Reviews
Torn Arteries
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Info
Musikrichtung:
Death Metal
VÖ: 17.09.2021 (Nuclear Blast) Gesamtspielzeit: 49:05 Internet: http://www.nuclearblast.de |

In den Endachtzigern gehörten Carcass zu den extremsten Metalbands des Planeten, verloren aber bald die Motivation, immer wieder extrem sein zu wollen, zumindest auf musikalischer Ebene. Ergo fuhren sie auf Alben wie Heartwork den Aggressionsfaktor zugunsten strukturierterer Songs zurück, empfanden sich aber auch damit bald in einer Sackgasse und lösten sich schließlich auf. Ihre Pionierrolle wurde von jüngeren Bands vorwiegend in bezug auf ihre Erstwerke gewürdigt, und erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass Heartwork auch als eines der wegbereitenden Alben für den melodischen Death Metal angesehen werden konnte. Dass mit Michael Amott ein Mann zeitweise bei Carcass Gitarre spielte, der später mit Arch Enemy eine der heutzutage erfolgreichsten Melo-Death-Formationen gründen sollte, paßt diesbezüglich bestens ins Bild.
Nach langer Pause hatten Carcass Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends wieder ihre Aktivitäten aufgenommen, ein allgemein gefeiertes Comeback-Werk namens Surgical Steel veröffentlicht und dann 2018/19 ein Album namens Torn Arteries aufgenommen, das allerdings erst zwei Jahre nach Beendigung der Aufnahmen erschien. Live agierte die Band zu dieser Zeit mit Gastgitarrist Tom Draper als Quartett, zur festen Besetzung gehörte aber nur das mit Gitarrist Bill Steer und Bassist/Sänger Jeff Walker noch zwei Urmitglieder zählende Trio, das durch Drummer Dan Wilding ergänzt wird. Dieses neue Trio läßt im blitzschnellen, aber wendungsreichen Opener und Titeltrack noch verschiedene Möglichkeiten offen, in welche Richtung es sich grundsätzlich orientieren will, aber schon das nachfolgende „Dance Of Ixtab“ nimmt so nachhaltig das Tempo heraus, dass klar wird, dass wir es nicht mit einer „Back to the roots“-Scheibe zu tun haben – der Verdacht, dass das nicht das Ziel gewesen sein kann, war auch schon anhand der sehr melodieorientierten Gitarrenarbeit im Titeltrack aufgekommen. Die folgenden Songs kombinieren kurz vorm Doom stehende feiste Passagen mit gelegentlichen Tempoattacken bis zum Blastspeed, so dass man immer wieder auf ungewohnte Wendungen gefaßt sein muß, die dem Hörer einiges an Erschließungsarbeit abfordern, aber wiederum weniger als so manche Prog-Death-Combo der heutigen Zeit oder gar die diversen Mathcoreler. Will heißen: Carcass reihen nicht einfach Idee an Idee, sondern entwickeln die Gedanken weiter, setzen sie zueinander in Beziehung und kommen innerhalb eines Songs gern wieder auf die Ursprungsmotivik zurück. Wenn’s darauf ankommt, spielt Wilding auch mal mehr als eine Minute einen Rhythmus durch, etwa in „The Devil Rides Out“, das sich strukturell klar am klassischen Metal orientiert, der sich auch sonst in der Instrumentalarbeit immer wieder Bahn bricht, so erst direkt davor im großen Heldensolo von „Under The Scalpel Blade“. Natürlich arbeiten Carcass die klassischen Vorbilder nicht einfach nach – so mündet „The Devil Rides Out“ in einen rhythmisch recht ungewöhnlichen Mittelteil und schafft es im Vorschlussteil, einzelne stehende Töne der Leadgitarre so über einem Blastspeedhintergrund zu platzieren, dass man erstmal mit dem Kopf schüttelt, aber dann doch begreift, was hier los ist. Akustikintros wie in „Flesh Ripping Sonic Torment Limited“ sind auch nicht grade das, was man von den Briten gewohnt war – und fast zehnminütige Songs wie ebenjener auch nicht. Hier schaltet das Trio im Mittelteil dann tatsächlich auf Halbballade zurück, während ringsum eleganter Midtempo-Death Metal lagert, der im Schlußteil sogar noch durch ein paar Keyboardeffekte wirkungstechnisch aufgepeppt wird. Wer konkret für diese verantwortlich zeichnet, müssen Kenner ergründen: Das Booklet nennt Per Wiberg für „Organ & Piano“, aber auch Fredrik Klingwall für „Additional keyboards“. Jedenfalls