····· Kinderhospizarbeit wird vom Charity Unleashed Festival (CUF 24) unterstützt ····· Der Kreis schließt sich - Full Circle soll das letzte reguläre Studioalbum von Sweet sein ····· Zum dritten Mal geht Timo Langner mit Lobpreis-Liedern an den Start ····· Überarbeitung eines Klassikers kündigt neues Nick Lowe Album an ····· Das Prog-Projekt Wildwood Morning knüpft an den Italo-Kraut der 70er an ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Reviews

Tourniquet

Psycho Surgery


Info

Musikrichtung: Thrash Metal

VÖ: 26.06.2020 (1991)

(Retroactive)

Gesamtspielzeit: 59:01

Internet:

http://www.tourniquet.net

Nach der Veröffentlichung des Debütalbums Stop The Bleeding anno 1990 ging es für Tourniquet steil bergauf: Das Werk kam gut an und bildete eine starke Basis für die Weiterarbeit. Für diese war erstmal ein komplettes Line-up nötig, um auch ohne Aushilfsmusiker weitreichend Gigs bestreiten zu können. Mark Lewis, der als Gast einige Leadgitarren auf dem Debütalbum beigesteuert (und das Bandfoto „vervollständigt“) hatte, fand einen dauerhaften Vertreter in Erik Mendez, und außerdem stieß mit Victor Macias auch ein fester Bassist zur Band, nachdem sich Gitarrist Gary Lenaire und Drummer Ted Kirkpatrick auf dem Debüt noch in das Einspielen der Baßparts hineingeteilt hatte. Macias teilte die christliche Grundüberzeugung seiner Bandkollegen, war allerdings orthodoxen Glaubens (die Quellen überliefern nicht, welchem Zweig des orthodoxen Christentums, von dem es ja bekanntlich Dutzende gibt, er anhing), was trotzdem jahrelang problemlos funktionierte.
Dieses Quintett begab sich alsbald abermals ins Studio, um das zweite Album Psycho Surgery einzuspielen – und war schon Stop The Bleeding ein starkes Werk, vollbrachten Tourniquet jetzt nochmal einen Quantensprung und griffen ein Motto auf, das die auch schon längst wieder verblichenen Leipziger Metaller Nitrolyt einst mit „Mehr ist manchmal mehr!“ in Worte faßten. Kirkpatrick drückt es in den Liner Notes des 2020er Re-Releases auf Retroactive Records so aus: „The music got faster... and slower... and more diverse – even experimental.“ Der Thrash hat gegenüber dem Power Metal klar an Gewicht gewonnen, die Lust an der unkonventionellen Lösung bleibt erhalten und der latente Hang zum Progressiven auch. Schon der eröffnende Titeltrack läßt diesbezüglich keine Fragen aufkommen, wobei der Gesang hier schon eine beeindruckende Vielfalt an den Tag legt und man zwischendurch sogar mal kurz James Hetfield durchzuhören meint. „A Dog’s Breakfast“ beginnt mit ausgedehnten powermetallischen Instrumentalpassagen, und man glaubt schon, der Song bliebe instrumental, bis nach knapp anderthalb Minuten der Umschlag in Thrash mit Gesang erfolgt und sich Guy Ritter über die Theorien diverser neuzeitlicher Religionsstrukturen von Scientology über Jehovas Zeugen bis zu den Mormonen ereifert, deren Lehren teils wörtlich zitierend und dann verdammend. Das Instrumental der Platte kommt erst danach, heißt „Viento Borrascoso (Devastating Wind)“, behandelt Kirkpatricks Lieblingsthema Naturbeobachtungen, in diesem Fall einen Wirbelsturm, und überrascht im vorherrschenden Klanggewitter mit einem Akustikbreak leicht spanischer Anmutung. „Vitals Fading“, eine nicht mal dreiminütige Kirkpatrick-Komposition, hängt gleich an und schlägt in eine ähnliche Kerbe wie der Titeltrack, fällt aber nicht ganz so mit der Tür ins Haus und beinhaltet in der zweiten Strophe spanische Vocals, die Macias beisteuerte – ein weiteres Beispiel für das Händchen Kirkpatricks, die Fähigkeiten seiner Mitmusiker jeweils auf originelle und nutzbringende Weise