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Reviews

Fiocco, J.-H. – Bach, C. Ph. E. – Benda, G. A. u. a. (Bernolet, K.)

En Suite


Info

Musikrichtung: Frühklassik / Cembalo

VÖ: 22.03.2024

(Ramée / Naxos / CD / DDD / 2023 / RAM 2304)

Gesamtspielzeit: 80:22

GÄRUNGSPROZESSE: DAS CEMBALO AN DER SCHWELLE ZUR FRÜHKLASSIK

Den Übergang von der Suite zur Sonate zeichnet Korneel Bernolet auf seinem neuem Cembalo-Album „En Suite“ anhand von fünf Komponisten nach: Neben dem berühmten Bach-Sohn Carl Philipp Emmanuel findet sich mit Francesco Geminiani ein prominenter Italiener, der in England Karriere machte. Joseph-Hector Fiocco hingegen war ein Vertreter aus den habsburgischen Niederlanden, der die Synthese aus französischem und italienischem Stil vorantrieb. Weiter stehen der vielgereiste Böhme Georg Anton Benda und der Franzose Jacques Duphly auf dem Programm. Letzterer verstarb just einen Tag nach dem Sturm auf die Bastille und markiert damit symbolträchtig das Ende einer Epoche.

Alle zusammen repräsentieren die maßgeblichen europäischen Musiknationen um die Mitte des 18. Jahrhundert. Im Laufe ihres Lebens sind sie oft weit herumgekommen oder haben zumindest verschiedene Einflüsse aufgenommen und sich mit ihrem transeuropäischen Hintergrund an der Schaffung einer neuen, klassischen Musiksprache beteiligt. Dabei ist vieles noch ganz experimentell und entsprechend weit ist der musikalische Bogen gespannt: Er umfasst die perlenden Sequenzen und schwelgerische Melancholie der Italiener, Charakterstücke im französischen goût sowie die subjektive Ausdruckswelt der Empfindsamkeit mit ihren zerklüfteten Melodien, expressiven Intervallsprüngen und Harmonisierungen.
Mit diesen Stücken stehen wir an der Wiege der Frühklassik, die sich von der barocken Tanzsuite mit Kontrapunkt und Generalbass verabschiedete. An deren Stelle tritt eine Musik mit drei oder vier kontrastierenden Sätzen und jenes thematisch und tonartlich organisierte Schema, das als „Sonatenhauptsatz“ zum klassischen Formmodell schlechthin wurde.

Bernolets Zusammenstellung, bei der zum Teil aus Einzelsätzen „de-facto“-Sonaten konstruiert werden, ist alles andere als ein trockener Gang durch die Musikgeschichte. Seine kontrastreiche Werkauswahl macht die „Gärungsprozesse“ einer historischen Übergangszeit hörbar und bringt diese auf einem historischen Instrument attraktiv zum Klingen.

Das doppelwandige Dulcken-Cembalo von 1747 hat eine stabile, aber auch noble Persönlichkeit, die sich den jeweiligen Erfordernissen bereitwillig anpasst. Erdige Tiefen, leicht nasale Mitten und lichte Höhen ergänzen einander harmonisch. Dank der profilierten Resonanzen klingen auch die ausgedünnten Texturen der ruhigen Sätze erfüllt, während umgekehrt noch bei schnellen Tempi und dichtem Satz Transparenz und Durchhörbarkeit gewahrt bleiben.
Bernolets disponiert organisch und lebendig und traktiert sein Instrument mit genauem Gespür für die expressiven Knotenpunkte der Musik. Davon profitieren in den langsamen Sätzen nicht nur Fioccos oder Geminianis mal zärtliche, mal sehnsuchtsvolle Galanterien. Die eruptive Empfindsamkeit des Bachsohns entwickelt jenseits aller Twists und Effekte eine seismographische, geradezu psychologische Spannung. Duphlys musikalische Porträts in Form einer viersätzigen Sonate wiederum wirken trotz der nochmals gesteigerten Virtuosität ansprechend „erzählerisch“.

Schließlich runden Bernolets kundige und zugleich persönlich gefärbte Werkkommentare diese gelungene Produktion angemessen ab.



Georg Henkel

Trackliste

Joseph Hector Fiocco: Italian Sonata G-Dur aus "Pieces de clavecin" op. 1
Carl Philipp Emanuel Bach: Cembalosonate Wq. 65 Nr. 17
Georg Anton Benda: Cembalosonate Nr. 4 F-Dur aus "Sei Sonate per il Cembalo Solo"
Francesco Geminiani: Cembalosonate g-moll aus "Pieces de clavecin tirees de differens Ouvrages"
Jacques Duphly: Cembalosonate D-Dur aus "Pieces de clavecin" Livre 2
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