Reviews
Crimson & Jet Black
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Info
Musikrichtung:
Metal
VÖ: 21.04.2023 (Reaper Entertainment) Gesamtspielzeit: 52:43 Internet: http://www.heavymetalanthem.com |

Hatte Nucleus anno 2019 erfolgreich die Aufmerksamkeit der europäischen Headbanger neu auf Anthem gelenkt, so bremste die Pandemie die Band wie quasi alle anderen erst einmal wieder etwas aus, und von der Tour zum 35jährigen Bandjubiläum konnten zumindest aus der ursprünglichen Terminplanung nur vereinzelte Gigs gespielt werden. Nicht stattgefunden oder aber von vornherein ein Phantasieprodukt dargestellt hat auch der Auftritt am 5. Juni 2021 an einem Ort, den die Eintrittskarte zu diesem Gig, die der auf dem Cover des neuen Albums Crimson & Jet Black zu betrachtende Weißkopfseeadler im Schnabel trägt, nicht verrät. Ausgewiesen wird der Preis für das Ticket aber in US-Dollar, und der besagte Vogel kommt bekanntlich in Nordamerika vor und nicht in der Bandheimat Japan – ergo haben Naoto Shibata und seine seit 2014 in unveränderter Besetzung agierenden Spießgesellen offenbar auch auf dem Nachbarkontinent (wieder) Fuß fassen können, was angesichts der großen Zahl der dort lebenden japanischstämmigen Auswanderer auch nicht weiter verwundern sollte. Oder planten sie diesen Coup erst mit besagtem Album?
Wie dem auch sei: Hatte Nucleus auf der „Haupt-CD“ des Doppeldeckers allerdings aus Neueinspielungen von Songs der Schaffensperiode ab der Neugründung anno 2000 (mit einem Ausflug gen 1992) bestanden (wenngleich diese, da die Originalwerke im wesentlichen nur in Japan erschienen waren, für die internationale Gemeinde trotzdem weitestgehend Neuland dargestellt haben dürften), so liegt nun mit Crimson & Jet Black elfmal brandneues Songmaterial vor. Und schon nach dem Opener „Snake Eyes“ staunt man die sprichwörtlichen Bauklötze: Chefdenker Shibata, der zehn der elf Songs im Alleingang verfaßt hat (lediglich das Instrumental „Void Ark“ stammt von Gitarrist Akio Shimizu), hat die 60 mittlerweile hinter sich gelassen, denkt aber gar nicht daran, etwa auf einen gemäßigten Altersstil umzuschwenken – im Gegenteil: Mit besagtem Opener hören wir knackigen, trotz aller Härte aber immer melodieorientiert bleibenden Speed Metal, und die beiden Nachfolger „Wheels Of Fire“ und „Howling Days“ senken das Tempo nur unwesentlich. Erst an Position 4 steht mit „Roaring Vortex“ eine schleppende, aber massive Nummer. Maßgeblichen Anteil an dem hohen Energietransport hat natürlich das saftige Drumming des letzten Neuzugangs Isamu Tamaru, der hörbar Spaß daran hat, die Vorgaben seines Chefs umzusetzen und die Songs, wo es darauf ankommt, mit einer Extraportion Spritzigkeit nach vorne zu treiben. Dass Shibata allerdings songwriterisch aus der alten Schule kommt, steht zu keiner Zeit in Frage, selbst wenn man in „Snake Eyes“ überrascht feststellt, dass das, was man für den Refrain gehalten hatte, nur die Bridge ist und sich in die speedige Umgebung auf einmal ein abgestoppter Refrain einschmuggelt – aber das paßt trotzdem prima und wirkt nicht wie Baukastenprinzip oder Beliebigkeit, wie man es heutzutage auch im Metal viel zu oft findet. In der Gesamtbetrachtung entsteht jedenfalls nach wie vor eine Art „Rainbow auf Power Metal“, wobei Keyboarder Yusuke Takahama weiterhin nur Gaststatus besitzt, in manchen Songs auch gar nicht zum Einsatz kommt und im Gros mit kleinen Verfeinerungen für Ausschmückung und Ziselierung sorgt, aber den Job der tragenden Songgerüste den anderen drei Instrumentalisten überläßt. Shimizu zeigt dabei, dass in ihm nicht nur ein mit allen Wassern gewaschener Metalgitarrist steckt, sondern dass er auch weiß, dass diese Musik ihre Ursprünge im Blues hat – und da Shibata das auch weiß, stattet er „Blood Brothers“ gleich mal mit einem klassischen Rock’n’Roll-Aufbau aus, den Tamaru allerdings mit ebensogroßer Freude in speedige Gefilde lenkt. Moderne Einsprengsel beschränken sich auf von Shimizu hier und da zur weiteren Ausschmückung eingeworfenes Gitarrengequietsch – für ein Beispiel, wie man das so dezent und doch wirkungsvoll einsetzt, dass es auch der konsequente Traditionsmetalhörer nicht für ein Sakrileg, sondern für eine Bereicherung hält, höre man „Master Of Disaster“. „Void Ark“, also das erwähnte Instrumental, spielt zudem mit Klassikeinflüssen, so dass zwischendurch mal kurz Malmsteen-Anklänge zutagetreten, wobei Shimizu allerdings nur halb so viele Noten spielt wie der Schwede und trotzdem die volle Wirkung erzielt, wozu auch ein refrainartiges und eingängiges Thema gehört, das man sich gut merken kann und das daher auch in praktischer Hinsicht den Zweck eines solchen Refrains erfüllt. Bis dahin hat man auch festgestellt, dass Sänger Yukio Morikawa seine gute, wenngleich keine Bäume mehr ausreißende Altersform, die er auf Nucleus demonstriert hatte, halten konnte – er geht nach wie vor etwas angerauht, aber trotzdem melodiehaltefähig und hauptsächlich in mittleren Tonlagen zu Werke, gleitet nur selten wie in „Faster“ etwas weiter in die Höhe und findet nach wie vor mindestens einen kompetenten Backingvokalisten an seiner Seite. Als Vergleich für die Leadvocals eignet sich auch diesmal eine etwas elegantere Version von Graham Bonnet – und wie auf den Neueinspielungen setzen Anthem auch auf Crimson & Jet Black konsequent auf die englische Sprache, nachdem sie in der Zeit nach der Wiedergründung zunächst nur in Japanisch getextet hatten.
In der Albumdynamik setzt „Void Ark“ einen kleinen Bruch – nicht in der Mitte, sondern eine Position nach hinten versetzt, teilt das Instrumental die Platte in einen großartigen vorderen und einen immer noch guten, aber nicht mehr so starken hinteren Teil, wobei das Instrumental selbst immer noch zum großartigen Teil gehört. „Faster“ stellt dann allerdings nicht den titelseitig erwarteten Speedie, sondern „nur“ eine solide Midtemponummer dar, was auch auf „Burn Down The Wall“ zutrifft. Strukturell auffälligster der vier hinteren Songs ist das schleppende „Mystic Echoes“, in dessen Soloteil Shibata und Shimizu sich vor „Gates Of Babylon“, einer der größten musikhistorischen Glanztaten des Man In Black, verneigen und der generell von allen elf Songs am nächsten an Rainbow liegt, allerdings auch an Axel Rudi Pell erinnert, da Morikawa hier ein paar stimmliche Parallelen zu Johnny Gioeli an den Tag legt. Aber da Pell ja bekanntlich auch zu den größten Blackmore-Verehrern dieses Planeten zählt, erscheint selbst diese Querverbindung nicht unlogisch. Wem nun noch ein Speedie fehlt, der bekommt einen solchen mit dem Closer „Danger Flight“ vorgesetzt, in dem man sich an die abgestoppten Strophen erst gewöhnen muß, der aber final nochmal Laune macht und nach der erwähnten kleinen „Ruhephase“ hinter dem Instrumental zusammen mit „Mystic Echoes“ dem Genius final freien Lauf läßt, wenngleich die Refrainstruktur hier ein wenig seltsam wirkt. Egal: Crimson & Jet Black ist in der Gesamtbetrachtung ein enorm starkes Album geworden, bei dem man sich scheut, den Terminus „Alterswerk“ zu verwenden – 99,9% aller anderen „alten“ Bands würden für so eine Scheibe ihre Großmütter, Tanten und Enkelinnen verkaufen, und auch oder gerade die jungen Bands wären stolz drauf, wenn ihnen so etwas gelänge.

Roland Ludwig
Trackliste
| 1 | Snake Eyes | 4:08 |
| 2 | Wheels Of Fire | 4:33 |
| 3 | Howling Days | 4:46 |
| 4 | Roaring Vortex | 5:58 |
| 5 | Blood Brothers | 4:26 |
| 6 | Master Of Disaster | 4:33 |
| 7 | Void Ark | 4:18 |
| 8 | Faster | 5:22 |
| 9 | Burn Down The Wall | 4:22 |
| 10 | Mystic Echoes | 5:56 |
| 11 | Danger Flight | 4:13 |
Besetzung
Akio Shimizu (Git)
Naoto Shibata (B)
Isamu Tamaru (Dr)
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

