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Reviews

The New York Second

Music At Night (And Other Stories)


Info

Musikrichtung: Jazz-Fusion

VÖ: 07.03.2022

(SENA)

Gesamtspielzeit: 59:52

Internet:

https://haraldwalkate.com/
https://jazzfuel.com/

The New York Second, dieser Bandname führt allerdings nicht in die USA, sondern in die Niederlande. Hinter dieser Band steckt nämlich der 1970 geborene niederländische Pianist und Komponist Harald Walkate. Seit 1980 spielt er Piano und seit 2015 arbeitet er unter diesem Bandnamen, hier verwirklicht er die Umsetzung seiner Kompositionen. Und so stammen auch alle zehn für das neue, das mittlerweile dritte, Album Music At Night (And Other Stories) von ihm, und arrangiert hat er sich auch alle. Aufgenommen wurde das Album auch in den Niederlanden, im Juli 2021.

Nach Aufnahmen im Quartett- als auch im Quintett-Format erleben wir nun Musik in Septett-Besetzung, und es stellen sich sehr gute Musiker der niederländischen Musikszene vor. Entstanden ist eine Mischung aus verschiedenen Einflüssen, nicht nur aus der Jazzgeschichte, sondern auch Soul, klassische Musik und Latin haben Einzug gehalten. Inspiriert worden sein soll diese Veröffentlichung vom englischen Autoren Aldous Huxley, und zwar von dessen "Music At Night“. So sollen diese Kompositionen entsprechend wie Geschichten aufzufassen sein, mit Handlungssträngen, unerwarteten Wendungen und verschiedenen Kapiteln, die versuchen, "das Unaussprechliche auszudrücken“. (After silence that which comes nearest to expressing the inexpressible is music.[Huxley])

Um auf die Arrangements zurück zu kommen. Harald Walkate kann hiermit sofort punkten, denn die erste Minute des Auftaktsongs, "These Are The Chosen Words", sprechen bereits eine stark individuelle Sprache! Einige Takte mit dem Klavier, ein angedeutes "Mini-Thema", Schlagzeug und Bass eingebunden im Dialog, sind es schon bald Bläser, die dazu stoßen und knappe Statements abgeben. Das hat den Ausdruck einer Big Band, brillant, wie hier mit den Instrumenten gespielt wird, und nach noch nicht einmal zwei Minuten bin ich bereits von den Eindrücken überwältigt. Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich, in der Art habe ich das selten gehört. Und mir sind solche Arrangeure wie Gil Evans besonders ans Herz gewachsen, weil auch er ganz besondere Arrangements schuf. Dieses Gefühl von Evans verspüre ich jedenfalls auch beim Auftaktsong. Das ist kein klassischer Aufbau, man verfestigt sich im Siebener-Verbund, man löst sich, man agiert sehr diszipliniert, um dann plötzlich Raum zu bieten, hier zum Beispiel für das sich plötzlich in Szene setzende Solo der Trompeters und Flügelhornisten Teus Nobel, der im Übrigen als Co-Produzent neben Produzent Walkate wirkte.

Ja, wie soll das noch werden, wenn mich der Auftaktsong bereits derart mitnimmt? "Him, A bull? Ha!! A Bird" versinkt in eine lyrische Stimmung, da assoziiere ich schon fast einen Hauch von Frank Chastenier, auch Pianist. Jesse Schilderink spielt ein Tenor-Saxofon-Solo, dass mir kalte Schauer über den Rücken laufen lässt. Welch' ein individueller Sound das doch ist! Auch er unterstreicht die Lyrik des Songs, allerdings bringt im kratzige Töne bei, kein Ben Webster, kein Paul Desmond, kein Trane, hier und da ein Hauch Honk, langgezogene Töne, einer Welle oder Woge gleich gleitet er durch sein Solo.

Herrje, noch ein Höhepunkt. Ach, es schreitet derart voran, stets entdecke ich stark atmosphärisch angelegte Arrangements, ebenso umgesetzt von der fantastisch aufspielenden Band, die sehr poetisch agiert. So las ich hierzu, dass einige Kritiker sie auch als "cinematic" bezeichneten. Nun, das muss ein vortrefflicher Film sein, für den sie verwendet werden könnte, oder aber, anders betrachtet, jeder Song löst individuelle Filme in einem persönlichen Kopfkino aus. Es ist gelungen, diese verschiedenen Schattierungen von schleichend über schwebend und druck- und kraftvoll miteinander zu verknüpfen, und immer wieder sind es die Solisten, die entscheidend dazu beitragen, dass hier innerhalb der verschachtelten Arrangements eine Lösung und Befreiung entsteht, wunderbar auch das Flötensolo von Mark Alban Lotz bei "The Bostonian"! Der Protagonist selbst steuert auch zu diesem Song ein sehr gefühlvolles und stark romantisch angelegtes Solo bei. Überhaupt empfinde ich seine Soli stark in dieser Richtung orientiert, oftmals mehr im Klassik- als im reinen Jazz- Bereich angesiedelt.

Die Welt ist ertrunken, "The Drowned World" steuert bereits das nächste sehr ungewöhnliche Eingangsthema bei. Das dumpfe Schlagzeug entfernt mich gedanklich ein wenig vom Jazz und bringt Fusion-Elemente ins Spiel, hier denke ich ein wenig auch an Peter Herbolzheimer. Music At Night, genau, dieses Thema ist umgesetzt worden. Irgendwie kann man sie spüren, manchmal wie in einem Schwarz-Weiss-Film. Das Ganze ist stark von Melodien geprägt, mal klingen diese verträumt, manchmal schwelgerisch, manchmal sehnsuchtsvoll, manchmal auch traurig, aber oft auch voller Hoffnung und Zufriedenheit. Vielleicht ist es ja eine gelungene Eingangspforte in die versponnene Welt eines Aldous Huxley?

Interessant wird es auch, wenn man ohne die Rhythmus-Section agiert, hier bei "The Rest Is Silence", ein betörendes Klangbild, da klingen auch bestimmte Songs von Willem Breuker durch und es tönt sehr pastoral. "The Ayes Have It" erscheint mir als der jazzigste Song des Albums, der brillante Drummer bringt ihn galant zum Swingen. Ganz zart kommen die Bläsersätze, ach, wie geschmeidig schlängeln sie sich doch! Ja, der letzte Song des Albums, mit Track Zehn folgt nur noch eine "Reprise" von "The Drowned World", ist ein weiterer und somit der letzte Höhepunkt dieser erstaunlichen Veröffentlichung. Solches hätte ich eigentlich gar nicht mehr erwartet, sind die verschiedenen Spielarten des Jazz doch schon irgendwie fast ausgeschöpft. Einen Wunsch darf ich noch aussprechen, einen Gitarristen hätte ich wohl noch gern dabei gehabt. Vielleicht Philip Catherine?

Ach, wer noch Lust und Musse hat, es liegt ein Booklet bei, in dem zu jedem Song einige Erklärungen zu lesen sind und zur Entstehung der Musik. Das ist sehr interessant und erleichtert den Zugang enorm!



Wolfgang Giese

Trackliste

1 These Are The Chosen Words (6:52)
2 Him, A bull? Ha! A Bird (5:38)
3 The Bostanian (6:10)
4 The Drowned World (7:04)
5 Music At Night (9:34)
6 No More Epilogues (5:59)
7 The Keys Ain’t The Keys No More (6:27)
8 The Rest Is Silence (3:54)
9 They Ayes Have It (7:29)
10 The Drowned World- Reprise (0:42)
(all compositions and arrangements by Harald Walkate)

Besetzung

Teus Nobel (trumpet and flugelhorn)
Mark Alban Lotz (alto flute)
Jesse Schilderink (tenor saxophone)
Vincent Veneman (trombone)
Max Sergeant (drums)
Thomas Pol (double bass)
Harald Walkate (piano)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger