Reviews
Tiger's Den (JazzThing Next Generation Vol.111)
![]() |
Info
Musikrichtung:
Big Band Jazz
VÖ: 23.01.2026 (DoubleMoon) Gesamtspielzeit: 58:30 Internet: https://www.jandintheer.com/ https://www.challengerecords.com/home |

Jan Dintheer stammt aus Thierachwen im Schweizer Kanton Bern. Der Komponist, Pianist und Leiter dieser Band, dem Large Ensemble stellt mit Tiger's Den sein Debütalbum vor. Hier sind insgesamt zwanzig Musiker*innen beteiligt und geben somit die ganze Fülle einer Bigband wieder. Und so hatte sich der Protagonist auch in den letzten Jahren überwiegend dem Komponieren und Arrangieren von Musik für Bigbands gewidmet.
Und genau das wird sogleich mit den ersten Songs sehr deutlich, wie sich traditionelle Arrangements und moderne Richtungen in Gestalt eigener Ideen offenbaren, der Song „Unvollkommenes Beryllium“ zeugt davon mit höchster Güte, Virtuosität, Anspruch, Komplexität und bietet unweigerlich Raum zum Zuhören, nur um nichts zu verpassen, denn hier spürt man erst und bemerkt dann rasch, wie sich gerade die Komplexität ausbreitet. Doch nicht nur eine solche „akademische“ Sichtweise, sondern auch eine individuelle emotionale Schiene wird gefahren. Um auf den genannten Song zurück zu kommen, beachte man, wie sich kurz nach Minute Zwei ein Solo des Baritonsaxofonisten Xavier Sprunger löst und sich steigert bis hin zu einem wilden ekstatischen Ausbruch, das durch das ebenso wilde Arrangement des Ensembles begleitet wird mit dieser offenen und freien Stimmung.
Nun, das ist einerseits nicht solche Musik von Big Bands wie von Glenn Miller, dann schon eher in Richtung Duke Ellington, und auch nicht so frei wie von Sun Ra's Musik, aber entstanden ist doch ein recht wuchtig inszenierter Sound, der mitreissen kann, und sollte! Man wird im Laufe der neun Kompositionen eine Fülle von Detailreichtum erkennen, die sich jedoch nicht nur solistisch zur Schau stellt, sondern auch innerhalb kollektiver Ensembleleistung zu vernehmen ist. Schließlich ist der wohl wichtigste Aspekt, dass ständig Veränderung stattfindet, immer wieder gibt es neue Passagen einzelner Instrumentengruppen als auch einzelner Instrumente, die prägend wirken, wie bei "5 Vor Zwölf", zwar kurz, aber intensiv, schön, diese fließende Stimmung, diese perkussiven Feinheiten innerhalb dessen.
Und dann zum Titelsong, Tiger's Den, wie Dintheer angab, sei das das erste Stück gewesen, dass er für dieses Ensemble komponinierte, das war bereits 2021, ich zitiere ihn wie folgt: „Die Geschichte hinter diesem Stück ist die Vorstellung, dass man sich überwindet, in die Höhle hineinzugehen. Durch das Stück hindurch muss man immer wieder seinen Mut zusammennehmen, irgendwo in einen neuen Winkel hineinzugehen. Dort entdeckt man dann verschiedene Dinge und Geschöpfe.“
Schließlich stecken hinter jedem Song persönliche Erlebnisse objektiver Art, subjektive Betrachtungen und Anschauungen, die sich inspirierend auswirkten. „Längsgeteilte Dringlichkeit“ zum Beispiel soll sich aus einer geplanten Autobahnplanung ergeben haben, ursprünglich dreispurig geplant, letztlich aus Geldmangel nur zweispurig ausgeführt, und daraus soll dann die Komposition in Anlehnung daran enstanden sein. Nun, als Aussenstehender/Aussenhörender mag man die diversen Hintergründe nicht kennen, doch wenn man weiß, dass hier Tatsachen und Gedanken umgesetzt werden sollten, wird man sich erklären können, warum sich die eine oder andere skurrile Phrase in die Songs eingeschlichen hat, beim gerade genannten Song die Ragtime-Phrase mit dem Piano und das wilde Gitarrensolo, das bereits Züge von Sonny Sharrock, dem Free-Jazz-Gitarristen aufweist. Wer es näher wissen möchte, der nehme sich das Booklet zur Hand, wo das Eine oder Andere auch näher erläutert wird.
Ja, für viele Hörer*innen mag diese Musik sehr „unbequem“ sein, für alle Anderen sicher ein Quell des Frohlockens angesichts dieser großartigen farbenfrohen Atmosphäre und der Vielseitigkeit des Sounds, hier ist es tatsächlich gelungen, dem Bigband-Format eine Frischzellenkur ganz besonderer Art zu verpassen. Darüber hinaus fühle ich mich als Jazz-Fan sehr angesprochen ob des Einbezugs verschiedener Spielarten dieser Musik, ehrlich gesagt, mit zwei Worten nur: MACHT SPASS!

Trackliste
2 Unvollkommenes Beryllium (9:16)
3 Flug Frohmut (7:40)
4 Loose Cannon (6:16)
5 Vor 12 (2:44)
6 Tiger's Den (9:38)
7 Skyjo (8:04)
8 Längsgeteilte Dringlichkeit (5:50)
9 Shepard's Pie (7:22)
Besetzung
Flo Hufschmid (drums)
Benjamin Jaton (double bass)
Anna Regina Kalk (guitar)
Daniel Hernandez (piano)
Kristine Solli Oppegaard (tuba)
Julia Rüffert (trombone)
Jonas Beck (trombone)
Pere Molines Tur (trombone)
Paul Butscher (trumpet)
Jaronas Höhener (trumpet)
Felix Grandjean (trumpet)
Nicola Bernhard (trumpet)
Philipp Hillebrand (clarinet)
Xavier Sprunger (bariton saxophone)
Elori Baume (tenor saxophone)
Marco Karrer (tenor saxophone)
Loris Knüsel (alto saxophone)
Matthias Kohler (saxophone)
Nancy Meier (flute)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