einzubinden. Auch den letzten Song der einstigen A-Seite der LP, „Spineless“, hat der Drummer geschrieben (und damit außer „A Dog’s Breakfast“ – Text Ritter, Musik Lenaire – die komplette A-Seite), womit klar ist, dass sich dahinter keine Armored-Saint-Coverversion verbirgt – statt dessen handelt es sich um die ungewöhnlichste Nummer der Scheibe. Die erste Hälfte des Songs erfindet nämlich quasi im Vorübergehen den Rapmetal mit – eine Stilistik, die im US-Westküsten-Untergrund seit einiger Zeit vor sich hinbrodelte, aber erst in den Frühneunzigern mit Bands wie Body Count oder Rage Against The Machine zum Ausbruch kam, nachdem Formationen wie Mordred geistige Vorarbeit geleistet hatten. Tourniquet plazierten sich mit „Spineless“ mitten in diesem Ausbruch und holten für die Rapvocals und die Turntables P.I.D. ins Studio, eine der frühesten HipHop-Crews im christlichen Bereich. Die Gäste bleiben aber auf die erste Strophe und den Refrain beschränkt – in die Vocals der zweiten Strophe teilen sich Lenaire und Ritter, wobei letzterer auffälligerweise auf der ganzen Scheibe die King-Diamond-artigen Falsettlagen mit einer Ausnahme meidet und statt dessen zwischendurch mal kurz wie der damals bei Reverend singende Ex-Metal-Church-Fronter David Wayne kreischt. Ungewöhnlich ist allerdings auch die hintere Hälfte von „Spineless“, in der Tourniquet plötzlich rein instrumentalen Epic Metal inszenieren, der sicher nicht allen Freunden der neuartigen Rapmetal-Kombination gemundet haben dürfte. Aber dafür, die Erwartungshaltungen ihrer Anhänger uneingeschränkt zu bedienen, waren Tourniquet noch nie bekannt.
Die B-Seite der einstigen LP startet mit „Dysfunctional Domicile“, einer gutklassigen, aber nicht überragenden Lenaire-Komposition im Grenzbereich zwischen Power und Thrash Metal, die leider mitten in einem großartigen Solo ausgeblendet wird. Noch weiter Richtung Power Metal geht Ritters Werk „Broken Chromosomes“, quasi der Hit der Platte (das doppelläufige Riff hätte jede, wirklich jede Melodic-Death-Combo mit Kußhand übernommen), das allerdings nach der Hälfte der Spielzeit auch mal wieder Bocksprünge vollführt, zunächst in einen atmosphärischen Part mit gequält anmutenden Vocals, und dieser wird dann schrittweise weiterentwickelt, während der Sänger die alten Falsetts wieder auspackt, allerdings in Richtung des klassischen US-Metals ausgerichtet. Auch Kirkpatrick bleibt mit „Stereotaxic Atrocities“ (in der Tracklist zu „Sterotaxic Atrocities“ versaubeutelt) dann eher im Power Metal, nur im verschrobenen Solo andeutend, dass man da auch angeproggten Thrash hätte draus machen können. Den Albumcloser haben Lenaire und er dann gemeinsam verfaßt, und das ist die letzte stilistische Überraschung, wobei man mit dieser als Bandkenner auch schon hätte rechnen können: Bekanntlich hatte der Drummer mal eine gewisse Zeit bei Trouble hinterm Kit gesessen, und das Intro von „Somnabulism“ hatte schon auf dem Debütalbum erkennen lassen, dass da eine stilistische Vorliebe hängengeblieben ist. „Officium Defunctorum“ nun bietet sechseinhalb Minuten reinen Doom klassischer Prägung und hätte locker auf dem im gleichen Jahr erschienenen Debütalbum von Solitude Aeturnus stehen können: Grundriff mit markanter Black-Sabbath-Geschmacksnote, darüber eine elegische Leadgitarre, bedächtiges Tempo und ein Gesang, den jede Epic-Doom-Formation nicht anders gestaltet hätte. Das eigenartige Zwischenspiel, das einen Stilschwenk erahnen lassen könnte, irritiert ein wenig, bleibt aber ohne Folgen. So unterscheidet sich die B-Seite markant von der A-Seite, kann aber das hohe Qualitätslevel durchaus halten.

Auch Psycho Surgery ist anno 2020 von Retroactive Records im Rahmen von deren „Metal Icon Series“ und noch in Zusammenarbeit mit dem 2022 verstorbenen Ted Kirkpatrick re-releast worden, wobei der Grundaufbau dem Re-Release von Stop The Bleeding gleicht, also ein Booklet mit allen Texten, einigen historischen Bildern und kurzen Liner Notes des Drummers, dazu vier Bonustracks, diesmal allerdings zwei Demo- und zwei Livenummern. Der Titeltrack kommt in etwas unkontrollierterer Weise daher, vor allem der Gesang ist auf der letztlichen Albumfassung treffsicherer eingepaßt. „Vitals Fading“ fällt in der Demofassung auch nicht weiter auf, betont aber den Unterschied zwischen dem eher konventionellen vorderen Teil und dem frenetischen Schlußsolo noch etwas stärker. Die beiden Livetracks stammen wie schon die drei auf dem Re-Release von Stop The Bleeding aus Anaheim in Kalifornien, woselbst sie am 24.7. mitgeschnitten wurden, abermals in etwas polteriger und schwankender, aber noch anhörbarer Qualität. Interessant ist hier zweierlei. Erstens dauert „Broken Chromosomes“ zwei Minuten länger als die Albumfassung, was sich auf eine Verlängerung des breiten Schlußteils zurückführen läßt – der kommt hier ohne den Keyboardteppich aus, statt dessen sorgt Macias‘ raumgreifender Baß für die atmosphärische Wirkung. Ritter hält sich hier mit den Falsetts übrigens zurück und gestaltet den Schlußteil in ganz anderer stimmlicher Weise. In „Spineless“ dagegen rappt tatsächlich jemand in der ersten Strophe, aber Ritter sagt keine Gäste an, also ist er das entweder selber oder aber Lenaire. Die beiden Demosongs sind hier wie beim Debüt Kirkpatrick-Kompositionen, aber bei den Livetracks ist mit „Broken Chromosomes“ auch eine Ritter-Nummer dabei, so dass die Vermutung, dass es möglicherweise nicht gelungen war, die Rechte für Nicht-Kirkpatrick-Extramaterial einzuholen, zumindest in diesem Fall nicht greifen kann. Mit knapp 59 Minuten ist auch der 2020er Re-Release von Psycho Surgery nicht bis zum Rande gefüllt, aber angesichts der Qualität der „regulären“ knapp 40 Minuten soll das hier nicht der Maßstab sein, auch wenn ärgerlicherweise wieder mal nicht die gleichen Boni verwendet worden sind wie auf einem früheren Re-Release, den Fan somit zum mehrmaligen Zücken der Geldbörse nötigend und die ultimative Version dieses Albums ein Desiderat bleiben lassend, woran sich angesichts von Kirkpatricks Tod wohl auch nichts mehr ändern wird.
Aus rückblickender Perspektive bildet Psycho Surgery den ersten Schritt Tourniquets in Richtung „Wir machen musikalisch, was uns gefällt, ohne Rücksicht auf Verluste“, und mancher Anhänger mag im stillen gehofft haben, „Spineless“ würde nicht zum Hit werden und dann womöglich ein ganzes Album in dieser Stilistik nach sich ziehen. Genau das ist dann auch nicht passiert – aber in der hier gebotenen homöopathischen Dosis sollte selbst der musikalische Modernitätsverweigerer noch keine psychische Reinigung benötigen. Wie auch immer: Wer auf ideenreichen Metal, der trotz stärkerer Neigung zum Thrash immer noch in dessen Grenzbereichen zum Power Metal anzusiedeln ist, steht, findet hier prima Futter für seine Bedürfnisse.



Roland Ludwig

Trackliste

1Psycho Surgery4:14
2A Dog’s Breakfast4:27
3Viento Borrascoso (Devastating Wind)3:06
4Vitals Fading2:46
5Spineless5:12
6Dysfunctional Domicile5:01
7Broken Chromosomes5:21
8Stereotaxic Atrocities4:21
9Officium Defunctorum5:26
10Psycho Surgery (demo)3:54
11Vitals Fading (demo)2:37
12Broken Chromosomes (live)7:26
13Spineless (live)4:51

Besetzung

Guy Ritter (Voc)
Gary Lenaire (Git, Voc)
Erik Mendez (Git)
Victor Macias (B, Voc)
Ted Kirkpatrick (Dr)
Zurück zum Review-Archiv
 


So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger