Reviews
Lost In Memories, Lost In Grief
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Info
Musikrichtung:
Doom / Gothic Metal
VÖ: 03.05.2024 (Ardua Music) Gesamtspielzeit: 43:56 Internet: http://www.arduamusic.com http://www.facebook.com/MySilentWake/ |

Auch wieder so eine Band, die der Rezensent in ihren Frühzeiten kennengelernt, dann aber wieder aus den Augen verloren hat: Das bisher letzte hier im Player gelandete Album von My Silent Wake war The Anatomy Of Melancholy, der Zweitling von 2007 (und damit früher dran als die gleichnamige Livescheibe von Paradise Lost, die erst 2008 erschien, witzigerweise allerdings elf Tage vor dem Releasedatum der Scheibe von My Silent Wake mitgeschnitten wurde) – und die Lücke ist groß, denn die Jungs sind in der Zwischenzeit doch ziemlich fleißig gewesen, wie ein Blick in die Diskographie zeigt: Bei Lost In Memories, Lost In Grief handelt es sich bereits um Album Numero 12.
Ob sich der latente Stilwandel im Laufe der letzten zehn Alben schrittweise ergeben hat oder das neue Werk einen diesbezüglichen Quantensprung darstellt, kann ohne Kenntnis des Zwischenmaterials natürlich nicht entschieden werden. Vom damaligen Mix aus Doom, Death, Epic und Folk Metal, der wie eine konsequente Weiterentwicklung der alten Formation von My-Silent-Wake-Bandkopf Ian Arkley, den legendären Seventh Angel, klang, ist der Death Metal im Prinzip nahezu komplett verschwunden und nur noch in Arkleys Gesang übriggeblieben. Der Folkanteil wurde gleichfalls reduziert, während der Epic-Metal-Faktor zumindest in der Grundherangehensweise erhalten blieb und auch so manches der Gitarrensoli, etwa gleich das im Opener „The Liar And The Fool“, durchaus ins Beuteschema so mancher Epic-Metal-Combo gepaßt hätte. Der Doom-Anteil wiederum hat eine Ausweitung in Richtung Gothic Metal erfahren, und der einleitende Verweis auf Paradise Lost stellt keinen Zufall dar: Das Intro von „Wolf“ bis zum Orgeleinsatz hätte auch Greg Mackintosh zu Icon-, oder Draconian Times-Zeiten einfallen können, und auch Arkleys Grunzgesang liegt streckenweise nicht weit von Nick Holmes entfernt, also jedenfalls in den älteren Zeiten, als der sowas noch einsetzte – es tritt aber noch ein weiterer Einfluß hinzu, den der Rezensent noch nicht an einem speziellen Namen festmachen kann. Und diese Stimmfärbung erfährt auf dem Album noch mehrfache Bereicherung. Zum einen verlegt sich Arkley gelegentlich auf eine Version, die im Booklet mit „semi spoken-word vox“ umschrieben wird, und zum anderen steuert Simon Bibby nicht nur Klänge aus der Yamaha Reface VC Organ bei, sondern gelegentlich Flüstervocals sowie eine halbhohe Cleanstimme, die nun wieder Kompatibilitäten zum Epic Metal aufweist, und manche Melodielinien, etwa in „Lavender Garden“, atmen auch einen leichten Folktouch.
So haben wir eine große, aber keineswegs beliebig wirkende, sondern stets paßgenau eingesetzte Stimmvielfalt in den acht Songs des neuen Albums, und der entspricht die Tempovielfalt, die Alleinkomponist Arkley seinem Drummer Gareth Arlett vorgegeben hat, in durchaus adäquater Weise. Doom darf hier keineswegs mit dauerhafter Schleichgeschwindigkeit gleichgesetzt werden: „When You Look Back“, das sozusagen an der Grenze von Doom zu schleppendem Power Metal lagert, und der richtig schleichende Siebenminüter „No Time“ (herrlich selbstironischer Titel für eine Band der doomigeren Gefilde) markieren sozusagen die Untergrenze, während der Drummer ansonsten auch gern mal treibend nach vorne marschieren darf, im Intro von „Another Light“ gar in flottem doublebassunterstütztem Galopp, und die Nummer geht generell ziemlich nach vorn und endet völlig doomuntypisch daher schon bei 2:47 Minuten, ohne dass man etwas als fehlend deklarieren müßte – auch frenetische Gitarrenleads bleiben nicht aus. Aber die erwähnten Paradise Lost hatten ja auf Alben wie eben Icon durchaus auch flottere Nummern am Start, also widerspricht dieser Teil des Tempoaspekts der Einordnung in den Gothic Metal durchaus nicht, zumal gleich danach „The Last Lullaby“ kommt, mit fast neun Minuten nicht nur der längste Song der Scheibe, sondern auch wieder in deutlich zurückhaltenderen Gefilden, wenngleich Arlett hier durchaus ähnlich viele schnelle Fills spielt wie im Song zuvor und nach langer Vorbereitung nach Minute 3 durchaus zügiges Midtempo zum Vorschein kommt, garniert sogar mit ein paar flotteren Stakkati, ehe wiederum in breite epische Gefilde umgeschaltet wird. dass sich im Riffing und im Gitarrensound einige Parallelen zu „Banditi Di Praga“ auftun, dürfte Zufall sein – der Bekanntheitsgrad von Kabát ist zwar in ihrer tschechischen Heimat riesig, aber in Brexitanien, wo My Silent Wake siedeln, wird er sich in sehr überschaubaren Grenzen halten, so dass man hier wohl nicht von einem bewußten Stilzitat ausgehen sollte. Analoges trifft vielleicht auf eine andere Band nicht zu: Beim Hören des Albums denkt man nicht selten an die legendären Dresdner Exaudi. Die könnte Arkley aus den Zeiten, als die christlich inspirierte Metalwelt noch ein bißchen abgesondert vor sich hin werkelte, tatsächlich noch kennen, auch wenn das nun kein Einfluß wäre, mit dem man sonderlich viele Blumentöpfe gewinnen könnte – künstlerisch natürlich schon, aber pekuniär keineswegs, bewegen wir uns doch hier im ziemlich tiefen Untergrund. Wenn man eine größere Band anführen will, sind das neben den mehrfach erwähnten Paradise Lost vielleicht am ehesten noch Amorphis in einer Übergangsphase von Tales From The Thousand Lakes zu Elegy, auch wenn dieser Vergleich schon deutlich stärker an den Haaren herbeigezogen werden muß.
Trotzdem bleibt festzuhalten: Wer Doom bzw. Gothic Metal nicht ausschließlich mit Geschwindigkeitsunterschreitung gleichsetzt und statt dessen Einfallsreichtum und den erwähnten Epic-Metal-Touch mag, für den stellt Lost In Memories, Lost In Grief ein gefundenes Fressen dar, und wer Arkleys Stil schon von Seventh Angel her mochte und kein Problem damit hat, dass es hier keinen Thrash mehr gibt, der darf auch mindestens ein Ohr riskieren.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | The Liar And The Fool | 7:21 |
| 2 | Wolf | 3:48 |
| 3 | Lavender Garden | 6:01 |
| 4 | When You Look Back | 4:14 |
| 5 | Another Light | 2:47 |
| 6 | The Last Lullaby | 8:39 |
| 7 | No Time | 6:55 |
| 8 | The Judges | 3:54 |
Besetzung
Simon Bibby (Voc, Keys)
Addam Westlake (B)
Gareth Arlett (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

