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Reviews

Billy Joel

Streetlife Serenade (Review-Serie, Teil 4)


Info

Musikrichtung: Rock / Songwriter

VÖ: 05.11.2021 (1974)

(Columbia / Legacy / Sony)

Gesamtspielzeit: 37:33

Billy Joel-Vinyl-Review-Serie 2022, Teil 4: Streetlife Serenade



1974 hat Billy Joel sein drittes Album Streetlife Serenade veröffentlich. Ein Album mit dem er fremdelt. In den kurzen Liner Notes des aktuellen Box-Sets sagt er ganz deutlich, es sei nicht das beste Album, das er gemacht habe. Die Hälfte davon sei okay. Und er nennt Gründe. In zu kurzer Zeit habe er Columbia Material für ein zweites Album liefern müssen. Und auf Wunsch der Produzenten habe er mit Musikern aufgenommen, die zwar hervorragend waren. Er hätte aber lieber mit seiner Tour-Band gearbeitet. Und zu guter Letzt wurde das Bild auf dem Rückcover aufgenommen, nachdem man ihm einen Zahn gezogen hatte und er unter Schmerzmitteln stand.


Wer nun einen Flop vermutet, wird auf ein Album stoßen, für das andere Rock-Singer/Songwriter töten würden. Es ist richtig, dass Joel die ganz hohen Trümpfe, die beim Vorgänger Piano Man das Bild geradezu bestimmt hatten, hier nur ein oder zwei Mal auf der Hand hat, aber insgesamt ist die „okaye“ Hälfte deutlich mehr als okay und auch die andere kann sich weitgehend hören lassen.

War Billy Joel auf Piano Man noch auf dem Weg an die Westküste, war er nun in Kalifornien angekommen. Gleich das zweite Stück beschäftigt sich mit den „Los Angelenos“. Wer nun aber das klassische Kalifornien-Bild vor Augen hat und einen Mix aus Palmen, Sonnenschein, Surfbrettern und Longdrinks mit bunten Papierschirmen vor Augen hat, kennt Billy Joel noch nicht. Das schön rhythmische mit wildem Orgelsolo endende Stück ist ein bissiger Spott auf die im „funky exile“ lebenden „all come from somewhere“ Möchtegerns, die hier ein luxuriöses Scheinleben führen und nie in die Straßen „with the spanish Names“ gehen.

Zusammen mit „The Entertainer“ ist das das große Trumpfpaar dieses Albums. „The Entertainer“ ist ein legitimer Nachfolger vom „Piano Man“; nur dass der Entertainer nicht mehr auf kleinen Nachtclub-Bühnen sitzt, sondern bereits „all around the World“ gewesen ist. „Today I am your Champion“ ist keine rein freudvolle Aussage. Zum einen kennt er den Preis, den er bezahlt hat. Er hat seine Fehler gemacht und dafür bezahlt. Und während er als „Piano Man“ die ganzen Stammgäste im Club und an der Bar mit ihren Macken und Eigenarten kannte, ist jetzt die große Anonymität angesagt. „I can’t remember Faces, I don’t remember Names.“ Und selbst mit seiner Kunst ist es so eine Sache. Das Stück, das man gerade von ihm im Radio hören kann, „took me Years to write it“, aber um einen Hit zu erzielen, wurde es auf 3:05 Minuten zurechtgekürzt. Und von Dauer ist das alles sowieso nicht. „I won’t be here in another Year if I don’t stay on the Charts”.

Depression hört sich allerdings anders an. Billy stürmt durch das Stück, wie durch „Billy the Kid“ auf dem Vorgänger und lässt seine Studio-Mitstreiter reichlich Instrumentalfeuerwerke abbrennen. Klasse!

Apropos Instrumentalfeuerwerke. Die beiden Instrumentalnummern des Album rangieren gleich hinter den beiden Top-Songs auf der Haben-Seite von Streetlife Serenade - „Mexican Connection“, eine sanfte Nummer, die in jedem Western bei einer In-die-untergehende-Sonne-reiten-Szene Verwendung finden könnte (icl. angedeuteten Hufgeräuschen), und vor allem der fast wahnsinnige „Root Beer Rag“.

„Roberta“ ist das bislang wohl beste Beispiel für die Gänsehaut-Balladen, die Billy Joel im Lauf seiner Karriere geschrieben hat. Das Besondere an diesem Song ist die sehr einfühlsame Beschreibung eines Mannes, der sich in eine Hure verliebt hat und genau weiß, dass er sie sich nur stundenweise leisten kann und mit anderen teilen muss.

Mit dem rock’n’rolligen „Weekend Song“ schlüpft Billy Joel in die Schuhe eines 9 to 5 Arbeiters. Das Thema ist alt, aber eher universell als abgetragen. Man entkommt am Freitag der Tretmühle des Alltags und freut sich darüber, dass man noch genug Geld in der Tasche hat, um einen drauf zu machen.

„The great suburban Showdown” spielt zwischen den Welten. Billy sitzt im Flieger Richtung Osten. Bei der Vorstellung in den altbekannten Sonntags-Blues einzutauchen und mit dem Eltern beim Grillen im Garten zu sitzen gehen ihm zwei Gedanken durch den Kopf. „I should have packed my Gun“. Oder sollte er besser den alten Fluchtweg der Jugendzeit benutzen. „Think I’m gonna hide out in my Room“.
Dazu gibt es einen ruhigen Soundtrack der die Ambivalenz solcher Sonntagnachmittage hervorragend transportiert und Langweile und wohltuenden Frieden gleichermaßen abbildet. (Ähnliches kenne ich sonst nur vom „Sunday Waltz“ der fast völlig vergessenen Krautrocker Tritonus.)

Der Opener und Titelsong ist tatsächlich etwas enttäuschend. Sowohl vom Text als auch von der Musik her hat man den Eindruck, dass das Stück sein Ziel noch nicht erreicht hat. Es wirkt eher wie eine Ideensammlung, denn wie ein durchkomponiertes Stück.

„Last of the big Time Spenders” ist ein ironischer Abgesang auf eine große Zeit. Der abgerissene Protagonist des Stücks ist kein „big Spender“. Das Einzige was er in verschwenderischer Menge zur Verfügung hat, ist Zeit. Das Ganze wird akustisch mit einem etwas schluchzenden Country-Sound illustriert, der glücklicherweise diesseits des Kitsches bleibt.

Blasseste Nummer des Albums ist das kurze „Souvenir“ kurz vor Ende der zweiten LP-Seite, an das sich wohl niemand lange erinnern wird.

Bei der Ausstattung geht man wieder zu der des Debüts zurück. Das Vinyl steckt in einer ungefütterten weißen Innentasche mit beidseitiger Labelaussparung. Das einfache Steckcover bietet auf der Rückseite die Tracklist, einige Credits und die Besetzungsliste. Die Texte finden sich nur im Booklet des Boxsets.



Norbert von Fransecky

Trackliste

Seite 1
1 Streetlife Serenader (5:18)
2 Los Angelenos (3:41)
3 The great suburban Showdown (3:41)
4 Root Beer Rag (3:00)
5 Roberta (4:28)

Seite 2
1 The Entertainer (3:39)
2 Last of the big Time Spenders (4:36)
3 Weekend Song (3:31)
4 Souvenir (2:01)
5 The mexican Connection (3:38)

Besetzung

Billy Joel (Voc, Keys)
Ron Tutt (Dr)
Emory Gordy (B)
Larry Knechtel (B)
Wilton Felder (B)
Tom Whitehorse (Banjo, Pedal Steel)
Gary Dalton (Git)
Richard Bennett (Git)
Mike Deasy (Git)
Al Hertzberg (Git)
Roj Rathor (Git)
Don Evans (Git)
Art Munson (Git)
Michael Stewart (Git)
Joe Clayton (Congas)
William Smith (Orgel)

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger