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Acid in Wo(u)nderland
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Info
Musikrichtung:
Prog
VÖ: 26.09.2025 (1980) (MiG) Gesamtspielzeit: 78:02 |

A: Zur Edition 2025
Ende der 70er Jahre waren Eloy auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Das brachte offenbar eine Situation mit sich, in der Keyboarder Detlev Schmidtchen und Drummer Jürgen Rosenthal das Gefühl hatten, ihre musikalischen Ideen nicht mehr ausreichend einbringen zu können. Oder sahen sie in der Popularität Eloys eine Chance selber ohne Mastermind Frank Bornemann durchzustarten? Wie auch immer, die beiden veröffentlichten ein gemeinsames Album unter dem Namen EGO on the Rocks und verliessen kurz darauf die Band.
Was auch immer ihre Hoffnungen waren, sie haben sich kaum erfüllt. Acid in Wo(u)nderland floppte. Zwei weitere geplante Alben wurden nie realisiert. Schmidtchen startete eine wenig erfolgreiche Solo-Karriere. Rosenthal wirkte immer wieder einmal auf Alben anderer Künstler, insbesondere aus dem Umfeld der hannoverschen Rock-Szene der 70er Jahre, mit.
Mehr noch, als dass ein Album, das in den Top 10 landet, ein ziemlicher Mist sein kann, kann ein grandioses Album kommerziell ein Desaster werden. Das gilt für Acid in Wo(u)nderland in besonderem Maße. Es ist ein fantastisches Album, dass an die Kraut-Traditionen der 70er anknüpft und gleichzeitg Pionierarbeit dabei leistet, das aufzunehmen, was die 80er prägen wird.
MiG haben diesen versunkenen Schatz nun gehoben. Offenkundig waren sie nicht die Ersten. Sie veröffentlichen das Album mit fünf Bonus-Tracks, die die Spielzeit des Albums verdoppeln. Eine ähnliche Edition muss es bereits einmal gegeben haben, denn die Liner Notes zur aktuellen Ausgabe stammen von 1997 und erwähnen die fünf Bonus-Tracks bereits. Das Fehlen aktueller Liner Notes ist ein Makel, das man der aktuellen Edition attestieren muss.
B: Zur Musik
Acid in Wo(u)nderland ist ein Album, das mit seinen ungewöhnlichen und experimentellen Ansätzen in der besten Kraut-Rock-Tradition steht, gleichzeitig aber mutig und ohne jede Hemmung die Soundästhetik der 80er auf-, bzw sogar vorwegnimmt.
Dabei gibt es durchaus Quailtätsunterschiede. Während die ehemalige erste LP-Seite ausschliesslich Überflieger enthält, schleichen sich auf der zweiten Seite Stücke ein, die – allerdings nur auf diesem Album – die Rolle von Fillern einnehmen. Wirklich Schlechtes findet sich auch unter den Bonus-Tracks nicht, aber man versteht schnell, warum man auf sie bei der Erstveröffentlichung verzichtet hat.
Rosenthal und Schmidtchen arbeiten immer wieder mit Samples. Da gibt es Hühnergegacker oder den Klang eines Geldspielautomaten, der wohl nicht zufällig an Pink Floyds „Money“ denken lässt. Vor allem aber nutzt die Band gesprochene Texte, bei denen nicht immer klar ist, ob es ebenfalls gesampelte Tonquellen sind, oder ob die Texte extra für das Album eingesprochen wurden und ob es eigene Texte oder Zitate anderer Autoren sind. (Das z.B. hätte man mit Liner Notes - egal in welcher Edition - klären können.)
Wer auf Eloy-Bezüge hofft, wird nicht völlig vernachlässigt, braucht aber etwas Geduld. Erst „Mystik ┼1┼9┼8┼0“, das die erste LP-Seite beschloss, liefert in dieser Hinsicht ab. Vorher gibt es drei völlig eigenständige Songs, die zwischen Kraut-Prog, Synthie-Rock und Art-Pop changieren und überwiegend treibend abrocken. Dabei gibt es immer wieder überraschende, aber perfekt gesetzte Neuansätze. Fantastisch!
Die zweite LP-Seite ist deutlich ruhiger, liefert auch nicht mehr Überraschungen in dem Maße der ersten Seite. Aber auch hier gibt es mit „Hazard“ ein Stück mit packnedem Prog-Pop und – wiederum am Ende – ein Instrumental, das sich deutlich im Eloy-Kosmos bewegt.
Vielleicht hätte man die Stücke etwas anders sortieren sollen, um den Qualitätsabfall weniger spürbar zu machen. Aber auch so kann es für dieses Album nichts anderes geben als die Höchstnote.
Das Bonus-Material umfasst Filler, wie „Losers and Finders“ und banalen Synthie-Pop („Another Saturday Night“), die letztlich niemand braucht, aber auch den flotten Synthie-Pop „Destroy the Gun“, der seine Eloy-Paralleln stark in die 80er transportiert und den treibend repetitiven Synthie-Pop „Civilization Song 2“.
Der Long-Track „Once in Africa 1“ wirkt eher wie eine Materialsammlung, die sowohl über minutenlange flirrende Gitarren, ein kakophonisches Piano, als auch über schöne Passagen auf dem Flügel, die mit Supertramp-Parallelen ins Rocken übergehen, verfügt. Was das Ganze mit Afrika zu tun haben soll, bleibt ein Rätsel.
Fazit:
Ein Meisterwerk mit einem Beiblatt, für das allein manch andere Band töten würde.

Trackliste
| 1 | 7 to 7 or 999 to 99 Hope | 6:13 |
| 2 | 1. unallgemeine Bestürzung | 5:02 |
| 3 | Erected Error | 4:22 |
| 4 | Mystik ┼1┼9┼8┼0 | 4:54 |
| 5 | Asylum | 4:56 |
| 6 | Hazard | 4:28 |
| 7 | Godbluff | 5:26 |
| 8 | Civilization Song 1 | 6:18 |
| 9 | Destroy the Gun (Bonus Track) | 5:06 |
| 10 | Losers and Finders (Bonus Track) | 6:03 |
| 11 | Another Saturday Night (Bonus Track) | 2:41 |
| 12 | Civilization Song 2 (Bonus Track) | 3:43 |
| 13 | Once in Africa 1 (Bonus Track) | 19:14 |
Besetzung
Jürgen Rosenthal (Dr, Perc, Voc)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

