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Reviews

Rhett Forrester

Gone With The Wind


Info

Musikrichtung: Hard Rock

VÖ: 16.06.2023 (1984)

(High Roller)

Gesamtspielzeit: 38:45

Internet:

http://www.hrrecords.de

Nachdem Riot 1984 aufgehört hatten zu bestehen – das eher mäßige Born In America-Album brachte die Band keinen Schritt vorwärts, und die zugehörige Tour als Support von Kiss lief auch nicht besonders –, stand Sänger Rhett Forrester vor der Frage, was er nun tun sollte. Lange auf der faulen Haut liegen blieb er indes nicht, sondern tat sich mit dem Gitarristen Jack Starr zusammen, der sich gerade mit David DeFeis um die Namensrechte an Virgin Steele stritt. Durch die Literatur geistert die Information, dass Forrester auf Starrs 1984er Out Of The Darkness-Soloalbum singen würde, was der Rezensent weder bestätigen noch dementieren kann. Jedenfalls bildete sich eine Formation namens New York All Stars, zu der außer Starr und Forrester noch Gitarrist Paul Kayen und die Rhythmussektion von The Rods, Bassist Garry Bordonaro und Drummer Carl Canedy, gehörten und bei denen sporadisch im Proberaum auch mal der gerade bei Anthrax entlassene Neil Turbin mitmischte, aber nie mit auf der Bühne stand. Das bühnenaktive Quintett wiederum spielte im August 1984 einen Gig in Frankreich und sollte danach dort ein Soloalbum Starrs aufnehmen, aber da sich Starr und Forrester zerstritten, wurde daraus nichts. Das verbliebene Quartett nahm zwar tatsächlich ein Album auf, aber dieses fungierte nun als Soloalbum Forresters und bekam den Titel Gone With The Wind – wie schon Matthias Herr feststellte, wird das vermutlich kein Zufall gewesen sein, denn eine der Hauptfiguren im Film „Gone With The Wind“ („Vom Winde verweht“) heißt bekanntlich Rhett Butler. Und vom Winde verweht war im übertragenen Sinne damit auch die gemeinsame Zukunft Starrs und Forresters, wobei der erstgenannte in den Folgejahren trotzdem eine kontinuierliche Produktivität an den Tag legte, nun aber mit anderen Sängern, deren bekanntester wahrscheinlich Mike Tirelli ist.
Gone With The Wind wiederum lief publikationstechnisch auf einem toten Gleis. Die Scheibe erschien in Frankreich mit einem von Produzent Canedy nicht autorisierten Mix, und in den USA sollte sie eigentlich via Warner veröffentlicht werden, was sich letztlich aber zerschlug, so dass das Werk keine große Verbreitung fand. Hört man die Scheibe mit fast vier Jahrzehnten Differenz nach ihrer Einspielung, so findet man das allermindestens schade: Gone With The Wind hätte mit einem intelligenten Marketing durchaus Chancen auf einen größeren Erfolg gehabt. 1984 war bekanntlich das Jahr, in dem Twisted Sister mit Stay Hungry durch die Decke gingen, und dass Forrester wie ein gemäßigter Dee Snider klingt, das wurde bereits zu seinen Riot-Zeiten klar. Nur schaffte es Mark Reale damals nicht, die neuen Möglichkeiten am Mikrofon mit adäquaten hochqualitativen Songs auszunutzen (Restless Breed und Born In America enthalten einige kleinere Treffer, aber in der Gesamtbetrachtung deutlich zu wenige), während Kayen und Forrester zusammen mit Bordonaro und Canedy offenbar schnell einen gemeinsamen Draht fanden und tatsächlich ein Album erschufen, das zwar an Twisted Sister erinnert, diese aber nicht kopiert, sondern mehr Hardrock und weniger Rock’n’Roll enthält, etwas mehr Wert auf Melodik und auch Spieltechnik legt, allerdings die ganz großen Hits vermissen läßt: Pendants zu „We’re Not Gonna Take It“ oder auch „The Price“ findet man hier nicht, was die Massenkompatibilität angeht.
Das soll nicht bedeuten, die Scheibe wäre schlecht – ganz im Gegenteil: Sie überzeugt im Gesamtbild problemlos, auch die Einzelsongs machen für sich betrachtet durchaus Hörspaß. Das beginnt schon mit dem atmosphärisch anhebenden, aber bald in relativ speedigem Tempo lospolternden Titeltrack. „Cranky Boy“ ist die große Hymne, „The Last Thing I Do“ die Ballade, „Assume The Position“ der klassische Stampfer, „Voyage To Nowhere“ das AOR-Pendant mit Hinüberschielen zu Journey & Co., „Shake The Shadow“ der schnelle Doublebass-Knaller – damit wäre das Terrain abgesteckt, das Forrester und seine drei Spießgesellen beackern. Bordonaro hält sich unauffällig im Hintergrund, Canedy muß mit einem elektronischen Schlagzeug vorliebnehmen, was manchmal ein wenig eigentümlich klingt – aber Kayen entpuppt sich als Trumpf, der sowohl solide riffen als auch flitzefingerig und doch nicht alles zerschreddernd solieren kann. Und was Forrester zu leisten imstande ist, das weiß man schon von den beiden genannten Riot-Scheiben, wo es nicht zentral an ihm lag, dass daraus nichts wurde. Warum man ihn im Stampfer „Boys Want To Fight“ so weit in den Hintergrund gemischt hat, bleibt indes unerklärlich. Der Song fällt allerdings sowieso etwas ab, und überhaupt scheinen Forrester & Co. am Ende die Ideen auszugehen: „Moving In For The Kill“ macht viel zu wenig aus seinen beiden guten Ideen, nämlich dem starken Hauptriff und dem atmosphärischen Herunterschalten im Mittelteil, und das Stones-Cover „Live With Me“ (original vom Let It Bleed-Album) fällt zwar dadurch strukturell auf, dass Forrester hier zur Mundharmonika greift, was er bei Riot auch schon mal gemacht hatte, aber so richtig vom Hocker reißt einen auch dieser Stampfer nicht.
War Gone With The Wind lange Zeit nicht leicht zu beschaffen, liegt die Scheibe nunmehr als Re-Release auf High Roller Records vor, so dass die eine oder andere Sammlungslücke geschlossen werden kann. Der Neun-Tracker verzichtet auf Bonustracks und enthält im Booklet auch keine Texte, bietet dort jedoch Liner Notes von Matthias Mader, die auf einem Interview mit Carl Canedy beruhen und die die Existenz von Out Of The Darkness anzweifeln lassen, da auf besagter Scheibe die Besetzung Forrester/Starr/Bordonaro/Canedy zu hören sein soll, was anhand Canedys Schilderung im Interview aber logistisch unmöglich wäre. Laut einem Interview von Tina Ehmke mit David DeFeis aus dem Jahr 1995 singt DeFeis auf einer Scheibe dieses Titels Backing Vocals – den Leadsänger erwähnt er in dem im 1. Band der US-Metal-Lexikon-Reihe abgedruckten Ausschnitt aber nicht. Sollte jemand dieses Werk tatsächlich besitzen, kann er ja nachschauen bzw. –hören, wie die Lage ist – alle anderen, die sich eine etwas melodischere Version von Twisted Sister vorstellen können, machen mit der von Patrick W. Engel remasterten Version von Gone With The Wind trotz des erwähnten eher schwachen Finales nichts verkehrt. Der Schuber enthält wieder einmal ein anderes Cover als das Booklet, diesmal ein gezeichnetes unbekannter Herkunft, signiert von einem Simon anno 1985 (das wäre also erst ein Jahr nach dem Originalrelease!), das die linke Version von Forrester mit einem sehr unglücklich getroffenen Bierbauch zeigt, während der Rest der Abbildungen den athletischen Körper stärker betont. Verstehe das, wer will. Der Albumtitel-Schriftzug wiederum paßt mit seiner monumentalfilmkompatiblen Schriftart bestens zum Titel.



Roland Ludwig

Trackliste

1Gone With The Wind4:41
2Cranky Boy4:17
3The Last Things I Do4:46
4Assume The Position4:53
5Voyage To Nowhere5:10
6Shake The Shadow3:17
7Boys Want To Fight4:04
8Moving In For The Kill3:30
9Live With Me4:23

Besetzung

Rhett Forrester (Voc, Harp)
Paul Kayen (Git)
Garry Bordonaro (B)
Carl Canedy (Dr)
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So bewerten wir:

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06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
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