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Lost Archives
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Info
Musikrichtung:
Metal
VÖ: 10.11.2023 (Cult Metal Classics) Gesamtspielzeit: 65:59 Internet: http://www.SonicAgeRecords.com |

Mitunter ergibt sich aus einem erfolgreich realisierten Veröffentlichungsprojekt gleich ein neues – hier findet sich ein perfektes Beispiel für eine solche Struktur. Nachdem Cult Metal Classics das in den Frühneunzigern entstandene Taken By Storm-Album von Talizman wiederveröffentlicht hatten, konnte im Booklet jeder lesen, dass Sänger Doug Tobin und Gitarrist Jeff Baker vorher bei Maximum Force gespielt hatten, und dann stand da noch dieser Satz: „We recorded enough songs for an album, but had no idea how to shop it.“ Da wird man natürlich hellhörig, sowohl als Anhänger, dem das Talizman-Material gut gefallen hatte, als auch als Labelmitarbeiter, der tagaus, tagein auf der Suche nach neuen lohnenden Ausgrabungsobjekten ist. Jeff Baker war allerdings bereits verstorben, und Doug Tobin besaß die Maximum-Force-Aufnahmen nicht – bis er sie von Stuart Cabler bekam, der sie über die Jahrzehnte hinweg aufbewahrt hatte. So konnte also auch hier ein Aufarbeitungsprozeß beginnen, an dessen Ende nun ein Album namens Lost Archives mit 13 Songs und 66 Minuten Spielzeit steht.
Dass Tobin und Baker schon in den Achtzigern äußerst fähige Musiker waren, steht schon nach einem flüchtigen Höreindruck fest. Und rein stilistisch liegen Maximum Force und Talizman auch gar nicht so weit auseinander – beide spielen typischen US-Metal mit gewisser progressiver Schlagseite. Es gibt allerdings einen markanten Unterschied: Bei Maximum Force war Baker der einzige Gitarrist, was dazu führt, dass Bassist Tim Luna eine strukturell viel auffälligere Rolle einnimmt. Zunächst hat Baker die Songs schon entsprechend auf nur eine Gitarre angelegt, wodurch Lunas Baßspiel bereits außerhalb der Soli stärker in den Vordergrund tritt – und in den Soli verstärkt sich das Phänomen dann naturgemäß nochmals, weil ja keiner da ist, der eine Rhythmusgitarre spielt. Die Aufnahmen bilden scheinbar einen Zustand ab, wie man sich ihn auch bei einem Konzert von Maximum Force vorstellen könnte – offenkundig overdubbte Linien macht man eher selten aus, wenngleich es sie natürlich gibt, wie beispielsweise im halbakustischen Finale von „They Say I’m Crazy“, wenn Luna eine warme Baßlinie spielt, Baker zunächst die Akustische dazugibt, dann aber noch eine flackernde Linie auf der Elektrischen darüberlegt. Die Möglichkeiten der Studiotechnik wußten Maximum Force also selbstredend zu nutzen, auch wenn sie die Basics tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes basisch hielten.
