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Reviews

Poltergeist

The Demos


Info

Musikrichtung: Thrash Metal

VÖ: 14.01.2022 (1987/88)

(Vic Records)

Gesamtspielzeit: 32:08

Internet:

http://www.poltergeistmetal.com

Nach dem Ende von Carrion, die 1986 ihren Erst- und auch Letztling Evil Is There! veröffentlichten, gründete Chefdenker Otto „V.O.“ Pulver mit Poltergeist eine neue Band, in der er weiter das kreative Zepter führte, aber nicht mehr am Mikrofon, sondern nur noch an der Gitarre agierte. André Grieder, die Neuentdeckung für das Sängeramt, führte eine klassische Thrash-Shouting-Stimme ins Feld und bewegte sich farblich in eher helleren Gefilden, gelegentlich auch spitze Schreie einstreuend. Als Musikstil wählte man eine breaklastige Thrash-Variante, wie sie weiland auch von den befreundeten Destruction entwickelt wurde, nachdem diese sich von ihren rohen Anfängen emanzipiert hatten. Marcel „Schmier“ Schirmer fungierte dann auch als Produzent für die 1987 bzw. 1988 erschienenen beiden Poltergeist-Demos, deren Material nunmehr auf einer gemeinsamen CD erhältlich ist.

Die sechs Songs plus ein Intro sind umgekehrt chronologisch angeordnet – die drei vom 1988er Writing On The Wall-Demo stehen also vorn. Wer das Debütalbum Depression aus dem Folgejahr besitzt, kann die dort eingespielten Neufassungen mit den Urversionen vergleichen, wobei letztere eigenständig betrachtet auch schon einen beträchtlichen Reiz ausüben, wenn man eben derartig vertrackte Thrash-Klänge mag, wobei Poltergeist diesbezüglich nicht zu den Extremsten gehören und durchaus in der Lage und willens sind, Ideen über mehr als eine Minute hinweg zu entwickeln und durchzuspielen, anstatt permanent von einem Einfall zum nächsten zu hopsen: Die Schweizer stammen aus der alten Songwritingschule und zeigen das auch, wenngleich sie ihr Ideenfüllhorn natürlich trotzdem oft und gern über dem Hörer ausschütten. Aber da kommt im Titeltrack des zweiten Demos dann eben ein langes, furioses und spielfreudiges Speedsolo in einheitlich hohem Tempo, und keiner kann der Band diesbezüglich etwa böse sein wollen, zumal Pulver vielschichtig und einfallsreich spielt. Auch in „Inner Space“ läßt er soloseitig mal kurz einen eigentümlichen perlenden Ton aufblitzen, den er in „Writing On The Wall“ noch deutlich umfangreicher zum Einsatz gebracht hatte, wobei das Durchschnittstempo dieser Nummer ein wenig weiter unten liegt als im Opener und auch im Closer „Shooting Star“. Letzterer atmet im einleitenden flotten Part sogar ein leicht punkiges Feeling, während ein großer grooviger Zwischenteil als ganz frühe Ahnung dessen durchgehen könnte, was Pulver dann in den Neunzigern nach der zwischenzeitlichen Auflösung von Poltergeist mit Gurd durchexerzieren würde, hier in den Achtzigern freilich noch im voll traditionsmetallischen Umfeld. Auch mit der Coverillustration dieses Demos (die beiden sind im Booklet übrigens vertauscht) lag der Chefdenker 1988 erstaunlich weit vorn – das kleine grüne Monster rechts unten in der Ecke, das offensichtlich gerade den Demotitel an eine Wand geschrieben hat, besitzt einige anatomische Eigenheiten, die man wenig später bei den Gremlins wiederfinden sollte, wenngleich es natürlich auch genügend Unterschiede gibt.
Besitzt Writing On The Wall darüber hinaus auch ein ziemlich professionelles Soundgewand, so hört man dem selbstbetitelt gebliebenen Demo von 1987 die undergroundigen Bedingungen noch deutlich stärker an: Die Snare besitzt einen extrem künstlichen Touch, den Baß hingegen vernimmt man im wesentlichen nur weit im Hintergrund, und trotz tontechnischer Aufarbeitung des Re-Releases kann das Material eine gewisse Höhe nicht überspringen. Von den Songwritingideen her waren Poltergeist aber auch damals schon recht weit. Als Intro verbraten sie die d-Moll-Toccata BWV 565, bevor „Prophet“ die Richtung klarmacht und vor allem mit seinem zurückgenommenen Mittelteil zu punkten weiß, während der Refrain zwar durchaus einprägsam ausfällt, aber einen Tick zu bemüht wirkt und auch Drummer Walt recht ambitioniert strukturierte Snarefolgen spielt, die noch nicht in jedem Fall die gewünschten Effekte erzeugen. „No More Faith“ macht klar, dass auch Grieder in den Höhen noch ein wenig üben muß, was er paradoxerweise dann während der Writing On The Wall-Phase tat, da er sich auf diesen jüngeren Demotracks von den hohen Passagen weitgehend fernhielt und sie erst später auf den Poltergeist-Alben (und bei seinem Gastspiel auf dem völlig unterbewerteten Destruction-Album Cracked Brain) umfangreicher einsetzte. „No More Faith“ enthält kurioserweise ein Riff, das dasjenige von „Black Sabbath“ in mehrfacher Geschwindigkeit adaptiert, und ist von der Struktur her der wohl komplizierteste der frühen Demotracks – ob er (neben dem erwähnten Intro) daher der einzige dieses Materials blieb, der für das Debütalbum Depression nicht herangezogen wurde? „...simply because they ‚didn’t like it anymore‘“ steht als offizieller Grund in den Liner Notes vermerkt. „Ziita“ wird geraume Zeit von midtempolastigen Passagen dominiert und adaptiert kurioserweise gleich noch einmal Black Sabbath, nämlich im Intro, das vermutlich unbewußt „War Pigs“ zitiert – 1987 waren Black Sabbath wohl kaum die Band, die man sich als aufstrebende Nachwuchs-Thrashband zum Vorbild nahm. Der Refrain mit seinen markanten Oktavsprung gehört jedenfalls zu den merkfähigsten Passagen, die sich die Schweizer je aus den Rippen geleiert haben, wenngleich auch hier Grieder verdeutlicht, dass er sich stimmlich in den Höhen noch festigen muß.
Das Demomaterial war 2015 schon einmal auf den Re-Releases von Depression bzw. dem Zweitling Behind My Mask als Bonustracks veröffentlicht worden, auf der vorliegenden CD gibt es ein auf 2019 datiertes neues Remastering von Pulver zu hören. Die Neueinspielungen für das Debütalbum wurden zum Teil gestrafft, zum Teil aber auch ausgebaut, so dass sich vergleichendes Hören durchaus lohnt, egal in welcher Form. Die 2015er Re-Releases sollen limitiert gewesen sein, könnten also mittlerweile vergriffen sein, so dass keine praktische Wahl bleibt. Die 32minütige CD mit einem holzschnittartigen Monstercover enthält einige historische Fotos (die Frisuren!!) und Dokumente sowie Liner Notes von Olivier „Zoltar“ Badin, wobei die Kombination einige Schwächen in der Aufarbeitung offenbart. So nennt die Besetzungsseite den Bassisten Ton, der aber auf der Abbildung des alten Demosleeves eindeutig Tom heißt. Außerdem gibt es auf dem zweiten Demo zwei Gastmusiker, nämlich Schmier selbst als Backingsänger und den damals gerade bei Destruction neu eingestiegenen Gitarristen Harry Wilkens, dem die Liner Notes ein Gastsolo auf seinem Instrument zuschreiben (freilich nicht verratend, in welchem Song – in einem der abgebildeten alten Reviews behauptet Rezensent Arno, es handle sich um „Shooting Star“), während ihn die Besetzungsseite ebenfalls für Backing Vocals in Anspruch nimmt. Aber sei’s drum: Wer auf der Suche nach der Ursuppe des technisch angehauchten Thrash Metals ist, sollte auch hier zum Löffel greifen.



Roland Ludwig

Trackliste

1Writing On The Wall5:42
2Inner Space6:32
3Shooting Star4:38
4Intro0:46
5Prophet4:34
6No More Faith4:41
7Ziita5:10

Besetzung

André Grieder (Voc)
V.O. Pulver (Git)
Ton (B)
Walt (Dr
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger