bei „Small Dark Lines“ vom Vorgänger auch nicht anders, wobei dessen Refrain vielleicht noch einen Tick ohrwurmiger ausgefallen ist. Das fällt allerdings grundsätzlich beim Durchhören von Dividing Lines auf: Man wird das latente Gefühl nicht los, dass Threshold einige Ideen auf dem Vorgängeralbum ähnlich und zumindest partiell besser umgesetzt haben. Diese Erkenntnis besitzt eine gewisse Paradoxität, da Dividing Lines textlich ja eben genau nicht der zweite Teil des Legends-Konzeptes ist – musikalisch hingegen könnte er es durchaus sein, wenngleich es keine direkten Zitate, Motivweiterspinnungen o.ä. gibt. Andererseits machen solche Wiedererkennungseffekte einen Teil des Reizes von Threshold aus – und wenn sie schon klauen, dann halt nur bei den Besten, nämlich bei sich selbst.
Das Album ist also problemlos als Werk von Threshold zu identifizieren, trotz des eher düsteren Artworks mit der Ruinenstadt, wozu die Bandfotos (die Musiker in „proletarischer“ Optik vor bzw. in einer Art Bunkersystem) passen, während die 65 Minuten Musik durchaus keine apokalyptische Anmutung besitzen, wenngleich es natürlich durchaus um kritische Thematiken geht. Dazu treten hier und da Effekte wie die verfremdete Stimme von Glynn Morgan in „Silenced“ – aber die Verfremdung geschieht in einer Weise, wie man das schon seit Jahrzehnten kennt. Progressiv im Sinne von fortschrittlich agieren Threshold also nicht, aber auch das erwartet grundsätzlich niemand von ihnen. Statt dessen bekommen wir zehn Songs im gewohnten Stilspektrum des melodieorientierten Progmetals, darunter acht etwas kompaktere und zwei Epen von mehr als zehn Minuten Dauer. Das erste, „The Domino Effect“, gehört auch zu den kompletten Eigenkreationen Wests und zugleich zu den Highlights des Albums – unkompliziert, aber wirkungsvoll aufgebaut. „Complex“ hingegen klingt komplett anders, als es heißt – wer hier intensive Verschachtelungen erwartet, geht überwiegend leer aus: So geradlinig wie hier agieren Threshold eher selten, vorangetrieben durch das kernige Riffing Grooms sowie das vorwärtsdrängende Drumming von Johanne James, der freilich in den richtigen Momenten, also in den Bridges und mitten im Solo, das Tempo herauszunehmen und ebendamit Spannung zu erzeugen weiß.
Spannend war im Vorfeld auch eine andere Frage: Mit „Let It Burn“, „King Of Nothing“ und „Run“ sind drei Kompositionen von Morgan auf dem Album gelandet. Als der in den 90ern schon mal zur Band gehörte, stieg er nach dem Zweitling Psychedelicatessen zusammen mit dem damaligen Drummer Jay Micciche aus, weil den beiden der Sinn nach kompakterer und härterer Musik stand, die sie dann auch mit ihrer neuen Band Mindfeed umsetzten, für deren zwei Alben sich aber kaum jemand so richtig interessierte. „Let It Burn“ besitzt in der Tat einen etwas aggressiveren Anstrich, als man es sonst von Threshold gewohnt ist, fügt sich aber trotzdem problemlos ins Album ein und ist auch durchaus ausladend arrangiert – unter den acht Nicht-Zehnminütern ist es mit 6:49 Minuten der längste. In „King Of Nothing“ wünschte sich Morgan offenbar eine Gitarrenarbeit mit latenten Anklängen an den Modern Metal der Neunziger, bekam den Wunsch von Groom erfüllt – und auch hier paßt das Ganze problemlos ins Gesamtbild. „Run“ wiederum ist der kürzeste Song der Scheibe, schafft es nicht mal über die Vierminutenmarke, was für Threshold-Verhältnisse schon außergewöhnlich ist, und erinnert vielleicht am stärkten an Mindfeed, allerdings eine um Wests Keyboards aufgepeppte Version, von James mit verschlepptem Drumming unterfüttert und in der Melodieführung durchaus zugänglich – ein „Hit“ im klassischen Sinne wird hier natürlich trotzdem nicht draus, auch aus Wests davorstehendem „Lost Along The Way“ mit seiner etwas ruhigeren Grundhaltung nicht. Aber das Vorhandensein von Hits war noch nie ein Hauptkriterium für die Güte eines Threshold-Albums, wenngleich das Vorhandensein eines solchen für die Erschließung des Albums durch die Altanhänger ebenso wie für die Gewinnung neuer Hörerschichten nicht hinderlich wäre. Die Altanhänger wiederum hätten auch kein Problem mit der Erschließung des zweiten Zehnminüters, der Dividing Lines abschließt, auch wenn „Defence Condition“ nach hinten heraus rabiat und unzugänglich wird – hier findet sich der Grundtenor des Artworks vielleicht am intensivsten gespiegelt wieder.
Das Album braucht naturgemäß wie jede Threshold-Scheibe einige Durchläufe, um richtig zu zünden – hat man diese absolviert, gewinnt man es aber nahezu genauso lieb wie große Teile des weiteren Schaffens dieser Band, auch wenn der Geniestreichfaktor von Legends Of The Shires diesmal nicht ganz erreicht wird. Aber ein Paradoxon muß benannt werden: Wie im Review zu Oblivion Protocols The Fall Of The Shires bemerkt, klingt besagtes Album über weite Strecken wie ein Threshold-Demo – West hat also tatsächlich im Kontext seiner Hauptband eine viel eindrucksvollere Arbeit abgeliefert als mit seiner eigenen Zweitband. Der Wunsch, Threshold würden diesen zweiten Teil eines Tages tatsächlich noch einspielen, vielleicht auch in erweiterter Form, bleibt jedenfalls auch nach dem Hören von Dividing Lines bestehen. Bis das vielleicht doch noch geschieht oder aber die Band irgendwann unabhängig von diesem Konzept ihren nächsten Geniestreich hervorzaubert, eignet sich Dividing Lines jedenfalls bestens zur gepflegten metallischen Unterhaltung auf enorm hohem Niveau.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Haunted | 5:06 |
| 2 | Hall Of Echoes | 6:17 |
| 3 | Let It Burn | 6:49 |
| 4 | Silenced | 4:37 |
| 5 | The Domino Effect | 11:03 |
| 6 | Complex | 5:50 |
| 7 | King Of Nothing | 5:08 |
| 8 | Lost Along The Way | 5:19 |
| 9 | Run | 3:59 |
| 10 | Defence Condition | 10:44 |
Besetzung
Karl Groom (Git)
Richard West (Keys)
Steve Anderson (B)
Johanne James (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

