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Reviews

Armored Saint

Symbol Of Salvation


Info

Musikrichtung: Power Metal

VÖ: 18.05.2018 (14.5.91)

(Metal Blade)

Gesamtspielzeit: 73:04

Internet:

http://www.armoredsaint.com

In den frühen Neunzigern war der Damals-noch-nicht-Rezensent zwar nicht der einzige Metaller an seinem Gymnasium, wohl aber der einzige, der sich für traditionellen Metal interessierte – die anderen Metaller bewegten sich eher im sehr harten und/oder düsteren Bereich, wo wir dann gemeinsam großartige Bands wie Amorphis oder Tiamat entdeckten. Bei der „Erschließungsarbeit“ des traditionsmetallischen Bereichs aber half außer einem älteren Cousin (der zugleich die Zuneigung zum Siebziger-Rock weckte) und später einigen Konzertfreunden niemand, weder bei den aktuellen noch bei den älteren Bands, so dass die Sammlung zwar immer weiter anwuchs, aber zwangsläufig auch lückenhaft bleiben mußte (ganz zu schweigen von dem Aspekt, dass jede Tonträgersammlung per se nur eine riesige Lücke mit hier und da ein klein wenig Substanz darstellt).
Eines Tages gelangte die LP Symbol Of Salvation von Armored Saint in die hiesige Kollektion und wanderte auch öfter mal auf den Plattenteller, da das Gehörte zu gefallen wußte, wenngleich sich nicht ein derart euphorischer Zustand einstellte, dass sofort auch alles andere Material der Formation eingekauft worden wäre. So gesellte sich einige Zeit später lediglich noch der LP-Vorgänger Raising Fear dazu, während die beiden Frühwerke March Of The Saint und Delirious Nomad bis heute nicht hier eingezogen sind und auch die ab 2000 sporadisch erschienenen neuen Scheiben hier nur sehr lückenhaft vertreten sind bzw. partiell auch noch auf dem großen Stapel der Ungehörten verweilen.
In einem Elektromarkt grinste den Mittlerweile-Rezensenten nun ein preisgünstiger CD-Re-Release von Symbol Of Salvation mit vier Bonustracks an und wanderte prompt nicht nur in den Einkaufskorb, sondern alsbald auch in den CD-Player – die LP war mehr als zwei Dekaden nicht mehr gehört worden und das Werk auch nicht als Stream aus den Computerboxen gedrungen. Und was soll man sagen: Der kapitale Opener „Reign Of Fire“ zündet wie vor einem reichlichen Vierteljahrhundert, und der Refrain ist noch ebenso auswendig mitformulierbar wie so manch anderer der insgesamt zwölf mit Gesang versehenen regulären Albumnummern – die dreizehnte ist ein Instrumental namens „Half Drawn Bridge“, aber auch deren Hauptthema hatte sich ganz hinten im Hirn festgekrallt und erzeugt nun schon beim ersten Hördurchlauf ein wohliges Aha-Erlebnis mit angenehmen Schauern im Rückenmark, die sich im balladesken Beginn des folgenden „Another Day“ noch steigern. Selbiges zählt zweifellos zu den allerallergrößten Halbballaden, die sich eine Metalband je aus dem Ärmel geschüttelt hat, wobei hier kein schleppender harter Part angesetzt worden ist, sondern nach drei Minuten durchaus flotter Midtempometal entsteht, ausgestattet mit frenetischen Gitarrensoli, wobei allerdings auch auf das ganze Album bezogen festzuhalten bleibt, dass Neuzugang Jeff Duncan und Rückkehrer Phil Sandoval auf ihren Instrumenten zaubern, was das Zeug hält, aber auch Bassist Joey Vera keineswegs nur im von ihm verfaßten Instrumental „Half Drawn Bridge“ unter Beweis stellen darf, dass er mehr kann als nur simpel den Rhythmus zu halten.
„Ânother Day“ bildet mit seinem furiosen Finale, bei dem man nicht nur einmal an Savatage denkt, vor allem wenn John Bush mal kurz so kreischt wie Jon Oliva (ohne dass man den US-Westküstlern damit freilich einen Kopiervorgang der US-Ostküstler vorhalten sollte), das Ende der einstigen A-Seite, die mit Ausnahme des etwas unauffällig vor sich hin groovenden „The Truth Always Hurts“ (das aber im Solopart auch wieder Aufregendes auffährt) quasi ausschließlich aus Allzeitklassikern besteht. Dem bereits gelobten Opener folgt das etwas zurückhaltendere „Dropping Like Flies“, bevor das mit einem unwiderstehlichen Vorwärtsdrang ausgestattete „Last Train Home“ fast in Melodic-Rock-Gefilde abdriftet und in einer gerechten Welt ein Hit geworden wäre. „Tribal Dance“ wiederum stellt praktisch den großen Bruder von „The Truth Always Hurts“ dar, eingeleitet durch, jawohl, indigene Percussion von allen Kontinenten und unter Beweis stellend, dass sich die Termini „Groove“ und „traditioneller Metal“ noch 1991 nicht zwingend ausschlossen und es ein Klassedrummer wie Gonzo Sandoval auch gar nicht nötig hatte, sich etwa vorschreiben zu lassen, was in den Kontext dieser durch und durch urtraditionellen Metalband paßt und was nicht. Da Armored Saint schon von Beginn an in die sich zwischen den Polen der Thrasher und der Poser auftuende Kluft gefallen waren und trotz energischer Liveshows, Majordeal (für die ersten drei Alben) und permanentem Kritikerzuspruch (sowohl Raising Fear als auch Symbol Of Salvation gewannen den Soundcheck im Metal Hammer) nie auf einen grünen Zweig kamen (das hatte schon Buffo Schnädelbach in seinem Metal-Hammer-Review zu Raising Fear festgestellt, und auch Matthias Herr stimmte im ersten Band seines Heavy-Metal-Lexikons die Litanei von der Diskrepanz aus Resonanz und Pekuniarität an), konnte das Quintett sowieso mehr oder weniger machen, was es wollte – es half alles nichts, und auch die Tour mit den Scorpions zur Promotion von Symbol Of Salvation hinderte das Schiff nicht mehr am Sinken.
Vor dem Sinken und dessen Beweinung gilt es aber noch die alte B-Seite zu würdigen. Der eröffnende Titeltrack läßt eine ähnliche Knallerdichte wie auf der A-Seite erhoffen und gestaltet die Dynamik geschickt mit einer Verharrung im Mittelteil. Die nächsten drei Songs verhindern allerdings, dass das Album zum absoluten Überflieger mutiert: „Hanging Judge“, „Warzone“ und „Burning Question“ bieten allesamt soliden Metal mit abermals merkfähigen Refrains, die schon beim ersten Wiederhören nach mehr als 20 Jahren mitformuliert werden können, aber eben in der Gesamtbetrachtung nichts sonderlich Bemerkenswertes. So etwas kommt erst wieder mit dem Sieben-Minuten-Epos „Tainted Past“, einem weiteren Übersong, schon im Intro Veras Baß gestalterische Funktionen übernehmen lassend, geschickt Akustik- und Elektrikgitarren koppelnd und das erste Solo von einer Demoaufnahme extrahierend, die der 1990 an Leukämie verstorbene Langzeitgitarrist Dave Prichard eingespielt hatte. Mit „Spineless“ steht wie schon auf der Vorgänger-LP (dort „Underdogs“) der härteste Song ganz am Ende der Scheibe – den hätte John Bush durchaus auch zu Anthrax mitnehmen können, und qualitativ wäre er in deren Schaffen allenfalls positiv aus dem Rahmen gefallen. So schließt ein großer Donnerschlag sowohl Symbol Of Salvation als auch die frühe Albumkarriere von Armored Saint ab.

