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Reviews

Dream Theater

Images And Words – Live in Japan, 2017


Info

Musikrichtung: Progmetal

VÖ: 25.06.2021

(Inside Out / Sony)

Gesamtspielzeit: 68:34

Internet:

http://www.insideoutmusic.com
lostnotforgottenarchives.dreamtheater.net

Anno 2017 jährte sich das Erscheinen von Images And Words, Dream Theaters Zweitling und zugleich kommerziellem Durchbruchsalbum, zum 25. Mal, und dieses Jubiläum lieferte den Anlaß, das Werk bei praktisch allen Gigs des besagten Jahres komplett zu spielen, so auch am 11. September 2017 im legendären Budokan in Tokio. Dieser Gig wurde gestreamt und für das japanische Fernsehen mitgeschnitten, und das Material erscheint in zwei Teilen im Rahmen der „Lost Not Forgotten Archives“-Reihe – der erste Set mit acht Songs jüngeren Datums unter dem Titel ...And Beyond – Live in Japan, 2017 (Review folgt im Rahmen dieser Serie irgendwann) und der zweite Set mit eben dem kompletten Images And Words-Material, also gleichfalls acht Songs, auf der hier rezensierten CD.
Images And Words bildete bekanntlich das Einstiegsalbum von James LaBrie als Sänger, und der Kanadier bekleidet trotz mancherlei Holprigkeiten über die Jahrzehnte hinweg diesen Posten auch noch heute. Der anno 1992 völlig überraschende Erfolg der Scheibe mit der Single „Pull Me Under“ als Zugpferd, also einem der ausladenderen progmetallischen Songs und nicht etwa einer der leicht „kommerzielleren“ Nummern wie „Another Day“ oder „Surrounded“, wirkte den gängigen Marktmechanismen völlig entgegengesetzt und führte dazu, dass viele Fans mit dieser Scheibe zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Klangkosmos von Dream Theater geschlossen haben dürften, was dann nicht selten auch dazu führt, dass man so ein Werk ganz besonders stark verinnerlicht und intensiv schätzt. Beim Damals-noch-nicht-Rezensenten war letzteres zwar im Grundsatz auch so, aber von der strukturellen Lage her anders, da zunächst gleichzeitig When Dream And Day Unite und A Change Of Seasons den Weg in die hiesige Kollektion fanden, dann der Drittling Awake und der Viertling Falling Into Infinity und erst danach Images And Words. Ihren Ehrenplatz haben natürlich mittlerweile alle eingenommen, die Qualitäten sind eingehend ausanalysiert – und doch hängt das Herz an When Dream And Day Unite und A Change Of Seasons noch ein wenig stärker. Im letzteren Fall läßt sich trotzdem eine passende Querverbindung ziehen, denn der 23minütige Titelsong war ursprünglich für Images And Words vorgesehen, wurde dann aber auf Druck der Plattenfirma gestrichen, da mit ihm das Material die Kapazitäten einer Einzel-CD gesprengt hätte und man kein Doppelalbum herausbringen wollte – so erschien die Nummer dann erst vier Jahre später als EP mit vier beigegebenen Live-Covertracks. Bei der 2003er Gesamtaufführung von When Dream And Day Unite hatten Dream Theater den acht Albumsongs zwar noch zwei hinzugefügt, deren Entstehung in die gleiche Phase gefallen war – hier beim Material des Budokan-Gigs verzichten sie aber auf das strukturell in analoger Weise denkbare Addieren von „A Change Of Seasons“, nicht zuletzt vermutlich mit Blick auf die Gesamtspielzeit, die sich ja dadurch nochmal um eine knappe halbe Stunde vermehren würde und im Falle der vorliegenden CD dann gleichfalls einen Doppeldecker erfordert hätte. Die Möglichkeit hätte freilich im Grundsatz durchaus bestanden: Der Song wurde dort als Zugabe gespielt ...
Die acht Albumtracks dauern in den Livefassungen (trotz komplett herausgeschnittener Ansagen – die Pausen sind sehr kurz) summiert immer noch mehr als zehn Minuten länger als die Studiofassungen, was sein äußeres Zeichen allein schon dadurch findet, dass statt einem Zehnminüter jetzt deren drei vorhanden sind – aber auch „Wait For Sleep“, original ein zweieinhalbminütiges Interludium, hat seine Spielzeit in der Liveversion fast verdoppelt. Die Verlängerungen beruhen überwiegend auf eingefügten zusätzlichen Soli bzw. Jamsessions, wie in „Take The Time“ schön zu beobachten ist. Neuer Spielzeit-König ist übrigens „Metropolis Part 1: The Miracle And The Sleeper“, das erst nach mehr als dreizehn Minuten ins Ziel läuft. In anderen Songs beschränken sich die Veränderungen auf kleine Verfeinerungen oder winzige Umarrangements, wobei bei „Pull Me Under“ auffällt, dass weder der völlig abrupte Schluß der Originalfassung noch der ebenfalls existente länger auskomponierte gespielt wird, sondern eine Art Zwischending. Interessant ist auch die Soloverteilung bei „Another Day“: Dream Theater spielten an dem Abend in der regulären Quintettbesetzung, hatten also keinen Gast für die im Original von Jay Beckenstein gespielten Saxophonpassagen dieses Songs am Start. Das einleitende Thema übernimmt wie in der Studiofassung die Gitarre, das erste Sax-Thema dann aber das Keyboard, und zwar mit einem bewußt nicht nach Sax klingenden Sound. Einen solchen gibt’s dann erst im zweiten Solo – und der ist dem Original so nahe verwandt, dass zu vermuten steht, dass dieses hier eingesampelt wird.