mündet der Zehnminüter im Doom und erinnert phasenweise an ähnliche Asphyx-Tage – „Kelly’s Meat Emporium“ macht aber gleich danach klar, dass orientalische Gitarrenleads auch über sehr temporeichem Unterbau funktionieren. Zumindest müßten wir uns theoretisch in diesem Song befinden – die Identifikation vieler Stücke ist alles andere als sicher. In „Flesh Ripping Sonic Torment Limited“ wird der Songtitel mal geshoutet, das sollte also stimmen, aber in „Kelly’s Meat Emporium“ kommt mal die Zeile „In God we trust“ vor, und das ist eigentlich aber erst der Folgesong, in dem es diese Zeile freilich nochmal gibt. Der Infokasten hier folgt der Zuordnung, wie sie die Encyclopedia Metallum zum Reviewzeitpunkt vornimmt, und dieser entsprechen auch die Nennungen im Text. Die Lyrics im Booklet erweisen sich als wenig hilfreich, denn zum einen tragen sie keine Songtitel als Überschriften, und zum anderen läßt sich praktisch nichts von den dort abgedruckten Texten heraushören, während andererseits etwa der geshoutete Refrain von „Flesh Ripping Sonic Torment Limited“ nirgendwo an passender Stelle im Booklet vorkommt. Das Artwork ist allerdings sowieso ungewöhnlich: Zum einen steht der Bandname nicht auf dem Cover und der Albumtitel auch nicht, und selbst wenn man die CD umdreht, muß man noch so weit mitdenken, dass in der Tracklist die beiden rot hervorgehobenen Stellen den Albumtitel und den Bandnamen zeigen – letzterer ist in „Wake Up And Smell The Carcass“ enthalten, wobei das auch mal der Titel einer Best Of aus den Neunzigern war, aber damals kein entsprechender Song dazu existierte. Der Song hier läßt sich anhand der Titelzeile jedenfalls auch akustisch identifizieren und geht dann in einen langen doomigen Part über, der mit „Caveat Emptor“ einen eigenen Titel bekommen zu haben scheint, ehe wir wieder im Midtempo-Death Metal landen. Ein bißchen schade ist’s schon, dass man hier aussagetechnisch hängengelassen wird: Zum einen verraten Titel wie „Eleanor Rigor Mortis“ oder der Untertitel „Psychopomp & Circumstance March No. 1 in B“, den „Dance Of Ixtab“ trägt, durchaus Humor, und zum anderen verändert sich auf jeder Bookletseite das aus Gemüse zusammengebaute Herz des Frontcovers, zunächst einem normalen Alterungsprozess folgend, dann aber zu Schweinsköpfen mutierend. Schon die alten Carcass-Gore-Lyrics wurden als Statements militanter Vegetarier interpretiert, und hier könnte ein ähnliches Konzept dahinterstecken, das sich aber ohne weitere Hilfestellung nicht erschließen läßt.
Zum Glück genügt auch die reine Musik, um eine intensive Beschäftigung lohnend zu machen, wenn man urwüchsigen und doch eleganten melodieorientierten Death Metal mag und auf Zutaten wie Cleanvocals verzichten kann – es gibt Walkers markantes Keifen bzw. Shouten und von den beiden anderen zusätzliche extreme Vocals, z.B. gelegentliches tiefes deathmetallisches Gebrüll. So haben wir also 49 Minuten interessanter Musik, die nicht jeden Altfan zufriedenstellen wird (das geht aufgrund des eingangs beschriebenen historischen Stilwandels auch gar nicht), aber durchaus eine gewisse Fan-Schnittmenge ansprechen könnte und Carcass spätestens jetzt (Surgical Steel besitzt der Rezensent bisher nicht und kann daher nicht aus eigener Hörerfahrung einschätzen, ob die Lobeshymnen schon damals gerechtfertigt waren) wieder als ernstzunehmende Größe auf der metallischen Landkarte plaziert.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Torn Arteries | 4:00 |
| 2 | Dance Of Ixtab (Psychopomp & Circumstance March No. 1 in B) | 4:29 |
| 3 | Eleanor Rigor Mortis | 4:14 |
| 4 | Under The Scalpel Blade | 3:56 |
| 5 | The Devil Rides Out | 5:22 |
| 6 | Flesh Ripping Sonic Torment Limited | 9:42 |
| 7 | Kelly’s Meat Emporium | 3:24 |
| 8 | In God We Trust | 3:57 |
| 9 | Wake Up And Smell The Carcass / Caveat Emptor | 4:36 |
| 10 | The Scythe’s Remorseless Swing | 5:20 |
Besetzung
Jeff Walker (Voc, B)
Dan Wilding (Voc, Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