Zwischen Raising Fear und Symbol Of Salvation war eine Reihe von Demoaufnahmen entstanden, in wechselnden Besetzungen mit einzig Bush und Vera als Konstanten. Drummer Gonzo hatte zwischenzeitlich seinen Hut genommen und war durch Eddie Livingston ersetzt worden, kehrte allerdings nach einiger Zeit zurück. Prichard war nach dem Ausstieg Phil Sandovals in der Frühzeit der Bandkarriere jahrelang der einzige Gitarrist gewesen, holte dann aber versuchsweise Alan Barlam dazu, den US-Metal-Kenner von Hellion noch auf dem Schirm hatten. Das funktionierte nicht, und erst Jeff Duncan, der früher schon mal ausgeholfen hatte, blieb im zweiten Versuch fest dabei und bekam nach Prichards Tod dann Rückkehrer Phil Sandoval an die Seite, womit das Quintett beisammen war, das dann einige der vielen Dutzend Demotracks für die Albumfassung von Symbol Of Salvation einspielte. Zahlreiche andere aber blieben in den Archiven, einige wurden später allerdings als Bonustracks für bestimmte (Re-)Releases veröffentlicht, allen voran „Creepy Feelings“. Auch der vorliegende Re-Release fährt vier Tracks aus 1989er Sessions auf, allerdings in unterschiedlichen Besetzungen eingespielt: Gonzo trommelt schon (oder noch) in allen und hat „Tongue And Cheek“ und „Pirates“ auch mitgeschrieben, während Duncan in zwei der vier zu hören ist und „Get Lost“ zudem ein Solo von Barlam enthält. Gerade bei dieser Nummer ist’s schade, dass sie letztlich nicht weiter ausgearbeitet wurde, denn hier hätte noch was der Kategorie „Underdogs“/„Spineless“ draus werden können. „Medieval Nightmares“ ist so typisch für diese Band, wie nur irgendwas typisch für diese Band sein kann, während „Tongue And Cheek“ (auf dem Digipack zu „Toungue And Cheek“ verhunzt) den Groovefaktor anfangs stark betont, aber ihn gekonnt mit geradlinigen Passagen koppelt. „Pirates“ stellt eine für diese Truppe eher ungewöhnliche speedige Nummer dar, die man sich gleichfalls gut auf dem Album hätte vorstellen können. Hier wie auch im Songvorgänger ist anfangs ein wenig Studioatmosphäre in Form von sich unterhaltenden Menschen mit draufgelassen worden. Das etwas unterschiedliche Soundgewand bekräftigt die Angaben aus dem Digipack-Posterbooklet, die auf verschiedene Sessions hinweisen, während die Encyclopedia Metallum ein 9-Track-Demo vom März 1989 (mit Prichard und Livingston) erwähnt, auf dem all diese vier Songs auch enthalten sind. Aber offenbar sind sie damals mehrfach eingespielt worden – ob es eine bewußte Entscheidung war, keine Aufnahmen mit (dem 2018 verstorbenen) Livingston zu berücksichtigen, muß an dieser Stelle offenbleiben.
Wer die 2001er Raritätensammlung Nod To The Old School besitzt, kann nachschauen, ob dort die gleichen Versionen der vier hiesigen Bonustracks vertreten sind oder aber andere. Wenn es die gleichen sind und man auch das Original von Symbol Of Salvation (oder einen anderen Re-Release, z.B. den bisher voluminösesten mit Demoaufnahmen und zudem einem Interview, verteilt auf insgesamt drei CDs) besitzt, kann man sich den Erwerb der vorliegenden Version der Scheibe sparen. Wer aber an dieser Stelle noch eine Sammlungslücke hat, bekommt einen starken Anreiz, sie zu schließen: Weit über eine Stunde origineller Traditionsmetal, der in der Nachbetrachtung fast noch etwas stärker wirkt als vor reichlich zwei Dekaden (und kein bißchen gealtert ist!), übt einen durchaus spürbaren Reiz aus. Das sieht übrigens offenbar auch die Band so, die jüngst einen Konzertmitschnitt namens Symbol Of Salvation: Live veröffentlicht hat, der eine Komplettaufführung des Albums enthält.



Roland Ludwig

Trackliste

1Reign Of Fire3:57
2Dropping Like Flies4:39
3Last Train Home5:19
4Tribal Dance4:07
5The Truth Always Hurts4:20
6Half Drawn Bridge1:26
7Another Day5:32
8Symbol Of Salvation4:36
9Hanging Judge3:45
10Warzone3:38
11Burning Question4:18
12Tainted Past7:04
13Spineless4:19
14Medieval Nightmares (Demo)4:54
15Get Lost (Demo)3:41
16Tongue And Cheek (Demo)4:13
17Pirates (Demo)3:09

Besetzung

John Bush (Voc)
Jeff Duncan (Git)
Phil Sandoval (Git)
Joey Vera (B)
Gonzo Sandoval (Dr)
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So bewerten wir:

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