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Reviews

Lynx

Watcher Of Skies


Info

Musikrichtung: Siebziger-Rock/Metal

VÖ: 26.11.2021

(No Remorse)

Gesamtspielzeit: 43:58

Internet:

http://www.facebook.com/Lynxheavyrock

Anno 1985 veröffentlichten die Schweden Lynx ihr erstes und einziges Album Caught In The Trap, das anno 2014 vom griechischen Label No Remorse Records wiederveröffentlicht wurde. Sieben Jahre später kam auf dem gleichen Label abermals eine Lynx-Scheibe heraus – aber nicht von den Schweden, wie sich herausstellt: Diese sind zwar auch schon partiell vom Reunion-Virus gepackt worden und ruhen nicht mehr auf dem Bandfriedhof, da zwei der einstigen Mitglieder im Zuge des Re-Releases bekanntgaben, wieder zusammen Songs zu schreiben, aber zu neuen abendfüllenden Tonkonserven hat es auch Jahre später bisher noch nicht gereicht. Statt dessen handelt es sich hier um eine junge deutsche Band aus Gießen, die offenbar der Tatsache, dass es da schon mal eine Combo dieses Namens gab, nicht gewahr war und erstaunlicherweise auch vom Label nicht drauf aufmerksam geworden ist.
Das Kuriosum an der Stelle ist nun aber, dass eine etwaige Verwechslung dem Gros der Hörerschaft letztlich egal sein wird: Beide Combos sind zwar stilistisch deutlich voneinander zu unterscheiden, liegen aber immer noch so nahe beieinander, dass, wer die eine mag, auch die andere zu schätzen wissen könnte. Beide wurzeln im klassischen Siebziger-Rock, schieben ihre Äste aber von dort aus in unterschiedliche Richtungen. Während die Schweden den Sound in Richtung des klassischen Skandi-Achtziger-Hardrocks weiterentwickelten und diesen mit Eighties-Pop-Synthies garnierten, holen sich die Deutschen die Energie des Proto-Metals hinzu, kennen vermutlich die ersten Riot-Scheiben und diverse Epic-Metal-Protagonisten und legen großen Wert auf doppelläufige Leadgitarren Marke Thin Lizzy oder Wishbone Ash, während sie im Gegensatz zu den Schweden keinen hauptamtlichen Keyboarder besitzen, sondern Gitarrist Tim Künz den Tastenjob nur nebenher mit erledigt und deren Einsatz im wesentlichen auf einige Effekte wie die Windgeräusche in „Savage Mountain“ beschränkt, in „Beyond The Infinite“ ausnahmsweise aber auch mal solistische Aufgaben übernehmen darf. Drummer Franz Fesel darf das Tempo in diesem wie in etlichen anderen Songs dabei durchaus weit oben halten, nicht selten allerdings mit diesem typischen galoppierenden Gestus, wie man ihn im Epic Metal häufig findet. Das Intro „Miscovery“ läßt das, was dann in den folgenden neun Songs geboten wird, durchaus erahnen, allerdings nur als eine von mehreren Optionen, von denn sich letztlich das oben beschriebene Mischungsverhältnis als Realität in den 44 Minuten Musik entpuppt. Neben dem reichlich einminütigen Intro gibt es in Gestalt von „Odyssey“ noch ein weiteres kurzes Instrumentalstück, dessen knapp zwei Minuten eine möglicherweise von Uli Jon Roth inspirierte Leadgitarrenlinie über wabernde Keyboards legen. Dieses Stück befindet sich an Position 6, und falls auch eine LP-Edition existiert, so würde es sich hier als praktisch um das Intro der B-Seite handeln, wobei auf der CD allerdings kein Bruch zwischen diesem Stück und „Eternity’s Hall“ an Position 5 auftritt, sondern die Stücke direkt ineinander übergehen, was beim LP-Mastering dann anders hätte gelöst werden müssen. Grundsätzlich paßt der klar „altmodische“ Sound von Lynx definitiv zum Medium LP, läßt sich aber natürlich auch in CD-Form goutieren.
In puncto Songstrukturen nimmt sich das Quartett her gern viel Zeit für die Ausarbeitung seiner Ideen – rein mathematisch würde man das bei 10 Songs in 44 Minuten zwar nicht erwarten, aber wir wissen ja schon um die beiden kurzen Instrumentalstücke, und damit ergeben acht Songs in 41 Minuten immerhin einen reichlichen Fünferschnitt, wobei der Titeltrack als Albumcloser mit sechseinhalb Minuten aus dem Rahmen fällt. Vom Songwritingprinzip her gehören die Deutschen allerdings auch zur alten Schule und exerzieren lieber einen Einfall nach allen Regeln der Kunst durch, als einfach nur Idee an Idee zu reihen, wie man das bei vielen jüngeren Bands heute findet. Temposeitig agieren sie dabei wie bereits erwähnt oft flott, aber durchaus variabel, mit dem Speedie „Dark Shadows Rising“ an der Spitzenposition – wohl nicht zufällig spielt Max Mayhem gerade in diesem Song ein Gastgitarrensolo, ist er mit Evil Invaders doch sonst eher in härteren Gefilden unterwegs. Das atmosphärisch-luftige „Beyond The Infinity“ stellt den Gegenpol dar, eine „richtige“ Ballade gibt es auf Watcher Of Skies nicht, will man „Odyssey“ nicht als solche zählen. Der erwähnte Closer und Titelsong beginnt gleichfalls balladesk, schwingt sich aber noch zu dem großen Epos auf, das man irgendwie hier auch erwartet. In diesem Song und in der Bandhymne „Lynx“ hören wir gut eingepaßte weibliche Gastvocals von Amira Zine, während Marvin Kiefer sich sonst in klassischen halbhohen epischen Vokalgefilden aufhält, nur an zwei, drei Stellen kurz in hohes Geschrei abgleitend (auffällig speziell in „Eternity’s Hall“) und hier und da auch geringfügig rauher agierend (auffällig in den Strophen des Titeltracks – der Refrain kommt dann wieder klarer daher, die weiblichen Vocals trotzdem gekonnt konterkarierend). Das Finale ist dann etwas kurios und reproduziert die bisweilen zu sehende Abgangsvariante eines Musikers nach des anderen von der Bühne. Hier verstummen erst die Gitarren, dann legt Phil Helm seinen Baß aus der Hand, und der Drummer darf die letzte Phrasenwiederholung im Alleingang bestreiten.
So bleibt unterm Strich ein gutklassiges Debütwerk, das zwar die ganz großen Hits noch vermissen läßt, aber dafür mit einer geschlossenen guten Leistung überzeugt und sich ohne einen einzigen Ausfall mit Genuß durchhören läßt, wenn man denn auf den beschriebenen Stil steht, der einerseits das Zeug dazu hat, verschiedene Fanlager zu vereinen, aber andererseits auch Gefahr läuft, zwischen allen Stühlen zu landen. Angesichts der grundsätzlichen Qualität wäre Watcher Of Skies eher das erstgenannte Szenario zu wünschen. Ob Lynx in Zukunft markant anders klingen werden, bleibt allerdings gespannt abzuwarten: Zum Rezensionszeitpunkt sind sie jedenfalls zum Quintett angewachsen, und Neuzugang Amy spielt Keyboards und Percussion und singt. Hinter dem Namen verbirgt sich indes niemand anders als die oben bereits erwähnte Amira Zine. Grundlegende Veränderungen werden also nicht zu erwarten sein, aber eine stärkere Berücksichtigung des Keyboards, wenn man schon ein gesonderes Mitglied dafür hat, wäre wohl nicht auszuschließen. Schauen wir also mal, was uns aus Hessen noch so zu Ohren kommen wird.



Roland Ludwig

Trackliste

1Miscovery1:08
2Grey Man4:27
3Lynx5:00
4Savage Mountain5:02
5Eternity’s Hall5:11
6Odyssey1:59
7Heartbreak City4:45
8Beyond The Infinite5:10
9Dark Shadows Rising4:38
10Watcher Of Skies6:38

Besetzung

Marvin Kiefer (Voc, Git)
Tim Künz (Git, Keys)
Phil Helm (B)
Franz Fesel (Dr)
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So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger