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1349
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Info
Musikrichtung:
Power / Doom Metal
VÖ: 17.12.2021 (No Remorse) Gesamtspielzeit: 51:29 Internet: http://www.noremorse.gr |

Waren Memory Garden in ihrer Jugendphase noch sehr aktiv und brachten im Zweijahrestakt neue Alben heraus, so vergrößerten sich die Abstände zwischen den Releases später deutlich. 1349 erscheint erst fast ein Jahrzehnt nach seinem Vorgänger Doomain. Ob es sich um ein Konzeptalbum über das Jahr, in dem Yersinia pestis erstmals auch in Europa größere Verbreitung fand und die Bevölkerung in manchen Gegenden drastisch reduzierte, handelt oder ob sich nur der Titeltrack mit diesem Thema befaßt, muß ein Blick in die Lyrics beantworten, die auch diesmal wieder komplett von Drummer Tom Björn geschrieben wurden – keine alltägliche Aufgabe für einen Bediener dieses Instruments im metallischen Kontext, bei Memory Garden aber von Beginn an zumindest teilweise so praktiziert und nach dem Ausstieg von Rhythmusgitarrist Anders Looström, dem Hauptlyriker der Frühzeit, dann die logische Konsequenz. Von den neun neuen Songs zeichnet der Schlagwerker bei „The Empiric“ auch für die Komposition alleinverantwortlich, für alle anderen acht Nummern werden vier der Bandmitglieder gemeinschaftlich angegeben. Memory Garden sind aber auch weiterhin ein Quintett, und eigenartigerweise ist es Urmitglied und Leadgitarrist Simon Johansson, der keinerlei Songwritingcredits einfährt, obwohl seine Leads einige Songs durchaus mit einem speziellen Stempel versehen.
Rein stilistisch hat sich zu Verdict Of Posterity und Mirage, den einzigen beiden anderen Alben der Formation, die der Rezensent besitzt, kaum etwas geändert. Memory Garden positionieren sich weiterhin auf der Grenze zwischen Power und Doom Metal und reichern das Ganze noch mit einer leichten Progschlagseite an, wenn der Drummer mal wieder in etwas ungewöhnlichere Rhythmen verfällt oder ein überraschender Wechsel an einer Stelle kommt, wo er im klassischen Doom nicht unbedingt kommen müßte. Das geht schon im Opener „Shallow Waters“ los, der zunächst relativ geradlinigen Power Metal mittleren Tempos bietet, in der zweiten Strophe dann aber auch abseitigere Motive einflicht. Ähnlich strukturiert, aber im geradlinigen Power-Teil noch etwas flotter unterwegs zeigt sich „Distrust“, ausstaffiert mit feinen Doppelleads als weiteres Schmankerl. Dazwischen hat „Pariah“ auch die ersten Doom-Momente geboten, aber durchaus vielschichtig arrangiert und manchmal ein wenig an die Landsleute Memento Mori erinnernd, wobei aber auch mal kurz jemand herzhaft ins Mikro grunzt, während ansonsten wie bekannt Stefan Berglunds hohe, leicht angerauhte Stimme dominiert, die ihren nächsten Verwandten auch in Schweden findet, nämlich bei Thomas Vikström, der bekanntlich das Candlemass-Album Chapter VI eingesungen hatte, das stilistisch etwas aus dem Rahmen, den man von jener Band kannte, fiel, aber möglicherweise eine Inspirationsquelle für Memory Garden in jungen Jahren darstellte.
Mit „Distrust“ beginnt ein Viererblock von Songs, in denen wir Josefin Bäck als zusätzliche Sängerin hören, allerdings kaum mit Leadfunktionen, sondern eher dann, wenn es auf eine Art „sakrale“ Atmosphäre hinausläuft. „Rivers Run Black“ bietet ein Paradebeispiel dafür: Knapp vier Minuten dominiert hier reinrassiger Classic Doom, bevor die Band in einen atmosphärischen, eben „sakral“ anmutenden Part wechselt, wo sich über der Rhythmusgruppe ebenjene Angelic Voices erheben. Die basischere, blueslastige Version ohne die Angelic Voices bietet das folgende „The Flagellants“, aber auch die Doppelleads kommen wieder, und so verschränkt sich letztlich alles zu einem großen Ganzen. Was Memory Garden eher selten bieten, sind große hymnische Refrains, die sich wie mit Widerhaken im Ohr festsetzen, wie das Candlemass oder auch Sorcerer oftmals praktizierten. „Shallow Waters“ hat auch einen solchen, aber danach kommt auf 1349 praktisch nichts mehr dergleichen, und der Hörer ist daher gezwungen, sich auf andere Weise in das Material vorzuarbeiten oder es gleich als großes 51minütiges Ganzes zu begreifen, unabhängig von der Frage, ob es nun tatsächlich ein Konzeptalbum ist oder nicht. „The Messenger“ geht als fast reiner Prog durch, so eine Art Kreuzung aus Gazpacho und Riverside, allerdings diesmal mit Bäck auch in Leadfunktion, über weite Strecken akustisch bleibend und eher kurz gehalten. Die „various medieval instruments“, die Göran Fredriksson hier beisteuert, fallen letztlich aber kaum ins Gewicht. „The Empiric“, der erwähnte einzige von Björn im Alleingang erschaffene Song, unterscheidet sich stilistisch kaum vom Rest des Albums und hat im hinteren Teil Niklas Stalvind als Gastsänger, der einen leicht gequälten Eindruck hinterläßt – das muß vermutlich im Kontext so sein. Der Titeltrack fällt irgendwie in keinerlei Hinsicht auf – auf Power Metal folgt Doom, aber das kennen wir ja nun schon. Immerhin ist der Refrain hier wieder etwas merkfähiger, aber dafür endet die Nummer irgendwie völlig unmotiviert. Kann natürlich auch wieder sein, dass das Absicht ist und schlicht und einfach alle Personen in der Umgebung Yersinia pestis zum Opfer gefallen sind. Der Albumcloser „Blood Moon“ fällt trotzdem viel mehr auf, nicht nur, weil Björn hier klassisches Piano spielt und das Ganze irgendwie einen gewissen Touch von Savatage zu Zak-Stevens-Zeiten atmet, gepaart natürlich auch wieder mit massivem Power Metal und noch einem Einfluß in den atmosphärischen Leads, auf den der Rezensent bisher noch nicht gekommen ist.
Summa summarum bietet 1349 demjenigen Hörer, der Memory Garden von früher her kennt und schätzt, keinen Grund, den Schweden die Freundschaft zu kündigen, auch wenn das Ganze nicht unbedingt leicht zu erschließen ist. Um nun aber endlich mal die Frage nach dem Konzept zu beantworten, zitieren wir kurzerhand die Encyclopedia Metallum: „A concept album with a storyline that covers both fact and fiction, taking place during the pandemic years of The Black Plague.“ In der Gesamtbetrachtung fällt das Album trotz des Doomfaktors, des Themas und des Artworks aber gar nicht so düster aus, wie man vielleicht erwartet hätte, so dass man hier auch hineinhören darf, wenn man sonst kein Freund der metallischen Geschwindigkeitsunterschreitung ist. Für den Rezensenten war die Beschäftigung mit 1349 ein willkommener Grund, auch mal wieder Verdict Of Posterity und Mirage in den Player zu werfen.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Shallow Waters | 4:35 |
| 2 | Pariah | 6:07 |
| 3 | Distrust | 6:30 |
| 4 | Rivers Run Black | 7:47 |
| 5 | The Flagellants | 5:35 |
| 6 | The Messenger | 4:21 |
| 7 | The Empiric | 4:54 |
| 8 | 1349 | 4:57 |
| 9 | Blood Moon | 6:39 |
Besetzung
Simon Johansson (Git)
Andreas Mäkelä (Git)
Johan Wängdahl (B)
Tom Björn (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