Ein wenig in die Irre führen könnte der Bandname. In den Mittachtzigern, in denen wir uns hier bewegen, wurde gerade der Death Metal geboren, und Bands wie Slayer agierten an der damaligen oberen Härtegrenze. Hinter Maximum Force hätte man also auch eine solche Band vermuten können, die sich an die Spitze der Härter-und-schneller-Bewegung setzen wollte. Solche Absichten hegte das Quartett allerdings offenkundig nicht: Ihr traditioneller US-Metal entbehrt zwar einer grundsätzlichen Kernigkeit nicht, aber das Aggressionspotential hält sich in überschaubaren Grenzen – statt dessen agiert Baker in der Soloarbeit bisweilen klassisch beeinflußt, wie man in „I Can’t Take It“ beispielhaft hören kann, wobei es durchaus möglich erscheint, dass der Klassikeinfluß über den Umweg Randy Rhoads zustandegekommen ist, an den gerade dieser Solospot ebenfalls erinnert. Außerdem können die Musiker das Wort „Melodie“ fehlerfrei buchstabieren, und wenn man dann noch einen Könner wie Tobin am Mikrofon stehen hat, der Melodien auch zu halten imstande ist, wäre es natürlich Unsinn, diese Fähigkeiten nicht zu nutzen. Also spicken Maximum Force ihr Material mit nachvollziehbaren, wenngleich nicht unbedingt eingängigen Melodien, wobei schwierig einzuschätzen ist, ob sie in einer „richtigen“ Aufnahme beispielsweise die Refrains mit Backingvokalstrukturen noch einprägsamer gestaltet hätten. Aber so eine gewisse Herausforderung beim Erschließen des Materials ist der Freund klassischen US-Metals ja gewöhnt, und er stößt hier zudem auf die angenehme Lage, dass die Komponisten die Melodielinien tatsächlich gut auf den Unterbau abgestimmt haben – aus dem Genre ist man ja auch gewöhnt, dass der Gesang wie zusammenhanglos über dem Unterbau schwebt. Wie viele Gattungsgenossen finden auch Maximum Force einen weiteren Ankerpunkt ihres Schaffens im Werk von Iron Maiden, natürlich mit dem markanten Unterschied der Ausrichtung auf nur einen Gitarristen. Dafür gelingt es aber Tobin, bedarfsweise die Stimmlage von Bruce Dickinson zu imitieren, wie man in „Keep Running“ schön hören kann. Dieser Song endet dann allerdings mit einem extremen Exzelsior, das die Fähigkeiten des Vokalisten eindrucksvoll unter Beweis stellt. Trotzdem bleibt Tobin nicht omnipräsent: Mit „604“ gibt es auch ein Instrumentalstück unter den 13 Songs. Dass Luna hier am Baß Dinge vorwegnimmt, die das Nuclear Power Trio erst weit im 21. Jahrhundert ähnlich gestaltet hat (und Billy Sheehan dazwischen auch schon mal), spricht für die Zeitlosigkeit des Maximum-Force-Materials.
Zeitlos ist das Material allerdings noch in einem anderen Kontext, und hier ist der Begriff nicht positiv gemeint. Das Booklet enthält nämlich alle Texte, viele Fotos und Liner Notes sowie Dankeslisten von allen drei noch lebenden Bandmitgliedern – aber alle drei äußern sich nur dazu, wie sie zur Musik und letztlich zueinander gefunden haben. Zur eigentlichen Bandgeschichte mit Maximum Force verliert keiner auch nur ein Wort – Tobin spricht lediglich im Talizman-Booklet davon, dass Maximum Force vier Jahre lang existiert hätten. Wann und wo aber nun die Aufnahmen getätigt worden sind, das bleibt im Dunkeln. Fest stehen dürfte, dass nicht alle 13 Songs der gleichen Quelle entstammen – dafür ist das Soundgewand beispielsweise von „I Can’t Take It“ und dem direkt folgenden „Tear Along The Dotted Line“ zu unterschiedlich, und gerade bei letzterem liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Aufnahme in einer Livesituation, vielleicht auch live im Proberaum o.