Reviews
Live At Madison Square Garden (2010)
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Info
Musikrichtung:
Prog Metal
VÖ: 20.01.2023 (InsideOut / Sony) Gesamtspielzeit: 49:51 Internet: http://www.insideoutmusic.com lostnotforgottenarchives.dreamtheater.net |

Als Supportact spielten und spielen Dream Theater im aktuellen Jahrtausend nur noch sehr selten, aber wenn man schon mal die Chance bekommt, eine Handvoll Shows für Iron Maiden zu eröffnen, greift man natürlich zu, zumal die Harris-Gang zu den erklärten Favoriten von Petrucci, Portnoy & Co. zählt, was seinen sichtbarsten Ausdruck darin fand, dass The Number Of The Beast zu den Alben zählte, die Dream Theater in den Nullerjahren als Ganzes live coverten. Als angenehmer Nebeneffekt spielten die Ostküstler im Rahmen dieser Tour am 12.7.2010 in New York im Madison Square Garden, also nicht nur „zu Hause“, sondern auch noch sozusagen im ersten Haus am Platze, das selbst sie trotz ihres Status noch nicht als Headliner zu füllen imstande wären, und bis zum Reviewzeitpunkt ist es auch ihr einziger Auftritt dort geblieben.
Natürlich wurde auch dieser Gig akustisch festgehalten, und er bildet sozusagen einen äußerst logischen Bestandteil der Lost Not Forgotten Archives-Serie, die, wenn es um Livematerial geht, oft auf die Konservierung spezieller Programme oder Auftritte setzt, und das hier ist ja wie geschildert ein solcher. Sonderlich speziell fällt das Programm hingegen nicht aus, aber auch das war nicht anders zu erwarten: Bei einer solchen Gelegenheit gräbt man keine verborgenen Perlen für Spezialisten-Fans aus, sondern fährt entweder ein Greatest-Hits-Programm auf oder streut noch ein paar Songs vom aktuellen Album ein, wenn es denn eins gibt, für das die Werbetrommel zu rühren ist. Bei Dream Theater kommt erschwerend hinzu, dass ihre Songs ja zum überwiegenden Teil nicht gerade kurz sind und man in einem zeitlich knapp bemessenen Supportprogramm gar nicht so sehr viele von ihnen unterkriegt. Das versucht Setlisten-Chefdenker Mike Portnoy, der hier noch mit an Bord ist, auch gar nicht erst, sondern beschränkt sich auf sechs Songs in 50 Minuten. Dass mit „As I Am“ eröffnet wird, verwundert auch nicht, denn die zum besagten Zeitpunkt sieben Jahre alte Nummer erfreut sich auch über die engeren Bandfankreise hinaus einer relativ großen Popularität und stellt sozusagen einen geeigneten Einstieg dar, den im weiten Rund durchaus nicht nur die eigenen Die-Hard-Anhänger gekannt haben dürften. Die Band freut sich offenkundig den sprichwörtlichen Ast, ein „Heimspiel“ zu haben – bereits James LaBries einleitender „New York!“-Ausruf geht bei ihm schon als purer Enthusiasmusausbruch durch, und Portnoy brüllt einerseits hier mitten im Song „Madison Square Fucking Garden!“ ins Rund, sondern schiebt nach „A Rite Of Passage“, (das letztlich der einzige Beitrag vom weiland aktuellen Black Clouds & Silver Linings-Album bleibt) auch noch ein herzliches „New York City, it’s great to be home!“ nach. Dass er wohl noch ein bißchen mehr unter Adrenalin steht als sonst, läßt der Fakt erahnen, dass unter dem Refrain dieses Songs vielleicht der eine oder andere Wirbel oder Schlenker durch Weglassen die Wirkung verstärkt hätte. John Petrucci oder Jordan Rudess steuern hier umfangreiche Sitar-Passagen bei, und weil sie das technisch entsprechend vorbereitet haben, kommt danach gleich noch „Act II, Scene Six: Home“ aus dem zweiten Metropolis-Teil, in dem dieses Instrument bzw. dieser Sound gleichfalls weitreichenden Einsatz erfährt. Die Solostruktur im zweitgenannten Song legt nahe, dass es Rudess ist, der entweder dieses Instrument live spielt oder den entsprechenden Sound aus einem seiner vielen Keyboards holt – konkret zu beweisen ist es nicht, und die wenigen und zudem briefmarkengroßen Fotos im Inneren des bookletlosen Digipacks tragen auch nicht zur Lösung dieses Rätsels bei. Dass diese beiden Songs zu denen zählen, die einen hochgradig merkfähigen Refrain besitzen, dürfte für ihre Auswahl in diesem Programm sicherlich eine nicht geringe Rolle gespielt haben – und austoben dürfen sich die Instrumentalisten zwischendurch auch mal, inclusive Unisonogefrickel und anschließendem kurzem Drumsolo um Minute 10 des zweitgenannten Songs herum. Mit „Constant Motion“ folgt eine der härteren Nummern des Systematic Chaos-Albums, auch wieder eine mit einem eingängigen Refrain und dazu mit ein paar Metallica-Anklängen, mit denen man natürlich auch wenig falsch macht, selbst wenn Dream Theater in „As I Am“ noch darauf verzichtet hatten, „Enter Sandman“ einzujammen, was sie sonst gelegentlich taten. In „Constant Motion“ ist nicht nur der Refrain dialogisch strukturiert, sondern auch in der zweiten Strophe brüllt jemand an der Grenze zur Übermotiviertheit von hinten was rein, und dank des sehr ausgewogenen Sounds – einer der besten in der Serie, wenn man von einem der Running Gags absieht, nämlich dass John Myungs Baß gern noch ein wenig weiter in den Vordergrund hätte gestellt werden dürfen, nicht nur im coolen Slapteil im Solo von „Constant Motion“ – kann man diese ganzen Sachen auch deutlich wahrnehmen. Die eingesampelten Polizeisirenen vor der Rückkehr des Refrains nutzt LaBrie abermals zu einem „Come on, New York!“-Anfeuerungsruf, und generell zeigt sich der Vokalist in starker Form, was keineswegs selbstverständlich ist. Mit „Panic Attack“ wird auch das Octavarium-Album bedacht, und abermals ist’s ein zwar komplexer und relativ harter, aber auch mit einem merkfähigen Chorus ausgestatteter Song, dazu noch einer, in dem sich im Solo Petrucci und Rudess zunächst gegenseitig die flitzefingerigen Passagen gegenseitig um die Ohren hauen, bevor sie sich zu einem herrlichen doppelstimmigen Miteinander finden, das trotz der anderen Instrumentierung sicherlich auch das Wohlwollen vieler Iron-Maiden-Fans gefunden haben dürfte. Und dass Dream Theater vor einem Publikum, das sie vielleicht 18 Jahre zuvor erst- und bis dato auch letztmalig wahrgenommen hatte, als Setcloser ebenjenen Song auspacken, mit dem sie damals anno 1992 einen völlig überraschenden Hit landeten, versteht sich irgendwie auch von selbst – Portnoy ist intelligent genug, um zu wissen, wo er die Leute abholen kann, und da „Pull Me Under“ ja auch keine krampfhaft auf Erfolg getrimmte Nummer war, sondern ein ganz im bandtypischen melodieorientierten Prog-Metal-Stil gehaltener Song ist, paßt sie jederzeit in jeden beliebigen Set der Band. Wie die New Yorker darauf reagieren, kann man anhand der Audio-Konserve allerdings nicht exakt feststellen – das Publikum ist zu hintergründig abgemischt. Da Portnoy allerdings „Beautiful!“ reinbrüllt, scheint das Mitsingen zu funktionieren, und in einem atmosphärischen Break hört man eine offenkundig große Menschenmenge auch tatsächlich jubeln. Ein bißchen mehr Livefeeling hätte es also auch noch sein dürfen, aber das stellt Jammern auf hohem Niveau dar: Live At Madison Square Garden macht definitiv Hörspaß, und die finale Ansage (ist das Portnoy oder Petrucci?) mit der Aussage, dass 25 Jahre zuvor drei Teenager aus Long Island diese Band gegründet und von genau diesem Abend geträumt haben, rundet das Bild eines Herzensprojektes ab.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | As I Am | 7:29 |
| 2 | A Rite Of Passage | 8:30 |
| 3 | Act II, Scene Six: Home | 11:14 |
| 4 | Constant Motion | 6:49 |
| 5 | Panic Attack | 7:10 |
| 6 | Pull Me Under | 8:33 |
Besetzung
John Petrucci (Git)
Jordan Rudess (Keys)
John Myung (B)
Mike Portnoy (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

