····· Silberfeier von Ohrenfeindt im Gruenspan konserviert serviert ····· Grafitti sei wie Punk aus der Spraydose kommentieren Gatuplan ihr neues Video ····· Peter Goalby, Ex-Sänger von Uriah Heep, veröffentlicht bislang nie erschienenes Soloalbum ····· Vorwiegend akustische Arrangements auf Live-Dokument der Fleet Foxes ····· Eine Reise durch die nordische Mythologie mit Hel’s Throne ·····  >>> Weitere News <<<  ····· 

Reviews

Destouches, A. C. (Satre, S. – Blanchard, M.)

Semiramis


Info

Musikrichtung: Barockoper

VÖ: 02.07.2021

(CVS / Note 1 / 2 CD / DDD 2020 / Best. Nr. CVS038)

Gesamtspielzeit: 127:38

INSPIRIERENDER MISSERFOLG

Vielleicht lag es schlicht am Libretto, dass André Cardinal Destouches´ Musiktragödie „Semiramis“ 1718 beim französischen Publikum nicht richtig ankam: Die Hauptperson, die machtbewusste babylonische Königin Semiramis, ist keine Medea, weder leidenschaftlich noch verrucht genug, um zu berühren oder zu schockieren. Daran ändern auch ihre inzestuöse Liebe zu ihrem Sohn Arsane nichts, der am Ende eher versehentlich ihren Tod verursacht, oder die Eifersucht auf ihre designierte Nachfolgerin Amestris noch das konfliktreiche Verhältnis zum dunklen Zauberer Zoroaster.
Vielleicht war aber einfach nur der Geschmackswandel für den Misserfolg verantwortlich: 1712 landete der gleiche Komponist mit seiner Tragédie lyrique "Callirhoé" noch einen großen Erfolg. Doch nach dem Tod des Sonnenkönigs 1715 wünschte das Publikum endlich einmal zu entspannen und zartere Empfindungen auf der Bühne zu sehen. Die großen pathetischen Themen mit ihren Haupt- und Staatsaktionen, ihren Heroenkämpfen und Götterzwisten waren schlicht out.
Dabei war es genau das, was Destouches besonders am Herzen lag: das ganz große Drama. Musikalisch stand er, ohne italienische Anleihen, in der strengen Tradition eines Jean-Baptiste Lully und dem von diesem kreierten repräsentativen französischen Barockopernstil. „Semiaramis“ sollte dennoch Destouches letztes Werk dieser Art bleiben, danach wandte er sich den beliebteren leichteren Genres zu, komponierte aber nur noch wenig und überarbeitet lieber seine einstigen Erfolge für Wiederaufnahmen.

Rund 300 Jahre nach dem Flop haben sich die Gambistin Margaux Blanchard und der Flötist Sylvain Sartre der seitdem still ruhenden Partitur angenommen und sie mit ihrem Ensemble „Les Ombres“, einer versierten Solist:innen-Riege und dem Chor von „Les Concert Spirituel“ einstudiert und noch kurz vor dem Corona-Lockdown in der Versailler Oper eingespielt.

Destouches erweist sich hier erneut als einer der interessantesten Komponisten der langen Übergangszeit zwischen dem Tod Lullys 1687 und der Premiere von Jean-Philippe Rameaus Opernerstling 1733. Der Komponist kopiert Lully nicht einfach, er entwickelt dessen Format weiter: in den expressiven Rezitativen und orchesterbegleiteten Airs mit ihren oft neuartigen harmonischen Wendungen, in den kontrapunktisch angereicherten Chören, den geschärften Dissonanzen und frischen Tanzinventionen sowie mit einem entschlackten Orchester zeigt Destouches deutlich, dass hier ein eigenständiger Kopf die französische Opernwelt bereichert. Dabei steht das Libretto von Pierre-Charles Roy mit seinen oft breit ausgemalten Beschwörungs- und Opferszenen in einer gewissen Spannung zum dramatischen Druck, den Destouches mit seiner Musik aufbaut. Zugleicht sind eben diese aus vielen überwiegend kurzen Nummern bestehenden „Divertissements“ musikalisch besonders reizvoll - man möchte sie darum nicht missen.

Sartre und Blanchard bringen in ihrer Version denn auch eine weitgehend vollständige Fassung zur Gehör – wobei aus dem Kommentar nicht hervorgeht, dass der damals übliche Prolog gestrichen wurde, er wurde in der vom Ensemble angefertigten modernen Edition offenbar nicht berücksichtigt (verfügbar in der IMSLP-Datenbank). So gelangt man hier nach der dynamischen Ouvertüre gleich mitten ins Drama. Der Eröffnungsmonolog der Semiramis zeichnet mit seinen Dur-Moll-Schwankungen bereits ein Porträt der ambivalenten Königin, die zwischen Pflicht und Begehren hin- und hergerissen ist. Eléonore Pancrazi singt Semiramis mit schlanker Stimme und gleichwohl voller Tongebung, die auf ein präsentes Vibrato nicht verzichtet – dies tun auch die übrigen Sänger:innen nicht. Dieser eher lyrische Zugriff schließt allerdings eine klare Diktion und Textverständlichkeit nicht aus, wenngleich Verzierungen mitunter etwas nivelliert erscheinen. Am überzeugendsten ist Emmanuelle de Negri, die die Amestris mit viel Sensibilität und Wärme darstellt; dieser fast schon engelgleiche Charakter erscheint dadurch zugleich anrührend menschlich. Mathias Vidal legt wie immer seine ganze Differenzierungskunst in die Gestaltung des Arsane, wobei man sich hier auch einen weniger druckvollen Angang vorstellen könnte. Thibault de Damas Zoroaster ist von dunkler Noblesse, die selbst im eifersüchtigen Zornesrasen nicht gänzlich verloren geht.

Unter der Leitung von Sartre wird geschmeidig und spannungsvoll musiziert; er treibt das eher klein besetzte Orchester pointiert voran und sorgt dafür, dass die Musik konsequent auf die jeweiligen Höhepunkte und schließlich den Tod der Semiramis zusteuert. Effektvoll donnert der Götterzorn, brausen die Sturmwinde und tanzt die Volksmenge im rituellen Rausch, punktgenau grundiert von der Perkussionistin Marie-Ange Petit. Die barocken Konventionen erweisen sich in dieser farbigen interpretatorischen Ausleuchtung immer wieder als inspiriert gearbeitet.
Doch obwohl "Semiramis" den erfolgreichen Plot der "Callirhoé" mit veränderten Geschlechterkonstealltionen variiert: Mit der Vorgängerin kann das neue Werk trotz vieler schöner Details nicht ganz mithalten, auch wenn sie Destouches Überarbeitung der früheren Oper gleichsam vorwegnimmt. Denn den radikal nüchternen rezitativischen Schluss, mit dem Semiramis ihr Leben aushaucht und die Oper endet, hat Destouches bei seiner Revision der „Callirhoé“ im Jahre 1743 noch einmal für den Tod des Bacchuspriesters Coresus wiederholt: Dramatische Wahrheit mit Zukunftspotential; eine Inspiration, die erst einige Generationen später wirksam wird – man denkt nicht nur an dieser Stelle an Christoph Willibald Glucks späte Beiträge zur Tragédie lyrique!

Insgesamt also ein weiterer lohnender missing link der französischen Barockoperngeschichte.



Georg Henkel

Trackliste

CD 1: Akt 1 und 2 73:13
CD 2: Akt 3, 4. und 5 54:25

Besetzung

Eléonore Pancrazi, Emmanuelle de Negri, Mathias Vidal, Thibault de Damas u. a.

Choeur du Concert Spirituel

Les Ombres

Margaux Blanchard & Silvain Sartre, Leitung

So bewerten wir:

00 bis 05 Nicht empfehlenswert
06 bis 10 Mit (großen) Einschränkungen empfehlenswert
11 bis 15 (Hauptsächlich für Fans) empfehlenswert
16 bis 18 Sehr empfehlenswert
19 bis 20 Überflieger