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Reviews

Messiaen, O. – Murail, T. (Het Collectief)

Quartett auf das Ende der Zeit – Stalag VIIIA


Info

Musikrichtung: Neue Musik / Kammermusik

VÖ: 03.11.2023

(Alpha / Note 1 / CD / DDD / 2021 & 2022 / Alpha 1048)

Gesamtspielzeit: 60:53

MUSIK FÜR UNSERE ZEIT

Musik für unsere Zeit: Das 1941 in einer Baracke uraufgeführte „Quatuor pour la fin du Temps“ komponierte Olivier Messiaen in einem deutschen Kriegsgefangenenlager nahe Görlitz, dem Stalag VIIIA, in dem einige zehntausend Gefangene unter elenden Bedingungen im Winter ausharren mussten. Der musikbegeisterte deutsche Kommandant besorgte dem Komponisten Notenpapier und schaffte sogar ein, wenngleich ramponiertes, Klavier herbei. Die anderen Instrumente, die zur Verfügung standen, waren eine Violine, ein Cello und eine Klarinette.

Für diese nicht einfache Besetzung schuf Messiaen, teilweise im Rückgriff auf ältere Werke, seinen achtteiligen Zyklus über das Ende der Zeit. Inspiriert wurde der tiefgläubige Komponist von der biblischen Offenbarung des Johannes, aus der er, der unter Hunger litt und Halluzinationen hatte, Trost schöpfte.
Der apokalyptische Regenbogen-Engel, der in den Schilderungen des Sehers Johannes das Ende der Zeit verkündet und damit den Beginn einer göttlichen Neuschöpfung und Vollendung der Welt, steht denn auch im Zentrum des vorletzten Satzes, der himmlische Gelöstheit mit katastrophischen Momenten verbindet.
Im letzten Satz hingegen folgt ein unendlicher, ebenso zarter wie sehnsuchtsvoller Lobgesang auf die Unsterblichkeit Jesu für Violine und Klavier. Dieser steht auch im nicht minder weit ausschwingenden sechsten Satz im Zentrum einer meditativen Betrachtung: „Louange ‚a l’Éternité de Jésus“. Hier ist es ein intensives Duett von emphatisch singendem Cello und sanft pulsierendem Klavier, bei dem die Zeit ebenfalls stillzustehen scheint.
Der Klarinette ist ein Solo im ausgreifenden 4. Satz anvertraut, wo stilisierte Vogelgesänge über einem imaginierten Abgrund erklingen. Andere Sätze wie ein kurzes, orientalisch anmutendes Intermedium oder das wilddramatische „Danse de la fureur, pour les sept trompettes“ stimmen die vier Instrumente auch zusammen an.

Noch in den leisesten Passagen vibriert die Interpretation von „Het Collectief“ von innerer Glut und Energie. Da wird jeder Moment konzentriert ausgekostet. Schönheit und Schrecken, Zärtlichkeit und Gewalt werden mit Akzent auf die modernen Seiten des Werks auf kleinstem Raum entfesselt und sorgen bei Messiaens apokalyptischer Trostmusik für ein Hörerlebnis, das ergreift und unter die Haut geht. Den synästhetisch begabten Farb-Mystiker Messiaen kann man da ebenso erleben wie den intrikaten Rhythmiker, der den regelmäßigen Schlag immer wieder aufbricht. Die Ausschärfung der Tempokontraste zwischen den einzelnen Sätzen sorgt für Spannung. Auch schlägt bei diesen bemerkenswerten Musikern in den langsamen, betrachtenden Sätzen die harmonische Süße nie in Süßlichkeit um, dafür sorgt auch ein wohldosiertes Vibrato. Die vielfältig artikulierenden Streicher Wibert Aerts (Violine) und Martijn Vink (Cello) wie auch der virtuose Klarinettist Julien Hervé lassen die Töne aus dem Nichts entstehen und dorthin zurück verklingen, fügen dabei zusammen mit dem Pianisten Thomas Dieltjens die durchaus heterogenen Charaktere der Instrumente in den Tutti-Sätzen zu einem nachgerade orchestralen Set.

Als Präludium zum endzeitlichen Quartett wurde das Stück „Stalag VIIIA“ des Messiaen-Schülers Tristan Murail vorangestellt. Er betrachtet die Musik von Messiaens „Quartuor“ durch das Prisma des Spektralismus, greift einige Akkorde und Motive auf und rekonstruiert diese im Kontext einer eisig gefrorenen, menschenfeindlichen und zugleich ätherischen Klangwinterlandschaft. Auch hier erweist sich „Het Collectief“ als hochgradig sensitiv, wenn es um eine klangsinnliche wie auch gestaltscharfe Darstellung der Musik geht. Von der Tontechnik werden sie dabei bestens unterstützt.



Georg Henkel

Trackliste

Tristan Murail: Stalag VIIIA
Olivier Messiaen: Quatuor pour la fin du Temps

Besetzung

Het Collectief
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