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Reviews

Lurk

Aegis


Info

Musikrichtung: Doom / Death / Sludge / Post Metal

VÖ: 07.04.2023

(Transcending Obscurity)

Gesamtspielzeit: 43:53

Internet:

http://www.tometal.com
http://www.facebook.com/lurkdoom

„Das Mumpel lurkt im Lunz“, gab Vicki Vomit anno 1996 auf seinem Albumzweitling Ich mach’s für Geld bekannt, freilich ohne nähere Informationen zu diesem Umstand zu liefern. Die seit 2008 aktive finnische Band Lurk dürfte auch weniger gewillt sein, diesbezüglich etwa Klarheit zu schaffen, zumal sich der Bekanntheitsgrad von Vicki Vomit in Finnland vermutlich in überschaubaren Grenzen hält und auch der Stil ein geringfügig anderer ist, wenngleich die Lärmkulisse jenes Songs durchaus näher an Lurk liegt als das Gros des sonstigen Schaffens des Erfurters, der zwar sein späteres Werk scherzhaft als Doomjazz umschrieb, ohne indes zu ahnen, dass es einst Bands geben würde, die tatsächlich eine solche Mixtur intonieren.
Lurk beschränken sich bei der Integration in ihr Schaffen allerdings auf die erste Hälfte dieser Komponente, will man nicht so weit gehen, den gasthalber für „Blood Surge“ angegebenen Baritonsaxophonisten Aino Heikkonen als Exponenten für einen wie auch immer gearteten Jazzfaktor zu deklarieren. Immerhin setzt auch Drummer Kalle Nurmi hier und da auf etwas ungewöhnlichere Rhythmik, die aber ein gewisses Maß an Expressivität nie überschreitet. Schon „Ashlands“, Opener des mittlerweile vierten Lurk-Albums Aegis, bietet ein breites Tempospektrum, schleicht also ziemlich los, wird dann zügiger und mündet in einen ausladenden Schlußteil mit verschrobener Rhythmik, wobei Drums und Rhythmusgitarren dort weitgehend parallel agieren. Auch das Gesangsspektrum, das Kimmo Koskinen hier auffährt, ist schon recht breit und reicht über Gegrunze der ganz alten Schule, also nicht ultratief, sondern die Herkunft aus dem Shouting Marke Slayer noch erkennen lassend, über psychotisches Geschrei bis hin zu seltenen Klargesangseinwürfen, wobei der erstgenannte Stil quantitativ klar die Oberhand behält und man sich hier und da an eine leicht verzweifeltere Version des mittelfrühen Jan-Chris de Koijer von Gorefest erinnert fühlt. In der Gesamtbetrachtung entsteht hier ein Hybride aus Doom, Death und Sludge Metal, wobei letzterer am ehesten die Gitarrenmelodik und das teils recht dominante Beckengeschepper stellt – wer sich bei der Gitarrenmelodik an einige Vertreter aus dem Postrocklager erinnert fühlt, liegt aber phasenweise auch in der Nähe der Realität. „Shepherd’s Ravine“ an Position 2 macht denn auch über seine ganzen knapp siebeneinhalb Minuten den Eindruck, als würden Pink Floyd Doomdeath spielen, womit man hier und da auch die Post-Metal-Schublade zu öffnen gewillt wäre, und wenn das folgende „Infidel“ zusätzlich noch sowohl zum Wave als auch (der Gesang) zu den Landsleuten Thergothon schielt, entsteht ein völlig eigentümliches Gebräu – man höre nur mal die mit uralt klingenden Orgelsounds untermalten atmosphärischen Breaks!
„Hauta“ fällt dann erstmal strukturell in doppelter Weise auf: Zum einen ist es der einzige der sechs mit Texten versehenen Songs des Albums, der durchgängig im heimischen Finnisch gehalten ist (das trifft ansonsten nur noch auf die letzte Zeile von „Blood Surge“ zu), und zum anderen hat Koskinen seinen Gesang auch in den Hauta Studios aufgenommen. Ob es da Zusammenhänge gibt und, wenn ja, welcher Art diese sind, müssen Kenner der Band und/oder der finnischen Sprache entscheiden. Der Song jedenfalls unterscheidet sich stilistisch nicht vom seit „Shepherd’s Ravine“ gewohnten Bild, wobei hier noch kurz ein hoher Backingvokaleinwurf hinzutritt, der zwar auch leicht gequält klingt, aber, da dieser Eindruck stilistische Absicht sein dürfte, den Verdacht offenläßt, die Person, die für ihn verantwortlich sei, könne durchaus parallel auch noch eine Power-Metal-Combo fronten. Wem das alles schon zu weit vom eigentlichen Doomdeath-Sektor abdriftet, der bekommt in „Blood Surge“ wenigstens phasenweise solchen der alten holländischen Schule, aber garniert halt wieder mit solchen postrockverdächtigen Strophenparts, wo der Drummer gelegentlich über seine eigenen Füße zu stolpern scheint, weshalb er in einem der „holländischen“ Parts mal kurz die Doublebass anwirft, was er sonst in der ganzen knappen Dreiviertelstunde nicht tut. Das verträumte Instrumental „Kehto“ mit seinen sehr weit im Hintergrund stehenden Drums und den abermaligen historischen Keyboards erinnert vom Feeling her an einige Nightwish-Passagen auf Imaginaerum, aber auch Forever Autumn, das Meisterwerk von Lake Of Tears, schimmert ein bißchen durch, ohne dass Lurk natürlich Holopainen oder Brennare kopieren. Nach diesen enorm entschleunigenden vier Minuten (das will schon was heißen, wenn man die fünf Songs zuvor temposeitig betrachtet) lassen blackmetallische Gitarrensechzehntel im Intro des Closers „The Blooming“ die Option offen, dass Nurmi wenigstens hier mal herzhaft drauflosprügeln würde, also losflitzen wie sein berühmter Namensvetter Paavo – aber über schleppendes Midtempo geht auch dieser längste Song des Albums nicht hinaus, wenngleich er wieder überwiegend die alte holländische Schiene fährt und die pinkfloydigen Effekte nur seltene Gastrollen spielen. Aber ein paar epische Breaks müssen natürlich auch hier sein, sonst wären Lurk irgendwie nicht Lurk, und die erwähnten Sechzehntel lassen sich in Kombination mit einem hymnischen Background da auch prima einflechten. Tempofetischisten sollten sich Aegis also mit Vorsicht nähern, für Klangweltenwanderer zwischen Pink Floyd und Asphyx könnte das vierte Album der Finnen aber ein gefundenes Fressen sein, wenngleich alles überstrahlende Hits, die sich dauernd im Großhirn einbrennen, nicht vorhanden sind. Aber hier zählt sowieso eher der Gesamteindruck.
Der edel gestaltete Digipack mit Folienprägung ist auf 500 Exemplare limitiert und enthält Bandcamp-Gutscheine, mit denen man nicht nur dieses Album und den Vorgänger Fringe, sondern noch zwei weitere Alben aus dem Hause Transcending Obscurity downloaden kann. Ach so, und wie ist das nun mit dem Saxophon? Hm, in „Blood Surge“ läßt sich nirgends eindeutig eins raushören, oder täuschen seine Ohren den Rezensenten?



Roland Ludwig

Trackliste

1Ashlands5:08
2Shepherd’s Ravine7:32
3Infidel5:24
4Hauta7:13
5Blood Surge6:49
6Kehto4:02
7The Blooming7:41

Besetzung

Kimmo Koskinen (Voc, Git)
Arttu Pulkkinen (Git)
Eetu Nurmi (B)
Kalle Nurmi (Dr, Git, Keys)
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger