Reviews
Visions Fugitives
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Info
Musikrichtung:
Jazz
VÖ: 28.03.2025 (Yew Records) Gesamtspielzeit: 57:41 Internet: https://www.facebook.com/constantinkrahmer/ https://yewrecordings.bandcamp.com/ https://uk-promotion.net/ |

Den 1986 geborenen Jazzmusiker Constantin Krahmer stellte ich 2024 im Trioformat mit der Veröffentlichung Care vor. Für sein neues Album Visions Fugitives hat er sich in der Besetzung zum Septett erweitert. Bislang hatte er meist Musik für kleinere Besetzungen geschrieben, vom Trio zum Quintett, aber, wie er es selbst formulierte, habe es ihn irgendwie schon länger gereizt, für eine mittelgroße Besetzung zu komponieren. Etwas, das noch kein "großes Ensemble“ oder eine kleinere Big Band sei, wo aber alle Musiker trotzdem großen Einfluss auf die Musik haben können, ohne dass es unübersichtlich werde.
Und so entschied er sich für das Septettformat, mit der Absicht, dass vier Bläser gemeinsam tolle Farben und Texturen erzeugen können, die Instrumentierung gleichzeitig jedoch überschaubar sei, man als Musiker den Überblick behalte und spontan reagieren könne. So stellte er sich vor, den Mitmusikern maximale Freiheit zu lassen und sich innerhalb seiner Kompositionen zu bedienen und momentanen Entscheidungen freien Lauf zu lassen.
Nach dem ersten Hördurchgang bereits kann ich dieses auch nachvollziehen, denn diese Musik ist entstanden zwischen kompositorisch geregelten Vorgaben und spontanen Entwicklungen, so geschieht oft etwas Unvorhersehbares. Gleich zu Beginn wird das deutlich mit dem Song "Vision Fugitive", ich vernehme verschoben wirkende Elemente, die Flöte greift die Stimmung zu einem Solo auf, im Duo mit dem Piano, bevor die Anderen wieder einsetzen. Ebenso, auf gewisse Weise ein wenig skurril, ist die "Golden Hour", es gibt kein vorgegebenes Thema, an dem man sich orientieren könnte, sehr frei fließt die Musik, läßt kurzzeitige Strukturen entstehen, die rasch wieder umgeworfen werden.
Für dieses recht ungewöhnliche Konzept stehen Constantin Krahmer sehr gute Musiker zur Seite, die jede/r für sich ausdrucksstark und individuell mitwirken bei der Gestaltung, hierbei fällt auf, dass sich eigentlich alle Songs miteinander zu verbinden scheinen. "Air" ist eines der besonderen Songs, die sich recht minimalistisch darstellen. Piano und Flöte im Dialog, dazu Posaune und ein wenig Schlagzeugtupfer. Das Septett als solches tritt also nicht immer auf, jedoch beim dahinschwebenden "Bright", das wie oft zu hören, unterbrochen wird von plötzlichen und unerwarteten Einwürfen Einzelner, und sei es auch nur einmal ganz kurz, so besonders zum Schluss von "Bright", wenn Gitarrist Burkert kurze Akzente setzt.
"Summer" - hier ist es Posaunist Lauer, der mich zu Beginn sofort an Albert Mangelsdorff denken läßt mit seinem Spiel, das Arrangement darüber hinaus trägt Spuren einiger Kompositionen von Carla Bley und Paul Haines, wie es mir bereits vorher mit "Somersault" auffiel. "Ayler's Song" - ein Zusammenhang mit Albert Ayler? Vielleicht, doch die Freiheit des Spiels einer der Wegbereiter des Free Jazz und die besondere Spiritualität Ayler's vermag ich zwar nicht zu erkennen, doch letztlich ist das Ensemblespiel recht frei in der Gestaltung, mit ständig wechselnder Stimmung, auch hier wieder ist Burkert ein wichtiger Bestandteil des Sounds.
Ein wenig muss man gelegentlich doch tatsächlich an Gunther Schuller denken, der einst den Begriff "Third Stream" prägte, eine Verwebung von Jazz und Elementen aus klassischer Musik. Ob es beabsichtigt war oder nicht, auffällig jedoch dieses hohe Maß an Abwechslung, an Unerwartetem, dennoch jedoch stets eine gewisse Art von Ruhe ausstrahlend, weil man sich rasch einstellen kann auf das Wechselhafte, vielleicht ein wenig wie sich menschliche Stimmungswechsel darstellen... Den meisten Spielraum hierzu bietet das mit 8:14 Minuten längste Stück, "Noise", hier steht das Kollektiv zwar meist im Vordergrund, doch stets gibt es zusätzliche Elemente, die wie aus dem Nichts zu kommen scheinen, die Aufmerksamkeit erhaschen, besonders fällt mir nicht nur hier Flötist Michael Heupel positiv auf. Und Sebastian Gille am Saxofon löst sich ebenfalls kraftvoll und stellt mit seinem Solo einen wichtigen Beitrag vor, seine kurz angedeuteten Ausflüge in die Freiheit bringen Spannung in die Stimmung. Und plötzlich scheint das Arrangement zu "hüpfen" und so ist das eine der vielen emotionalen Ausprägungen der Musik. Ja, diese Kompositionen sowohl die Umsetzung sind sehr ungewöhnlich, sehr unterhaltsam für Alle, die sich darauf einlassen können, weil - typischer Jazz ist das nicht unbedingt, weder in eine oder andere bestimmte Richtung, eine Fusion der besonderen Art halt!

Trackliste
2 Golden Hour (4:24)
3 Air (6:36)
4 Bright (5:16)
5 Somersault (4:56)
6 Summer (6:06)
7 Ayler's Song (6:22)
8 Gone (7:07)
9 Noise (8:14)
19 Sur Les Toits (4:35)
Besetzung
Michael Heupel (flutes)
Sebastian Gille (soprano-/ tenor saxophone, alto clarinet)
Johannes Lauer (trombone)
Constantin Krahmer ( piano/composition, synthesizer - #5)
Bertram Burkert (guitar)
Leif Berger (drums )
So bewerten wir:
| 00 bis 05 | Nicht empfehlenswert |
| 06 bis 10 | Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert |
| 11 bis 15 | (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert |
| 16 bis 18 | Sehr empfehlenswert |
| 19 bis 20 | Überflieger |