ä., gehandelt hat. Die Encyclopedia Metallum gibt ein unbetiteltes Drei-Track-Demo aus dem Jahr 1987 an, dessen drei Songs sich auf der CD unter den ersten fünf befinden, wenngleich nicht in der Demo-Reihenfolge, und „I Can’t Take It“ ist auf der CD außerdem 20 Sekunden kürzer als die Demofassung, wobei die CD-Fassung hinten allerdings ausgeblendet wird – möglicherweise mußte das Ende aus technischen Gründen weggeschnitten werden. Ansonsten läßt sich nicht ermitteln, wie viele Sessions hier vereint wurden und welche Songs in welcher Reihenfolge auf dem geplanten Album tatsächlich gestanden hätten – alle 13 werden es sicher nicht gewesen sein, denn aus 66 Minuten hätte man damals wie heute ein Doppelalbum machen müssen, und als Newcomer mit einem Doppelalbum zu debütieren, das Risiko hätte damals wohl kein Label gewagt: Maximum Force sind schließlich nicht Metallica. Allerdings muß auch der heutige Vinylkäufer in den sauren Apfel beißen, dass Lost Archives als Einfach-LP nur die ersten zehn Songs aufweist und es „Valley Of Darkness“, „It’s All Behind Me Now“ und das als einziger Song von Tobin im Alleingang geschriebene „Where We Stand“ nur auf CD oder in der Downloadvariante gibt. Aber wenn, wie heute ja nicht selten der Fall, der LP ein Downloadcode beigegeben wurde, kann man sich die drei Songs ja zumindest auf den Rechner holen – und das lohnt sich, denn stilistisch wie qualitativ sind sie den anderen zehn ebenbürtig. Einen Anspieltip hervorzuheben ist aufgrund des gleichmäßig hohen Levels kaum möglich, und auf gelegentliche Rhythmus- wie Stimmungswechsel innerhalb der Songs muß man überall gefaßt sein, wobei das hier immer songdienlich passiert und nicht zum Selbstzweck ausartet. „Tear Along The Dotted Line“ kann als schönes Beispiel dienen, wie zwei Grundideen zu einem sinnvoll strukturierten Song zusammengefügt werden. Sonderlich eingängig ist das Material wie bereits bemerkt nicht, aber Maximum Force wußten offenkundig, was sie taten, jedenfalls musikalisch. Dass sie vom Business verschmäht wurden, dürfte auch regionale Gründe gehabt haben – sie siedelten in Texas, während die größeren metallischen Labels der Achtziger an der Ost- oder der Westküste der USA beheimatet waren. Das dürfte einer der Faktoren sein, weswegen Baker später an die Westküste zog und Tobin, der sowieso aus Kalifornien stammte, ihm noch etwas später folgte, um mit ihm bei Talizman erneut zusammenzuarbeiten. Dass die es dann nicht schafften, größer herauszukommen, dürfte wesentlich an der mittlerweile stark veränderten metallischen Szenestruktur gelegen haben, womit sich ein weiterer Kreis schließt.
Jedenfalls erweist sich Lost Archives als weitere lohnende Ausgrabung für den Anhänger klassischen US-Metals. Die Originalbänder waren offenbar nicht in optimalem Zustand, so dass zwei, drei Stellen ein wenig merkwürdig klingen, aber die Restaurierungsfraktion hat insgesamt einen guten Job gemacht: Man hört, was man hören soll, und gerade Lunas markante Baßarbeit hat die Beachtung der Restauratoren gefunden, die sie verdient.
Bleibt nun noch die Frage, ob auch die Nemesis-EPs, die Tobin im Talizman-Booklet erwähnt, wieder ans Tageslicht geholt werden (das war seine Band nach Maximum Force, bei der Baker nicht als Musiker, wohl aber als Mixer und Co-Produzent aktiv war). Im Maximum-Force-Booklet finden sich zwar auch diverse Nennungen anderer historischer Bands der Mitglieder, aber Spuren auf eventuelle weitere archäologische Entdeckungen werden dort nicht gelegt.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Prepare For The Kill | 3:20 |
| 2 | Dark City | 4:30 |
| 3 | They Say I’m Crazy | 7:35 |
| 4 | Keep Running | 6:23 |
| 5 | I Can’t Take It | 5:13 |
| 6 | Tear Along The Dotted Line | 6:46 |
| 7 | Friendly Fire | 4:16 |
| 8 | 604 | 3:14 |
| 9 | Never See Her Cry | 4:05 |
| 10 | Top Of The World | 4:12 |
| 11 | Valley Of Darkness | 5:07 |
| 12 | It’s All Behind Me Now | 4:36 |
| 13 | Where We Stand | 6:08 |
Besetzung
Jeff Baker (Git)
Tim Luna (B)
Joey Capizola Jr. (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