Dass die Instrumentalisten spieltechnisch dem Geforderten gewachsen sind, stellt keine Überraschung dar – die beiden Saiten-Johns Petrucci bzw. Myung haben schließlich schon das Original mit eingespielt, Keyboarder Jordan Rudess ist auch schon seit dem letzten Jahrtausend dabei, und selbst Mike Mangini als jüngster Neuzugang war anno 2017 schon so lange an Bord, dass damit zu rechnen sein dürfte, dass er alle acht Songs zwischenzeitlich irgendwann schon mal live gespielt hat, auch wenn die Vielfarbigkeit der Setlisten in der Nicht-Portnoy-Ära etwas geringer war als zuvor. Übrigens geht das Gros der Zusatzspielzeit von „Metropolis Part 1“ auf Manginis Konto – es ist nämlich ein ausgedehntes Drumsolo integriert, nichts ganz Spektakuläres, aber doch mit einigen interessanten Figuren, so dass man nicht Gefahr läuft, gähnend vor den Boxen zu sitzen, auch wenn man den Drummer nur spielen hört, aber nicht wie im Konzert spielen sieht. Und 99% aller Hörer würden vermutlich sowieso nicht in der Lage sein, das Spiel Portnoys von dem Manginis allein anhand des akustischen Eindrucks zu unterscheiden, so dass die Frage, wer hier eigentlich trommelt, nur für Spezialistenkreise relevant ist und allen anderen die Feststellung einer sehr starken Leistung der hinter dem Drumkit sitzenden Person genügen wird.
Bleibt als Risikofaktor aber noch LaBries Stimme, zumal Images And Words im zweiten Set des Abends gespielt wurde, der Sänger also schon einen nicht ganz anspruchslosen ersten Set in der Kehle hatte. Und die Anstrengung ist ihm in „Pull Me Under“ deutlich anzuhören, wenn er diverse Linien haarscharf neben dem Ideal plaziert, ganz besonders aber in der balladesken Einleitung von „Another Day“, die unangenehm rauh daherkommt. Es ehrt die Band, dass sie auf Reparaturarbeiten weitgehend verzichtet zu haben scheint (dass es welche gegeben hat, verklausuliert der Terminus „Additional Audio Editing: James ‚Jimmy T‘ Meslin“ in den produktionstechnischen Angaben im Digipack), aber gerade hier blickt man mit Sorge auf das, was da in der knappen weiteren Stunde noch kommt. Aber die Lage bessert sich zum Glück, LaBries Stimme wird stabiler und die Treffgenauigkeit höher, wenngleich immer noch einige Passagen etwas neben der Spur liegen, etwa in „Under A Glass Moon“, wo der Vokalist zudem weise auf die finalen Höhen des refrainartigen Parts verzichtet. Trotzdem tut es einem irgendwie leid, LaBrie als den Schwachpunkt dieser Aufnahme bezeichnen zu müssen – aber im Vergleich zu den Fähigkeiten der Instrumentalisten sind seine Fähigkeiten halt am stärksten gealtert, und das ist bei einer Band vom Schlage Dream Theaters ein deutlich größeres Problem als bei irgendeiner Retro-Bluescombo, deren Vokalist sowieso so klingen muß, als stünde er kurz vor der Bahre. Andererseits beweisen die fast geflüsterten Passagen in „Wait For Sleep“, dass bei bestimmten Umständen die Ausdruckskraft unter einer gealterten Stimme nicht zwangsläufig leiden muß. Und im Vergleich zu so manchem Kollegen (keine Namen hier) ist LaBrie immer noch sehr gut bei Stimme.
Bleibt natürlich immer noch die grundlegende Frage, ob man diese CD zwingend braucht. Bei When Dream And Day Reunite stellte sich die Lage anders dar, da in den Studiofassungen ja noch Charlie Dominici gesungen hatte, LaBries Livefassungen also schon mal einen personaldokumentarischen Mehrwert besaßen. Der ist hier in dieser Form nicht gegeben, und Rudess und Mangini mögen verzeihen, dass man ihre Leistungen im Vergleich zu den Originalen als weniger markant unterschiedlich zu bewerten geneigt ist, falls man nicht zufällig selber Keyboarder oder Drummer ist. Bleibt der Aspekt, dass sich manche Passagen zwingend anders anhören müssen als die Studiovorlagen, da Petrucci ja im Alleingang Gitarre spielt, und wie geschildert das eine oder andere zusätzliche Element als „Zusatzfeature“. Die Bewertung wird also immer einen Tick individuell bleiben. Images And Words – Live in Japan, 2017 macht zwar dem Rezensenten über weite Strecken definitiv Hörspaß, aber das Verlangen, beim nächsten Mal dann doch das Studio-Original einzulegen, kann nicht wegdiskutiert werden. Der Digipack ist wie bei den aktuellen Teilen der Serie typisch mal wieder eher spartanisch ausgefallen, wobei auf dem Quintett-Abschiedsfoto nach dem Gig, das auch als Strukturelement auf dem Cover auftaucht, auffällt, wie klein Mangini eigentlich ist und dass LaBrie den Japanern den eher für seine Hardcore-Konzerte populären New Yorker Club CBGB nahebringt, also eine Stilistik propagiert, mit der Dream Theater kaum Berührungspunkte besitzen.



Roland Ludwig

Trackliste

1Pull Me Under8:23
2Another Day4:54
3Take The Time12:45
4Surrounded5:45
5Metropolis - Part 1: The Miracle And The Sleeper13:09
6Under A Glass Moon7:19
7Wait For Sleep4:04
8Learning To Live12:10

Besetzung

James LaBrie (Voc)
John Petrucci (Git)
Jordan Rudess (Keys)
John Myung (B)
Mike Mangini (Dr)
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger